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Amerika

Ein historisches Wochenende

Das Urteil des Obersten US-Gerichts zur gleichgeschlechtlichen Ehe beflügelt die LGBT-Community in den USA. Auf der New York Pride feiert sie ihren Erfolg, doch die Diskriminierung ist noch längst nicht beendet.

"Gleichheit, Gleichheit, Gleichheit", donnert eine kraftvolle Frauenstimme lautsprecherverstärkt über die Köpfe der dichtgedrängten Menschenmenge hinweg. Nach jahrzehntelangem Kampf hätten Schwule und Lesben endlich die gleichen Rechte wie heterosexuelle Paare, hört man sie sagen, ohne dass man durch das Meer der Fahnen und Transparente erkennt, wer da überhaupt spricht.

Nach dem Urteil des Obersten Gerichts, wonach die US-Verfassung auch gleichgeschlechtliche Ehen garantiert, haben sich einige Tausend Menschen an jenem Ort versammelt, an dem alles anfing: Vor dem Stonewall Inn, einer Bar im New Yorker Greenwich Village, wo sich am 28. Juni 1969 schwule Männer erstmals gegen Polizeibrutalität wehrten. Das war nicht nur die Geburtsstunde der LGBT-Bewegung, sondern auch der New York Pride, der wie viele Schwesterveranstaltungen weltweit dieses Aufstandes in der Christopher Street gedenkt.

Urteil zum Pride-Auftakt

Ob Zufall oder Fügung, der bahnbrechende Urteilsspruch der obersten Richter wurde just zum Auftakt der New York Pride verkündet. Für Michael Weferling und viele andere ist das ein historisches Wochenende: "Wir leben im sogenannten Land der Freiheit und wir sollten auch so leben können", sagt er und fügt hinzu: "Ich sehe mein Land jetzt anders. Ich bin stolz auf mein Land. Aber es gibt noch viel Diskriminierung und Homophobie."

New York Pride: Michael Weferling (Foto: DW/G. Schließ)

Michael Weferling: "Es gibt noch viel Diskriminierung und Homophobie."

Er selber sei das beste Beispiel für Diskriminierung, sagt der junge Afro-Amerikaner, der in einem knapp geschnittenen Lederkostüm zur Kundgebung gekommen ist. "Schauen Sie mich an. Auf jeden Fall gibt es immer noch Vorurteile. Nur weil ich so bin wie ich bin", sagt Weferling. Nur wenn man weiß und heterosexuell sei, bewege man sich auf der sicheren Seite. "Es gibt noch viele Herausforderungen. Aber jetzt sollten wir uns über den Silberstreifen am Horizont freuen", sagt er und stürzt sich mit seinen Freunden ins Getümmel.

Es geht um mehr als die Ehe

Auch Penny Weber ist zur Kundgebung gekommen. "Es ist eine wunderbare und historische Situation", sagt sie. In ihrem Heimatstaat Pennsylvania sei es ihr bisher nicht möglich gewesen, zu heiraten. "Es ist schön, dass ich irgendwann zurückgehen und in dem Staat heiraten kann, in dem ich aufgewachsen bin", sagt sie. Doch die gleichgeschlechtliche Ehe sei nicht alles. "Ich hoffe, dass diese Entscheidung weitere Schritte auslöst wie den Schutz von schwulen oder lesbischen Arbeitnehmern gegen Entlassungen wegen ihrer sexuellen Orientierung."

New York Pride: Harrison Lanbe (l.) und Penny Weber (Foto: DW/G. Schließ)

Harrison Lanbe (l.) und Penny Weber auf der New York Pride

Und ihre Freundin Chiara Harrison Lanbe fügt hinzu: "Ich hoffe dass es nicht nur die Lebensbedingungen der Schwulen und Lesben verändert, sondern auch die der Bisexuellen und Transgender, die auf eine Geschichte des Todschweigens und der Diskriminierung zurückblicken." Der Supreme Court hat in einer anderen Entscheidung zu Präsident Obamas Gesundheitsreform "Obamacare" Tage zuvor schon damit angefangen: Er bestätigte, dass sich die Versicherungsleistungen auch auf Transgender erstrecken.

Ist das der Durchbruch?

Mit der Entscheidung des Obersten Gerichts ist ein jahrzehntelanger Kampf entschieden. Auch die öffentliche Meinung hat sich in den vergangen Jahren immer mehr auf die Seite der LGBT-Community geschlagen. "Ich hoffe, dass dies der Durchbruch ist", sagt Chiara Harrison Lanbe. Und mit Blick auf die Bürgerrechtsbewegung hofft sie, dass sich diese Veränderungsdynamik auch hier bemerkbar macht: "Wir sehen soviel Gewalt gegen Schwarze und Farbige, auch Benachteiligung wenn es um Wohnungen oder Ausbildung geht." Vielleicht komme man jetzt beim Rassenproblem weiter, sagt sie. "Denn es gibt hier viele Überlappungen zwischen Rassismus und Homophobie."

Diese New York Pride werde in die Geschichtsbücher eingehen, sind sich die Veranstalter sicher und verkünden das umgehend in einer Pressemitteilung. Auf jeden Fall ist es eine der politischsten Pride seit langem. Höhepunkt ist wie immer der Umzug, mit mehr als 22.000 Teilnehmern und mehr als zwei Millionen Menschen am Straßenrand.

Pride-Lauf im Central Park

Eingeläutet haben das Pride-Wochenende die New York Frontrunners, eine schwul-lesbische Laufgruppe. Zu ihrem traditionellen Pride-Run im Central Park kamen mehrere tausend Läufer,

David Menendez (l.) mit DW-Reporter Gero Schließ beim Pride-Run in New York (Foto: DW/G. Schließ)

David Menendez (l.) mit DW-Reporter Gero Schließ beim Pride-Run

darunter auch David Menendez: "Ich fühle eine spezielle Energie heute. Jeder lacht, jeder ist in guter Stimmung", sagt er. "Es geht nicht um den schnellsten Lauf, es geht mehr darum, gemeinsam zu feiern."

Der Anwalt David Caraway ist schon mehr als 20 Jahre bei der Laufgruppe. Früher wollten einige der Mitglieder nicht in Pride Run laufen, weil sie fürchteten, dass ihre Arbeitgeber von ihrer sexuellen Orientierung erfahren "und dass sie ihren Job verlieren könnten", sagt er. Das sei zumindest in New York vorbei.

Nachdem zu Beginn des Pride Run die Nationalhymne gesungen wurde, tritt einer der Frontrunner ans Mikrofon und spricht aus, was alle denken: An diesem Tag müsse man vor allem dem Obersten Gericht für das lang ersehnte Urteil danken. Beifall brandet auf in den Reihen der Läufer, die bereits Aufstellung genommen haben. Und es wirkt so, als würden sie an diesem Morgen im Central Park befreiter laufen als in allen Jahren zuvor.

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