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Asien

Ein Hauch von Rebellion

13 Jahre nach der Rückgabe an China hat sich in Hongkong eine junge Protestbewegung gebildet. Ihre Ziele: mehr Mitsprache der Bürger, mehr Demokratie. Der Protest fordert die lokalen Eliten heraus - und Peking.

Demonstranten, die sich im Hungerstreik befinden (Foto: DW/Markus Rimmele)

Nahrungsverweigerung aus Überzeugung: Einige Demonstranten traten zeitweise sogar in den Hungerstreik

Das Parlamentsgebäude ist umzingelt. Demonstranten – die Veranstalter sprechen von 8000 - sitzen auf dem Boden, bewegen sich nicht von der Stelle. Es sind junge, gut gelaunte Gesichter. Auf großen Leinwänden verfolgen sie die Beratungen im Parlament, kommentieren sie mit Pfiffen und Rufen. Es geht um den Bau einer neuen Bahnstrecke von der Innenstadt bis zur chinesischen Grenze.

Die Demonstranten wollen das Projekt verhindern: überdimensioniert, zu teuer, zu wenig Bürgerbeteiligung – so ihre Kritik. Deshalb sind sie hier und protestieren. "Ich freue mich über den Protest. Es ist das erste Mal in der Hongkonger Geschichte, dass so viele Leute ohne Organisation im Rücken auf die Straße gehen", sagt Christina Chan. Die 22-jährige Philosophie-Studentin ist eine prominente Figur der neuen Protestbewegung.

Ein Hauch von Rebellion und Radikalität

Demonstrationsszenen. Protestbewegung (Foto: DW/Markus Rimmele)

Zum ersten Mal drückt die junge Generation ihre Unzufriedenheit so deutlich aus

Am Ende fällt wie erwartet die Entscheidung für die Bahnstrecke. Und doch ist die Demonstration ein Erfolg für die Protestierenden. Spätestens jetzt spricht die ganze Stadt über sie, sind sie eine feste Größe, können selbst die Politiker nicht mehr einfach an ihnen vorbei. In Hongkong liegt ein Hauch von Rebellion in der Luft, von jugendlicher Wut und Radikalität. "Post-80er", so wurde die neue Protestgeneration getauft, weil die meisten von ihnen nach 1980 geboren wurden.

Ihr Unbehagen geht weit über das Thema Bahnstrecke hinaus. Da sind Gruppen, die für den Umweltschutz kämpfen, andere für den Denkmalschutz und gegen brutale Kahlschlagsanierung. Wieder andere fordern Armutsbekämpfung oder mehr Investitionen in die Kultur. Sie sind nicht straff organisiert. Gemeinsam ist nur der Einsatz für postmaterialistische Werte. Sie kritisieren das wirtschaftsliberale politische System Hongkongs. "In Hongkong werden viele Ressourcen von der Wirtschaft kontrolliert", sagt der Demonstrant Ng Koon-kwan. "Und die Wirtschaft kontrolliert auch die Politik. Dagegen protestieren wir."

Forderung nach allgemeinen Wahlen

Christina Chan (Foto: DW/Markus Rimmele)

Christina Chan, eine der prominentesten Figuren der Protestbewegung

Unter der Jugend wächst die Unzufriedenheit darüber, dass sie kaum Einfluss auf die Entwicklung ihrer Stadt nehmen kann. Hongkongs Regierungschef wird von einem pekingtreuen Wahlgremium bestimmt. Das Volk darf nur die Hälfte der Parlamentsabgeordneten wählen. De facto regiert ein eng mit den lokalen Wirtschaftsgrößen verbandelter Verwaltungsapparat – gestützt von der chinesischen Regierung. Und so ist der "Post-80er"-Protest auch eine Demokratiebewegung. "Natürlich kann Demokratie allein nicht alles lösen", sagt Christina Chan. "Aber mit ihr können wir wenigstens bei der Problemlösung mitmachen."

Am Neujahrstag zogen Tausende mit der Forderung nach allgemeinen Wahlen vor das Kontaktbüro der chinesischen Regierung in Hongkong. Die Stadtoberen reiben sich verwundert und erschrocken die Augen, verstehen ihre Jugend nicht mehr. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen und Rangeleien mit der Polizei. Aus Peking kommen schon warnende Worte wegen der Hongkonger Straßenproteste. Immerhin hat die chinesische Regierung den Hongkongern allgemeine Wahlen ab 2017 in Aussicht gestellt. Doch die "Post-80er" wollen nicht so lange warten, und sie trauen den Zusagen aus Peking und den lokalen Eliten nicht.

Autor: Markus Rimmele
Redaktion: Esther Broders