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Fokus Osteuropa

Ein Hort für Kinder

Gewalt ist in Serbien weit verbreitet. Auch Kindern sind betroffen. Misshandelte Kinder haben erstmals in Novi Sad einen Zufluchtsort. Ein Erfolg ist es, wenn ein Kind nach Hause zurückkehren kann oder adoptiert wird.

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Bunte Bilder als Therapie


Die erste Einrichtung für misshandelte Kinder in Serbien, das Sichere Haus, haben seit der Eröffnung vor 15 Monaten insgesamt 240 Kinder in Anspruch genommen. Im Augenblick befinden sich im Sicheren Haus 17 Kinder – teils wurden sie von den Eltern verlassen, teils von den Eltern oder Verwandten misshandelt. Es werden dort aber auch Straßenkinder aufgenommen. Die Kinder vom Säuglingsalter bis zum 18-Jährigen halten sich drei bis zu acht Monate auf. In dieser Zeit haben sie ein Dach über dem Kopf, zu essen und einen Ort zum Spielen. Unterdessen wird der Versuch unternommen, für sie die beste Lösung zu finden. Diese kann darin bestehen, dass das Kind ins Elternhaus zurückkehrt, die Eltern sich gütlich scheiden lassen oder eine Familie gefunden wird, die das Kind adoptiert.

Gewalt als Kriegsfolge

Ana Vujovic, Leiterin des Sicheren Hauses, das im Rahmen des Zentrums für Sozialarbeit eingerichtet wurde, sagte gegenüber DW-RADIO, in Serbien würden die unterschiedlichsten Formen der Kindesmisshandlung auftreten. Angefangen mit Vernachlässigung, physischer und emotionaler Misshandlung bis hin zu sexuellem Missbrauch. Ihr zufolge hat die Gewalt in Serbien allgemein und somit auch in den Familien übermäßig Einzug gehalten: „Wir haben uns irgendwie bereits daran gewöhnt, dass Schläge zum Alltag gehören und die Bevölkerung bedient sich sehr häufig dieser fragwürdigen Erziehungsmethode. Gewalt ist als Kommunikationsform, als Ausdruck von Schwäche und Frustration bei uns einfach weit verbreitet. Ich glaube, die Tatsache, dass wir so lange von Krieg umgeben waren, dazu beigetragen hat, dass die Gewalt in diesem Ausmaß zugenommen hat. Gewalt gibt es auf der Straße, im Fernsehen, in der eigenen Umgebung... Es gibt zu viel Gewalt in unserem unmittelbaren Umfeld.“

„Familie gilt als unantastbar“

Frau Vujovic zufolge nehmen die so genannten Straßenkinder eine Sonderposition ein. Sie möchten nicht im Sicheren Kinderhaus unterbracht werden. Bei ihnen herrsche nämlich die Überzeugung vor, dass die Familie Eigentum einer Person ist, im Allgemeinen die des Vaters oder Großvaters. Die Kinder hätten demzufolge die Pflicht für diese Person zu arbeiten, im Extremfall durch betteln. Denn Betteln sei ihrer Vorstellung nach lediglich eine Form des Geldverdienens. Bedauerlicherweise herrsche in Serbien noch immer die Überzeugung vor, dass in der Familie getan werden könne, was man wolle. Daher würden Kindesmisshandlungen überwiegend nicht von Familienmitgliedern bei Sozialarbeitern angezeigt, sondern von Institutionen, die sich mit der Kinderfürsorge befassen. „Familie wird bei uns noch immer als unantastbar, als eine geschlossene Einheit betrachtet.“

Kinderfreuden

Die Räumlichkeiten des Sicheren Hauses sind angemessen renoviert. Sie ähneln eher einem gut eingerichteten Kindergarten mit bunten und fröhlichen Wandbildern, die Studenten der Akademie der bildenden Künste gemalt haben. Ungeachtet dessen ist natürlich die Freude am größten, wenn ein Kind nach Hause zurückkehren kann oder eine Familie gefunden wird, die ein Kind adoptieren möchte. Die Beschäftigten im Sicheren Haus möchten den täglichen Kontakt mit den Kindern nicht missen. „Die schönste Erfahrung ist für uns, dass die Kinder, mit denen wir uns täglich beschäftigen und auch Entscheidungen für sie treffen, bei uns sind und sie sich jeden Tag, wenn wir zur Arbeit kommen, auf uns freuen,“ so die Leiterin.

Dinko Gruhonjic, Novi Sad

DW-RADIO/Serbisch, 12.2.2005, Fokus Ost-Südost