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Fokus Osteuropa

Ein Jahr EU-Mitgliedschaft: Litauen zieht Bilanz

Ein Jahr nach dem EU-Beitritt strahlt Litauen, der größte der baltischen Staaten, schier grenzenlosen Optimismus aus. Experten nennen als Gründe den seit Jahren andauernden Wirtschaftsboom und freien Wettbewerb.

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Vilnius, Hauptstadt des "baltischen Tigerstaats"

Die Zahlen sind beeindruckend: Seit 1996 hat die litauische Volkswirtschaft um gut 50 Prozent zugelegt, die Weltbank sieht viele Anzeichen für langfristig stabiles Wachstum. Die Arbeitslosigkeit erreichte mit zuletzt zehn Prozent den niedrigsten Stand seit der 1991 wiedererlangten Unabhängigkeit. Der Durchschnittslohn beträgt etwa 600 Euro im Monat. Die Lebenshaltungskosten liegen etwa bei 30 Prozent des Niveaus in den alten EU-Ländern. Alle Wirtschaftsindikatoren zeigen in Litauen steil nach oben.

Löhne sind relativ niedrig

Das Land sei ein baltischer Tiger, glaubt Michael Watson, der die Vertretung der EU-Kommission in Vilnius leitet: "Die Entwicklung ist sehr rasant, aber verglichen mit den so genannten alten Mitgliedsstaaten ist die Wirtschaftskraft immer noch niedrig. Auch die Löhne sind relativ niedrig. Sie steigen, aber auch mit diesen Steigerungsraten sind sie relativ niedrig."

Die Befürchtungen, die die Litauer vor einem Jahr hatten, dass nämlich die Preise nach dem EU-Beitritt einen riesigen Sprung machen würden, haben sich nicht bewahrheitet. In Vilnius werden Grundstücke und Wohnungen aber teurer, weil viele Familien aus den zerfallenden Plattenbauten der Sowjetära in ein neues Haus umziehen wollen. Michael Watson, der Vertreter der EU-Kommission: "Weil die Immobilienpreise stark ansteigen, gibt es Sorgen wegen der Preissteigerung. Es gibt Sorgen wegen der Abwanderung der gebildeten Eliten. Da muss man aber sagen, das ist die andere Seite der Medaille der Reisefreiheit und Niederlassungsfreiheit, die viele Litauer gerade als Vorteil der Mitgliedschaft in der EU ansehen."

Neue Reisefreiheiten

Das alltägliche Leben ist für die Studentin Simona seit dem 1. Mai vor einem Jahr unverändert. Sie genießt vor allen Dingen die Möglichkeit, ohne Formalitäten reisen zu können: "Ich merke nicht viel Veränderungen. Die Regierung sagt zwar, die Wirtschaft wachse, aber das merke ich nicht. Wir jungen Leute waren besorgt, dass zum Beispiel die Preise für Zigaretten steigen würden, aber ich bemerke keine großen Veränderungen." Viele ihrer Kommilitonen wollen im Ausland studieren oder dort arbeiten, allerdings nicht zu Billiglöhnen. Viele gehen in die USA, wo fast jeder Litauer einen Verwandten hat. Denn nach dem 2. Weltkrieg gingen eine Million Litauer nach Amerika. In Litauen leben heute 3,4 Millionen Menschen.

Große Projekte mit Hilfe von EU-Geldern

Der Bürgermeister von Vilnius, Arturas Zuokas, ist vom EU-Beitritt begeistert. Die Zahl der Übernachtungsgäste sei um fünfzig Prozent gestiegen, berichtet er. Stolz zeigt Arturas Zuokas auf ein Modell, dass für die Skyline von Vilnius ein ganzes Dutzend neuer Bürohochhäuser und großzügige Straßen vorsieht: "Wir bereiten in diesem Jahr große Projekte im Straßenbau vor, die die EU finanziert. Ohne das Geld der Europäischen Union hätten wir in Vilnius dazu sehr viel längere Zeit gebraucht."

Rund 400 Millionen Euro flossen im vergangenen Jahr aus Brüsseler Kassen nach Litauen. Ein großes Problem ist nach wie vor die Korruption. Etwa 20 Prozent der Wirtschaftsleistung landet in dunklen Kanälen, so offizielle Schätzungen. Die staatliche Finanz- und Schuldenpolitik sei aber insgesamt auf gutem Weg, glaubt der Chef der litauischen Nationalbank. Reinoldijus Sarkinas geht davon aus, dass Litauen im Jahr 2007 den Euro als Währung einführen kann.

Deutschland ist wichtigster Handelspartner

Optimismus verbreitet auch die deutsch-baltische Auslandshandelskammer. Deutschland ist mit 2,5 Milliarden Euro Handelsvolumen der wichtigste Partner für Litauen. Die deutschen Unternehmen entdeckten den Markt und die Drehscheibe im Osten, sagt Ralph Georg Tischer, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer: "Wir haben seit dem 1.4. 2004 sehr viel mehr Anfragen, nicht nur im Bereich des Handels, der wächst weiter um fünf Prozent, aber auch die Investitionsprojekte sind deutlich mehr, als das vor Jahr und Tag der Fall war."

Gestiegenes Selbstbewusstsein der Litauer

Nach Einschätzung von Michael Graham, dem Vertreter der EU in Vilnius, sind die Litauer zufrieden mit ihrer Rolle in Europa. Sie legen großen Wert auf ihre Unabhängigkeit und den Schutz, den NATO und EU vor den großen Nachbarn, Weißrussland und Russland im Osten bieten: "Ein große Veränderung ist das gestiegene Selbstbewusstsein der Litauer. Sie sind optimistischer mit Blick auf Europa. Einmal wegen der wirtschaftlichen Gründe, aber auch wegen des Gefühls, dass sie in einer sicheren Gemeinschaft angekommen sind, in der sie Gehör finden."

Bernd Riegert/Brüssel
DW-RADIO, 1.5.2005, Fokus Ost-Südost