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Kultur

Ein Heim für Straßenkinder in Ruanda

Nach Völkermord und Krieg gibt es heute in Ruanda rund 6000 Straßenkinder. Einige von ihnen bekommen eine neue Chance. DW-Reporterin Sandra Petersmann hat sie besucht.

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Sandra Petersmann im Maison de la Jeunesse

Es war der schnellste Völkermord in der Geschichte der Menschheit. Fast eine Million Tote in nur 100 Tagen bei einer Bevölkerung von acht Millionen, da ist zwangsläufig nichts mehr so, wie es war. Der Völkermord und der anschließende Krieg in Ruanda lösten vor neun Jahren eine riesige Fluchtwelle aus.

Viele Familien sind so verarmt, dass sie ihre Kinder zum Arbeiten auf die Straße schicken. Allein in Ruandas Hauptstadt Kigali soll es über 3000 Straßenkinder geben. Seit 1999 finanziert das Deutsche Rote Kreuz in Kigali ein Zentrum für Straßenkinder, das Maison des la Jeunesse.

Luise – vor Hunger auf die Straße

In dem Maison des la Jeunesse lebt Luise. Sie ist 16 Jahre alt - als ihr Vater starb, war sie sieben. An "damals" kann sie sich nicht mehr genau erinnern. Sie weiß nur noch, dass bewaffnete Kämpfer in ihr Dorf kamen, alle Männer mitnahmen und sie im Wald ermordeten. "Als mein Vater tot war, klappte bei uns zu Hause überhaupt nichts mehr. Ich bin auf die Straße gegangen, weil ich es vor Hunger nicht mehr ausgehalten habe."

In den vier Jahren auf der Straße hat Luise Verpackungsmaterial und Zuckerrohr verkauft oder nach Essenresten gesucht. Am Anfang ist sie noch regelmäßig zu ihrer Mutter und den zwei kleinen Brüdern gegangen, später immer seltener. Dann haben Sozialarbeiter das Mädchen auf der Straße angesprochen und zum Maison de la Jeunesse gebracht. Sie erzählt: "Ich lebe gerne hier. Hier kann ich mich ordentlich waschen, mit Wasser und Seife; hier kriege ich was zum Anziehen, hier kriege ich was zu essen, hier habe ich lesen und schreiben gelernt, ich habe eine Ausbildung in der Nähwerkstatt gemacht. Hier habe ich ein besseres Leben."

Claudine – Angst vor Vergewaltigung

Ihre Freundin Claudine ist 15 Jahre alt, sie hat beide Eltern im Krieg verloren. Ein Onkel hat sich anschließend um sie und ihre beiden jüngeren Geschwister gekümmert. Er hat das Mädchen zum Arbeiten auf die Straße geschickt, erzählen die Sozialarbeiter.

Bei Claudine selber klingt das etwas anders. Sie will nicht schlecht über ihren Onkel reden. Sie hat nur noch ihn. "Ich bin freiwillig auf die Straße gegangen. Als meine Familie mir nicht mehr das geben konnte, was mir meine Eltern gegeben haben, da bin ich gegangen. Aber ich habe immer Kontakt zu meiner Familie gehabt. Und wenn ich was verdient habe, dann bin ich nach Hause gegangen, um meiner Familie zu helfen."

Auch Claudine ist von Mitarbeitern des Zentrums auf der Straße angesprochen worden. Erst war der Onkel dagegen, dass sie ihre Tage im Maison de la Jeunesse verbringt, anstatt irgendwie Geld zu verdienen. Am Ende hat er aber nachgegeben, und Claudine ist erleichtert, dass sie sich nicht mehr alleine durchschlagen muss. "Es ist gefährlich auf der Straße. Da sind jetzt so viele Straßenkinder. Die Jungs belästigen die Mädchen. Die älteren vergewaltigen uns. Es gibt ungewollte Schwangerschaften, und dann sitzen wir da mit einem Baby, das wir nicht versorgen können."

Ausbildung, Essen und Tiere

Das Maison de la Jeunesse betreut zur Zeit rund 400 Straßenkinder. Der Besuch ist freiwillig, die meisten gehen zum Schlafen zurück zu ihren Familien. Die Kinder bekommen drei warme Mahlzeiten am Tag, das Zentrum zahlt ihr Schuldgeld und betreut sie nachmittags bei den Hausaufgaben. Die Kinder können in den eigenen Werkstätten eine handwerkliche Ausbildung machen, sie können Sport treiben, und es gibt Ziegen, Hühner und Kaninchen, für die sie verantwortlich sind.

Klingt nach Paradies, aber es gibt immer wieder Rückschläge, sagt Charles Byusa, der Direktor des Maison de la Jeunesse. "Kinder, die zwei, drei oder vier Jahre auf der Straße gelebt haben, können nicht einfach den Hebel umlegen und sich sofort anpassen. Das Leben auf der Straße hat ja auch was von totaler Freiheit. Die Kinder tun sich schwer, dann plötzlich die Disziplin im Zentrum zu akzeptieren."

Es gibt drei eiserne Regeln, an die sich jeder halten muss. Keine Gewalt, keine Drogen, kein Diebstahl. Wer das nicht schafft, fliegt raus. "Unsere Erzieher sind schon sehr geduldig mit den Kindern. Sie versuchen es erst mit Ermahnungen und mit Überzeugungsarbeit, aber es gibt immer wieder Fälle, wo das alles nichts bringt. Das sind Fälle, wo die Kinder nicht aufhören können Drogen zu nehmen und sogar Drogen an andere Kinder verkaufen. Oder Kinder, die nicht aufhören können zu stehlen. Da müssen wir dann irgendwann einfach entscheiden, dass die Kinder das Zentrum verlassen müssen", sagt der Direktor.

Claude - ein Problemfall

Claude gehört zu den Problemfällen. Er schnüffelt heimlich Klebstoff und prügelt sich regelmäßig. Der 15-jährige ist seit vier Monaten im Maison de la Jeunesse. Seine Geschichte ist unklar. Claude sagt, dass er auf eigene Faust aus dem umkämpften Osten der Demokratischen Republik Kongo in die ruandische Hauptstadt geflüchtet ist. "Meine Familie lebt noch im Kongo. Ich bin hierher gekommen, um etwas zu lernen. Ich bin gerne hier. Ich will was Handwerkliches lernen", so Claudes Ziele.

Claude will nicht sagen, warum er nicht zurück zu seiner Familie will. Die Sozialarbeiter im Zentrum haben ihn gefragt, ob er ein Kindersoldat war. Aber Claude schweigt eisern. Wenn er redet, dann sagt er immer das gleiche. Dass er im Straßenkinderzentrum des Deutschen Roten Kreuzes in Kigali neu anfangen will. Dass er sich zusammenreißen will. "Ich will hierbleiben. Ich will nie mehr zurück in den Kongo. Aber das ist schwer, weil die anderen Kinder sehen können, dass ich aus dem Kongo komme."

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