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Wirtschaft

Ein Jahr Draghi als EZB-Chef

Ungewöhnliche Probleme erfordern ungewöhnliche Lösungen: Das ist das Leitmotiv von EZB-Chef Draghi. Der Italiener will den Euro um jeden Preis retten. Resolut und gegen Kritik baut er die Rolle der EZB kräftig aus.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi Foto: (dapd)

Mario Draghi

Erst "Pickelhaube", nun Charmeoffensive: Vor einem Jahr rückte Mario Draghi an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). Im Gepäck hatte der Italiener das Versprechen, als oberster Währungshüter Europas in der Tradition der Bundesbank stabile Preise zu garantieren. Die "Bild"-Zeitung verpasste "Super-Mario" gar zum Start eine Pickelhaube: Der Helm sollte den ehemaligen Chef der italienischen Notenbank an preußische Tugenden erinnern.

Glaubt man den Kritikern um Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und EX-EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, ist davon nicht viel übrig. Inzwischen muss Draghi für seinen Krisenkurs werben - sogar im Bundestag. In den Augen der Skeptiker spielt Draghi durch seine umfassenden Maßnahmen im Kampf für den Euro mit der Unabhängigkeit der Notenbank - und riskiert eine hohe Inflation. Commerzbank-Ökonom Christoph Balz moniert: "Die EZB wird immer mehr in die Staatsfinanzierung hineingezogen."

EZB kämpft um Euro - koste es was es wolle

Der frühere Exekutivdirektor der Weltbank übernahm im November 2011 ein schweres Erbe in einer tiefen Krise. Und legte los wie die Feuerwehr: Gleich zum Einstand senkte er überraschend die Zinsen. Dabei sollte es nicht bleiben. In seinen 12 Monaten an der Spitze der Notenbank zog Draghi sämtliche Register - und erfand neue Instrumente. Die Zinsen sind auf Rekordtief von 0,75 Prozent, Billionen wurden in das Bankensystem gepumpt.

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Außerdem wurde ein neues Kaufprogramm von Staatsanleihen aufgelegt - von dem sich die EZB eine gewaltige Feuerkraft erwartet: Müssen Wackelkandidaten wie Spanien oder Italien zu hohe Zinsen am Markt bezahlen, tritt die Notenbank als Käufer auf. Und zwar ohne Limit: Die "Bazooka" soll den Durchbruch gegen die Dauer-Misere bringen. Allerdings stellen die Währungshüter eine Bedingung: Die Länder müssen unter einen Euro-Rettungsschirm schlüpfen und sich zu Reformen verpflichten. Draghi gibt sich stark: "Der Euro ist unumstößlich." Die EZB werde die Währung erhalten - koste es, was es wolle.

Scharfe Kritik an Draghi

In Deutschland geht diese grenzenlose Zusage vielen Beobachtern zu weit. Die Zentralbank bediene sich der Notenpresse, um Finanzprobleme der Südländer zu lösen, wettert ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: "Es steht das Vermögen eines jeden einzelnen Bürgers auf dem Spiel." Denn Draghi manövriert Steuer-Milliarden - ohne demokratische Legitimation und weitgehend ohne parlamentarische Kontrolle.

Skeptiker bezweifeln, dass die EZB ihre Rettungsmilliarden rechtzeitig wieder einsammeln und so einen drastischen Anstieg der Inflation verhindern kann. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert: "Politiker fürchten, vom EZB-Chef entmachtet zu werden und Ökonomen sehen die Unabhängigkeit der Notenbank bedroht." Draghi habe sich auf ein beispielloses Abenteuer eingelassen.

Draghi verteidigt seinen Kurs

Draghi kennt die Kritik - und die Kritiker. Von seinem Weg lässt sich der ehemalige Jesuitenschüler dadurch aber nicht abbringen. Stattdessen begibt er sich auf eine Charmeoffensive und erklärt seinen Kurs nicht nur vor Industriellen, sondern auch im Bundestag. Das hat vor ihm noch kein EZB-Präsident getan. Vom "Gang nach Canossa" war vorab die Rede, weil etwa CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt den 65 Jahre alten Italiener als "Falschmünzer" bezeichnet hatte. Doch der Auftritt vor den Parlamentariern lohnte sich, Unionshaushälter Norbert Barthle lobte den Bank- und Finanzexperten: "Er erschien uns als preußischer Südeuropäer."

Draghi gilt als klar und nüchtern. Und er kann sich durchsetzen. Was der Ex-Analyst von Goldman Sachs offensichtlich nicht mag, sind langsam mahlende Mühlen. Draghis EZB muss immer häufiger als schnelle Eingreiftruppe gegen Schuldenkrise, drohenden Bankenkollaps und Rezession einschreiten. Künftig sollen die Währungshüter im Frankfurter Eurotower auch Geschäftsbanken überwachen - damit wird die Macht des schlanken Italieners weiter wachsen.