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Nahost

Ein iranischer "Writer in Exile"

Der Iran leidet unter einem massiven Brain-Drain. Besonders unter der Regierung von Ahmadinedschad verlassen Intellektuelle in Scharen das Land. So wie der Journalist Soheil Asefi, er lebt seit einem Jahr in Nürnberg.

Soheil Asefi (Foto: DW/Shabnam Nourian)

Soheil Asefi hat den Hermann Kesten Preis 2009 des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) bekommen.

Nürnberg ist weiß. Es hat geschneit. Das Küchenfenster öffnet den Blick auf eine menschenleere Straße. Soheil Asefi bereitet Tee vor. Er schaut auf die Straße und sagt: "Ich fühle mich wie auf einem anderen Planeten. Von einer Stadt mit ein paar Millionen Verrückten, mit absolutem Chaos bin ich auf einmal hier in Nürnberg gelandet."

Die "Stadt mit ein paar Millionen Verrückten" ist für Soheil Asefi Teheran. Dort ist er geboren und aufgewachsen. Seit einem Jahr ist er Stipendiat der deutschen Schriftstellervereinigung PEN: Mit ihrem Programm "writers in exile" – "Schriftsteller im Exil" schafft PEN Autoren in Deutschland ein sicheres Zuhause auf Zeit.

Soheil begann seine journalistische Arbeit schon mit 15 Jahren.

Logo von PEN

Mit PEN kam Asefi nach Deutschland

Zuerst schrieb er für Filmmagazine, machte sich einen Namen als Kritiker. "Aber nach und nach habe ich mich aber zu einem Politikjournalist entwickelt", erzählt er. "Bis Anfang 2008 hatte ich fast mit allen reformorientierten Zeitungen zusammen gearbeitet."

Kein Platz für Andersdenkende

Nachdem Mahmud Ahmadinedschad vor fünf Jahren an die Macht kam, wurde im Iran eine reformorientierte Zeitung nach der anderen verboten. Soheil Asefi hatte allerdings schon vorher Probleme. Seine meinungsfreudigen Beiträge mit ihrer umstrittenen Sichtweise waren etlichen Chefredakteuren wohl einen Tick zu radikal meint Asefi: "Die letzte Zeitung, bei der ich gearbeitet habe, war 'Shargh'. Zwar hat mich der tolerante Chefredakteur Ahmad Zeidabadi nach Kräften unterstützt. Aber die religiösen Kollegen haben sich geweigert, mit mir zusammen zu arbeiten - obwohl sie reformorientiert waren."

Asefi beklagt, dass es in iranischen Medien keinen Platz für einen unabhängigen und vor allem säkularen Journalisten gebe. Nachdem seine Zusammenarbeit mit "Shargh" gescheitert war, baute Soheil Asefi seinen Blog aus und arbeitet als unabhängiger Journalist weiter. Nicht nur auf Farsi, sondern auch auf English. Damit ging er in den Augen der Behörden zu weit: Im Sommer 2008 wurde Asefi verhaftet.

Unterstützung aus der Blogosphäre

Asefi sitzt vor dem Computer (Foto: DW/Shabnam Nourian)

Asefi verbringt viel Zeit im Internet

Seine Kollegen draußen reagierten nicht. Noch nicht einmal der iranische Journalisten-Verband mischte sich ein. Nur seine Mutter Nahid Kheirabi, selbst Schriftstellerin und Journalistin, sowie seine Freunde in der Cyberwelt kämpften für Asefi. Kollegen aus dem Ausland und auch der deutsche Schriftstellerverband setzten sich für Asefi ein und forderten seine Freilassung. Nach 60 Tagen Einzelhaft kam er frei: Als Kaution musste die Familie mangels Geld ihren einzigen Besitz einsetzen: ihre Wohnung.

In Asefis Nürnberger Zwei-Zimmer-Wohnung hängt ein Photo von ihm, aufgenommen am Tag seiner Entlassung: Es zeigt einen abgemagerten jungen Mann, der von seiner Mutter umarmt wird. Er scheint sie kaum zu sehen, sein leerer Blick verliert sich in der Ferne.

Im Dezember 2008 kam Soheil Asefi mit dem "writers in exile"-Programm des deutschen PEN-Zentrums nach Deutschland. Er schreibt nun für die Nürnberger Zeitung: Über den Iran und auch über seine Erfahrungen hier in Deutschland. Auf Einladung der Stadt nahm Asefi als Jurymitglied am internationalen Menschenrechtsfilmfestival 2009 in Nürnberg teil.

Die Pflicht aller Iraner im Exil

Zur Ruhe aber ist Soheil Asefi noch nicht gekommen. Täglich surft er sieben bis acht Stunden die unterschiedlichsten Internetseiten an, um sich einen Überblick über die Ereignisse im Iran zu verschaffen. Abber zufrieden ist er nicht mit dem Ergebnis: "Um dieses Land zu verstehen, muss man drinnen leben - und nicht draußen."

Für Soheil Asefi sind die derzeitigen Vorgänge im Iran keinesfalls von außen steuerbar. Und: Er ist dagegen, die Proteste als "Grüne Bewegung" zu bezeichnen: "Diese Bewegung ist bunt wie ein Regenbogen. Sie hat ihre eigene Dynamik und bekommt neue Impulse von innen. Ich wünsche mir, dass die Welt einen richtigen Eindruck von diesem Land bekommt."

An einem korrekten Bild des Irans mitzuarbeiten, betrachtet Asefi als seine Pflicht - und die aller Iraner im Exil. Und das werden immer mehr. In den letzten Monaten nach den Präsidentschaftswahlen im Iran haben mehrere Tausend junge Iraner das Land verlassen. Allein in Deutschland haben im Jahr 2009 genau 1170 Iraner Asyl beantragt.

Autorin: Shabnam Nourian
Redaktion: Matthias von Hein