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Ostmitteleuropa

"Ein guter Ungarndeutscher ist, wer sich als Madjare bekennt"

– Im Leben der Minderheiten Ungarns hat die Wende nicht stattgefunden

Budapest, Mai 2002, SONNTAGSBLATT 2/2002, S. 1, deutsch, Georg Krix

(...) Wenn Sie, lieber Leser, dieses Blatt in die Hand bekommen, sind die Würfel bereits gefallen. Ungarn wird möglicherweise schon eine neue – oder altneue – Regierung haben. Eine demokratisch gewählte Regierung. Auch wir Ungarndeutsche haben mitgewählt. Und nun warten wir alle gespannt auf das Besserwerden.

Besser?

Woraus besteht dieses ersehnte Besser? Sicherlich birgt die Sehnsucht bei jedem Menschen etwas anderes. Dem einen geht es um das leibliche Wohl, der andere steht für geistige Freiheit. Manche wünschen sich Gut und Vermögen, die anderen dürsten nach Frieden und Fortschritt und viele setzen auf nationalen Aufbruch.

Eine besondere Gruppe bei diesem Wünschen und Hoffen bilden die nationalen Minderheiten des Landes. Eine Gruppe, die in Ungarn immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird, beinahe schon in Vergessenheit gerät. Gäbe es nicht die madjarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten. Anlässlich der jetzigen Wahlen sind die hiesigen Minderheiten kein Thema gewesen. Im Vorfeld der Wahlkampagne auch nur erwähnt. Warum wohl?

Die Antwort darauf ist nicht schwer. Es ist eben schon Tradition in diesem Lande, dass Angehörige der Minderheiten nur dann "vollwertig" sind, wenn sie ihre Volkszugehörigkeit – nicht ihre Abstammung! – vergessen bzw. ändern, mit anderen Worten: Ein guter Ungarndeutscher ist, der sich als Madjare bekennt. Hinzu kommt, dass diese Auffassung und die daraus resultierende Lage niemanden stört, so z. B. in unserem Falle, unser Mutterland dies nicht sieht und hört, einfach nicht wissen will. Den Punkt auf das i setzen dann die Minderheiten, so auch die Ungarndeutschen selber. Wie? Einfach, weil sie diesem Treiben gleichgültig gegenüberstehen. Und wenn schon nicht gleichgültig, dann jedenfalls ohnmächtig. Warum? Darauf gibt es viele Antworten. So z. B.: "Wenn die Menschen in Deutschland keine Deutschen sein wollen, wieso dann wir?" oder "In dieser globalen Welt ist es doch ganz egal ..." u. a.

Egal?

Und dennoch bewegt sich die Erde

Die Akkorde der jetzigen Wahlen werden noch nicht verstummt sein und schon werden wir uns inmitten der Vorbereitungen für die nächsten Wahlen befinden. Im Herbst wird es Kommunalwahlen geben. Und dann sind auch die Minderheiten gefordert. Dann können sie nicht wieder übersehen werden. Dafür spricht die ungarische Verfassung und das Gesetz.

Die Parteien werden selbstverständlich auch dann ihre Kandidaten anbieten. Die "Unabhängigen" aus dem Volk werden ihnen aber harte Konkurrenz bedeuten. Vertreter der Minderheiten können so bei den einen wie auch bei den anderen – ohne Parteibuch – mit dabei sein. Eine Möglichkeit für die Minderheiten, also auch für die Ungarndeutschen, in Angelegenheiten der Kommune – Dorf, Stadt, Stadtbezirk und Komitat – mitzureden, mitzuentscheiden. Daneben oder darüber hinaus können sie, d. h. können wir unsere eigene Minderheitenselbstverwaltung, die Deutsche Selbstverwaltung wählen, sozusagen als unser örtliches Parlament. Ein Gremium, das uns, unsere Rechte, unsere Anliegen zu vertreten hat, für unser Sein und Fortbestehen, für Gegenwart und Zukunft des ungarländischen Deutschtums einzutreten hat.

Endlich der Wahrheit ins Auge sehen

Es kann nicht bestritten werden, dass wir immer schon Rechte hatten und haben. Dass uns dennoch der Volkstod bevorsteht, ist auch schwer zu bezweifeln. Wenn aber in den Medien überwiegend von einem "Aufblühen der deutschen Volkskultur" und von der "außerordentlichen Bedeutung des muttersprachlichen Unterrichts" berichtet wird, wenn parallel dazu von Regierungsstellen und von Leitern der Volksgruppe - zaghaft aber dennoch - vom Fortschreiten der Assimilation gesprochen wird und bei Überbetonung von Erfolgen halblaut riesige Probleme zugegeben werden, dann muss man doch die Fragen stellen: Was geht da eigentlich vor sich? Was ist das für ein böses Spiel? Wozu die Rechte? Wo sind die Möglichkeiten? Was tun unsere "legitimen" Vertreter? – unsere bezahlten "Beamten"? Sehen diese Menschen den Abgrund? Oder wollen sie ihn nicht sehen? Gehen sie wissentlich den falschen Weg? Wo ist der Ausweg? Hat man Vorstellungen dafür? Oder nur falsche "Konzeptionen"? Hat die Volksgruppe keine aufrichtigen und aufrechten Menschen?

Wer will, der weiß es: In den Jahrzehnten der roten oder rosaroten Diktatur bedeuteten die schönen Minderheitenrechte, dass die Vertreter der Minderheiten das Recht haben, die Interessen der Partei und der Regierung in den Reihen der Minderheiten zu vertreten und nicht die Interessen der Minderheit bei Partei und Regierung! – so habe ich es erlebt und so ist es bereits dokumentiert. Wie ist es heute? Viele unserer heutigen Vertreter kommen ja noch aus jener Zeit, sie müssen doch den Unterschied – wenn es einen gibt – sehen. Wenn sie den Unterschied nicht sehen, dann gibt es keinen. Oder? Es stimmt wohl, leider, dass im Leben der Minderheiten keine Wende eingetreten ist. Was dann?

Die Antwort müssen wir selbst suchen und finden. Nur wenn wir die richtige Antwort haben, können wir uns auf die bevorstehenden Kommunalwahlen "richtig" ernsthaft vorbereiten. So vorbereiten und antreten, dass dann auch wir sagen können: Die Zukunft hat begonnen. Ja, das Leben geht weiter. (me)

  • Datum 13.05.2002
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