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Nahost

Ein Israeli gegen 1000 Palästinenser

Nach über fünf Jahren Geiselhaft ist ein Ende in Sicht: der bei der Hamas in Geiselhaft sitzende israelische Soldat Gilad Schalit darf nach Hause. Im Gegenzug sollen über 1000 palästinensische Gefangene freikommen.

Gilad Schalit (Foto: AP)

Gilad Schalit - Freiheit nach über fünf Jahren Haft?

1.941 Tage werden vergangen sein, wenn Gilad Schalit voraussichtlich am Dienstag (18.10.2011) seine Eltern in Jerusalem wieder in die Arme schließen kann. So viele Tage sind vergangen, seit der damals 19-jährige israelische Soldat am 25. Juni 2006 von militanten Palästinensern gefangengenommen und in den Gazastreifen verschleppt wurde. Eine lange Zeit der Angst, Sorge und Ungewissheit wird dann vorüber sein - eine lange Zeit des Leidens für seine Eltern.

Reinhold Robbe (Foto: dpa)

Reinhold Robbe

Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Ex-Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags, hat die Eltern des entführten Soldaten im Frühjahr 2011 in Israel besucht und freut sich im Interview mit DW-WORLD.DE mit den Angehörigen: "Ich habe selber erleben können, welch unglaubliche Energie von den betroffenen Eltern entwickelt worden ist, um den geliebten Sohn irgendwann wieder in den Armen halten zu können."

Jahrelange Ungewissheit

Gilads letztes Lebenszeichen datiert vom September 2009. Damals ist Schalit in einer Videobotschaft zu sehen. Seine Hautfarbe ist blass, er hat stark abgenommen und unter seinen Augen prangen dunkle Augenringe. Auf einem Stuhl sitzend liest er einen vorgefertigten Text ab: "Ich habe schon seit langer Zeit auf meine Freilassung gehofft und gewartet", sagt er emotionslos. Seine Mine verzieht sich ein paar Mal kurz zu einem bemühten Lächeln. "Ich grüße meine Familie und möchte ihnen sagen, dass ich sie liebe und den Tag herbeisehne, an dem ich sie wiedersehe", geht es monoton weiter. Seither schickten die Entführer kein Lebenszeichen mehr.

Gilad Schalit (Foto: AP)

Gilad Schalit - Freiheit nach über fünf Jahren Haft?

Nun ist wieder Bewegung in die Angelegenheit gekommen. Israel und Hamas haben vereinbart, dass es zum großen Gefangenenaustausch kommen soll. Insgesamt sollen 1.027 Palästinenser freikommen. Nach Angaben des israelischen Justizministeriums wird am Sonntag eine Liste mit den Namen von 450 Gefangenen veröffentlicht, die im ersten Teil des Handels gegen Schalit ausgetauscht werden sollen. Schalit soll vom Gaza-Streifen aus nach Ägypten gebracht werden, sobald diese 450 Gefangenen freigelassen werden. Von dort soll Schalit dann weiter nach Israel fliegen.

Um was für Gefangene handelt es sich?

"Unter den Freizulassenden sind nach israelischen Angaben 44 Massenmörder. Das stößt in Israel natürlich auf größten Widerstand", so Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz gegenüber DW-WORLD.DE. Eine weitere Forderung von der Hamas wurde erfüllt, so Meyer: Unter den Freizulassenden sind auch alle israelischen Araber und Bewohner Ostjerusalems. 178 der 450 palästinensischen Gefangenen, die als besonders gefährlich gelten, müssen ins Exil deportiert werden.

Unter den auszutauschenden Gefangenen befinden sich auch mehrere Frauen und Kinder - vor allem letztere Tatsache verwundert. "Es gibt hier keine Strafmündigkeit wie in Deutschland", erläutert Günther Meyer, so dass zum Teil auch Zwölf- oder 13-Jährige, die mit Steinen auf israelische Fahrzeuge geworfen hätten, verhaftet worden seien. "Sie werden - ähnlich wie viele der anderen palästinensischen Gefangenen - vielfach auch ohne Gerichtsverfahren festgehalten." Dem widerspricht Reinhold Robbe. Es handele sich um "rechtmäßig verurteilte Palästinenser, die sich durch terroristische Kriminalakte strafbar gemacht haben und deswegen zum Teil zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind", betont der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Abbas Erfolge brachten Hamas in Zugzwang

Günter Meyer (Foto: Universität Mainz)

Günter Meyer

Für Günter Meyer hängt der Zeitpunkt des Gefangenenaustauschs mit den jüngsten Aktionen von Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas zusammen: Dieser hatte Ende September bei der UN-Vollversammlung die Aufnahme Palästinas in die Vereinten Nationen beantragt. "Abbas ist als großer Sieger in den palästinensischen Gebieten gefeiert worden." Als unmittelbare Reaktion darauf habe die Hamas offenbar eingewilligt, wieder in entscheidende Verhandlungen mit Israel einzutreten. "Es ging vor allem darum, dem großen Erfolg von Abbas entgegenzuwirken, indem die Hamas selber einen ebenso großen Erfolg aufzuweisen hat", so der Nahost-Experte Meyer. "Da Abbas keinerlei Anteil an den Verhandlungen gehabt hat, wird dies seine Position schwächen."

Auch Deutschland war beteiligt

Dass der Austausch nun zu klappen scheint, sei auch deutscher Beteiligung zu verdanken, meint Günther Meyer. Das Video mit dem letzten Lebenszeichen von Schalit tauchte am 2. Oktober 2009 durch Vermittlung des Bundesnachrichtendienstes (BND) auf. Der deutsche Vermittler inspizierte dieses Video zuerst in Kairo und fuhr anschließend damit nach Israel. Als Gegengabe für dieses Video wurden damals bereits 20 palästinensische Frauen freigelassen. "Der BND war bei allen Verhandlungen in den letzten fünf Jahren beteiligt", so Meyer.

Kann der Deal noch platzen?

Gegen die Freilassung einzelner Gefangener kann innerhalb von 48 Stunden nach Veröffentlichung der Namen noch Einspruch beim Obersten Gerichtshof eingelegt werden. Gerade bei den Häftlingen, die als Massenmörder verurteilt worden sind, werden Einwände vor allem von Angehörigen israelischer Opfer erwartet. Könnte das den Austausch noch platzen lassen? Daran glaubt Günter Meyer von der Universität Mainz nicht: "Der Oberste Gerichtshof hat bei bisherigen Gefangenenaustauschen immer alle Einsprüche abgelehnt."

"Ich bin bei solchen Dingen immer unsicher bis zur allerletzten Minute", sagt Reinhold Robbe. Zu sensibel sei das Thema, es würden auch ganz unterschiedliche Akteure am Verhandlungstisch sitzen. Da könne es schon passieren, dass Dinge in allerletzter Minute wieder scheitern könnten. "Deshalb kann man erst sicher sein, wenn Gilad Schalit wieder sicher bei seinen Eltern in Jerusalem eingetroffen ist." Günter Meyer ist optimistischer als Robbe: "Schalit ist das Faustpfand für die Hamas. Man kann nun über tausend Palästinenser befreien, und die Chance wird sich die Hamas auf keinen Fall entgehen lassen. Die Hamas wird alles dafür tun, um ihn nach Ägypten zu bringen."

Autor: Arne Lichtenberg
Redaktion: Julia Elvers-Guyot

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