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Asien

Ein halbes Leben in Nordkoreas Arbeitslagern

Kim Hye-sook hat mehr als die Hälfte ihres Lebens in nordkoreanischen Arbeitslagern verbracht. Ihre Familie wurde in Sippenhaft genommen, als der Großvater flüchtete. Seltene Einblicke in den Lageralltag.

Ein nordkoreanischer Polizist beabachtet die Umgebung (Foto: AP)

Ganz Nordkorea steht unter ständiger Beobachtung

An den Tag, an dem ihre Kindheit endete, erinnert sich Kim Hye-Sook noch ganz genau. 13 Jahre war sie alt, lebte bei ihrer Großmutter. Es waren Schulferien und sie hatte gerade ihre Hausaufgaben gemacht. Ein Sicherheitsbeamter kam und forderte die Familie auf, das Kind abzuliefern. Ihre Tante übernahm die Aufgabe, sie im Lager abzuliefern. Kim hatte ihre Schuluniform angezogen und ihre Bücher eingepackt. Ohne zu wissen, wo es hingeht, folgte sie der Tante. "Als wir in die Nähe des Lagers kamen und ich die Stacheldrähte sehen konnte, wurde mir mulmig", erinnert sie sich. Ihre Eltern waren bereits fünf Jahre zuvor ins Arbeitslager gekommen. Nun war sie alt genug, ihnen zu folgen. Die Tante lieferte sie bei einem Wachmann ab, wo sie warten musste. Es wurde kalt und dunkel, dann kam die Mutter und holte sie ab. "Ich habe sie nicht erkannt", sagt Kim. "Sie war abgemagert und schmutzig, für mich sah sie aus wie eine Obdachlose."

28 Jahre im Kohlebergwerk

Als sie siebzehn war, starb ihre Mutter, ihr Vater lebte schon bei ihrer Ankunft nicht mehr. Sie war von da an für die Versorgung der beiden jüngeren Geschwister und der Großmutter zuständig. Weder sie noch ihre Familie wussten, warum sie im Lager waren. Wer nachfrage, werde erschossen, erzählten ihr die Erwachsenen. Erst nachdem sie freigekommen war, mit über 40, erfuhr sie, dass sie 28 Jahre lang dafür bestraft worden war, dass ihr Großvater sich nach Südkorea abgesetzt hatte. 28 Jahre, in denen sie in einem Kohlebergwerk arbeiten musste. Die Männer bauten die Kohle ab, die Frauen mussten die tonnenschweren Waggons zur Entladestelle schieben. "Das schlimmste war der erste Abschnitt", erzählt sie. "Da ging es bergauf. Und dann noch einmal gegen Ende, wenn es bergab ging und man die Wagen wieder abfangen und entladen musste."

Ein Portrait von Kim Jong Il überragt eine Parteiversammlung (Foto: AP)

Nur langsam vollzieht sich die Machtübergabe vom Vater Kim Jong Il an den Sohn Kim Jong Un

Wie viele Menschen heute noch in Nordkorea in Arbeitslagern sitzen, ist nicht abzuschätzen. Berichten von Flüchtlingen zufolge erlebt das abgeschottete Land aber derzeit eine neue Repressionswelle. Das Regime sei wegen der Machtübergabe von Kim Jong-Il an dessen Sohn Kim Jong-Un nervös, sagt Ha Tae-keung von Open Radio for North Korea, einem Sender in Seoul, der in den Norden sendet. Er hat mehrfach mit nordkoreanischen Flüchtlingen gesprochen. "Wir gehen davon aus, dass es in jeder größeren Stadt ein solches Lager gibt", sagt er. "Zwanzig bis dreißig im ganzen Land." Die Häftlinge müssten Holz fällen, Kohle abbauen, es gebe aber auch geschlossene Fabriken, in denen Strafgefangene Güter für den Export herstellen, Echthaar-Perücken für den chinesischen Markt vor allem.

Missglückter Fluchtversuch

Nordkoreanische Arbeiter beim bescheidenen Mittagessen (Foto: AP)

Armut und Angst prägen den nordkoreanischen Alltag

Kim Kye-sook wurde im Jahr 2001 aus dem Lager entlassen. Damals kamen bei einer Amnestie anlässlich des Geburtstags von Kim Jong-Il mehrere Tausend Gefangene frei. Einen Großteil ihres Lebens hatte sie in Haft verbracht, es sei ihr schwer gefallen, in die Gesellschaft zurückzufinden. Bald beschloss sie, das Land zu verlassen. Sie vertraute sich einer Schleuserbande an und ließ sich nach China schmuggeln. Doch die Gruppe wurde gefasst und zurückgeschickt. "Ich hatte noch nie so eine Angst wie in diesem Augenblick. Ich dachte, nun würden sie mich erschießen."

Noch einmal folgte Lagerhaft, zwei Jahre diesmal. Kaum war sie wieder frei, wagte sie den nächsten Fluchtversuch. Sie bestach einen Grenzbeamten, diesmal gelang ihr die Flucht. Vor zwei Jahren kam sie in Südkorea an. Heute ist Frau Kim eine zierliche Dame in den Fünfzigern. Sie trägt eine einfache helle Bluse und eine Stoffhose. Ihre gewellten Haare trägt sie kurz, die Hände sind gepflegt, die Jahre der schweren Arbeit sieht man ihnen nicht mehr an. Nur ihre Stimme stockt noch manchmal, wenn sie von ihren Erfahrungen berichtet. "Ich habe zunächst darüber geschwiegen, dass ich in einem Lager für politische Gefangene saß", sagt sie. "Ich hatte Angst, dass meine Geschwister, die ja noch in Nordkorea leben, neuen Repressalien ausgesetzt werden, wenn ich mich politisch äußere." Doch dann habe sie bald die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in Südkorea und im Westen nur wenig wissen über die Verhältnisse im Reich Kim Jong-Ils, dass kaum jemand sich die Gräuel vorstellen konnte, die sie dort erlebt hat. "Da habe ich mich entschlossen zu reden, um so dazu beizutragen, dass die Diktatur zersetzt wird und irgendwann endet."

Ihre Geschichte hat Kim Hye-sook inzwischen viele Male erzählt, selbst vor dem kanadischen Parlament ist sie schon als Zeugin aufgetreten. Doch nicht nur in ihrer Seele hat die lange Lagerhaft ihre Spuren hinterlassen. Vor kurzem diagnostizierte ein Arzt bei ihr Lungenkrebs, ausgelöst vermutlich durch die jahrelange Belastung durch den Kohlenstaub im Lager.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Alexander Freund

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