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Kultur

Ein israelisches Haus als Hauptdarsteller

Seit 25 Jahren dokumentiert der israelische Filmemacher Amos Gitai die Umbauarbeiten eines Hauses in Jerusalem. Langweilig? Ganz im Gegenteil: Denn Gitai erzählt in "House" auch die Geschichten der wechselnden Bewohner.

Die Trennmauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten

Filmszene aus "News from Home"

Amos Gitai, wohl der bedeutendste israelische Regisseur, ist vor allem für seine kontroversen Spielfilme bekannt: "Kadosh", "Kedma", "Kippur" und jüngst "Free Zone" liefern kritische Betrachtungen des Heiligen Landes.

Gitais weniger bekannte Langzeit-Dokumentationen führen ihn über Jahrzehnte hinweg immer wieder an Orte, die ihm als Sinnbild für die israelische Gesellschaft dienen. "House" ist dabei sein neuster Film, der jetzt auch in Deutschland läuft.

"House"

Vor 25 Jahren nahm der Filmemacher umfassende Restaurierungsarbeiten zum ersten Anlass, aus den Geschichten der einstigen und jetzigen Bewohner und Nachbarn ein faszinierend widersprüchliches Gesellschaftsporträt zu zeichnen.

"House" dokumentiert den Baustellen-Besuch des vormaligen Besitzers, Dr. Dajani, der 1948 im Zuge der Staatsgründung Israels vertrieben wurde. Und er zeigt den gleichfalls vertriebenen palästinensischen Steinmetz, der vor der Kamera und in Anwesenheit des israelischen Bauherren nicht so recht herausrückt mit seinem Zorn darüber, was er von seiner Arbeit eigentlich hält.

Der Unmut der arabischen Vertriebenen, die Utopien und Hoffnungen der zionistischen Gründergeneration - all diese Geschichten stehen in dieser Dokumentation gegeneinander und nebeneinander. Nicht unbedingt verwunderlich, dass "House", ursprünglich für das israelische TV produziert, als problematisch empfunden und abgesetzt wurde.

"A House in Jerusalem"

1997 kehrte Amos Gitai, anlässlich der Ermordung Rabins, wieder an den Drehort zurück: "A House in Jerusalem" drang weiter in die Geschichte von Haus und Anwohnern ein und verknüpfte erneut die Geschichte des Hauses mit der Geschichte des Staates. Der Filmemacher spricht mit dem Sohn und der Enkelin des alten Dr. Dajani, beide gleichfalls Mediziner, über ihren Status als Bürger zweiter Klasse und ihre Ängste.

Nur einen Steinwurf und doch Welten entfernt von den neuen Bewohnern der Straße "Dor Dor Vedorshav": Eine junge orthodoxe Emigrantin, deren Mutter und Großmutter in Auschwitz waren: "Die Menschen in Amerika fühlen sich leer", sagt sie. Israel sei für sie "wie eine warme Schale Milch", auch wenn der Messias noch nicht gekommen sei. Und die Palästinenser? Sie habe schon mal mit einem arabischen Taxifahrer gesprochen, antwortet sie.

Bei vielen allerdings haben kritischere Erwägungen die romantischen Phantasien über ein Land im Aufbruch ersetzt. Die jetzige Bewohnerin des Hauses, die während des Yom-Kippur-Krieges zur "moralischen Unterstützung" nach Israel übersiedelte, will mit den "Legenden" aufräumen: "Der Traum Israel sei anders als alle anderen Länder, Israel sei besser und so weiter. ist eine Illusion. Diese Illusion verschwindet, und das finde ich gut ..."

In dem schwarzweiß gefilmten ersten Teil sah man noch ein in klare politische Fraktionen geteiltes Land. Nun, 1997, zeigt "A House in Jerusalem" Israel als eine aus Patchwork-Identitäten, aus vielen Biografien und Einzelschicksalen zusammengepuzzelte Gesellschaft, in der jeder seine eigene Wahrheit suchen muss.


"News from Home"

In Absprache mit dem Arte-Produzenten Thierry Garrel begann Amos Gitai 2005 eine erneute Revision: "News from Home" sucht ein drittes Mal jene Straße auf, die so viel Eigentümliches einzufangen scheint. Immer noch, oder schon wieder, wird dort angebaut, umgebaut.

Und mit dem Gesicht der Stadt verändert sich auch die Lebensweise der Bewohner. Gitai stößt auf eine ausufernde Diaspora: "Eine junge Generation von Israelis, die nach Kanada und London ausgewandert waren; palästinensische Nachfahren, die in Jordanien oder Montreal lebten. Dieser kompakte Mikrokosmos, in dem verschiedene Charakter auftauchen und wieder in neue Richtungen verschwinden, ist der Rote Faden meines Themas", sagt der Filmemacher.

Die neue Unruhe des Globalisierungszeitalters überträgt sich dabei auf den Regisseur; nicht nur ist die frühere Statik der Kamera immer mehr einer suchenden Bewegung gewichen - auch Gitai selber reist. In Jordanien trifft er weitere noch lebende Angehörige der Dajani-Familie - die seit 700 Jahren in Jerusalem ansässig war. Und in Palästina besucht er jenen Steinmetz, der in "House" seinen Groll, seinen Seelenschmerz nur zögernd preisgab. Sein Schwiegersohn findet deutlichere Worte – und dennoch wünschen sich alle Frieden.

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