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Europa

"Ein Großteil ist reine Show"

Nach dem Bekanntwerden der Spionagetätigkeiten gegen Frankreich müht sich Washington um Schadensbegrenzung. Doch die Reaktionen sind größtenteils Inszenierung, findet der ehemalige Zeitungs-Korrespondent Reginald Dale.

DW: Das französische Außenministerium hat den US-Botschafter in Paris zu den Behauptungen befragt, Washington habe drei französische Präsidenten abgehört. Im Jahr 2013 berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel, Bundeskanzlerin Merkel sei abgehört worden. Inwiefern unterscheiden sich die französischen von den deutschen Reaktionen?

Reginald Dale: Wenn man unterscheiden will, würde ich die französische Reaktion vor allem als zynisch und heuchlerisch beschreiben. Die deutsche hingegen war eher neurotisch und niedergeschlagen. Es handelte sich um kulturell ganz unterschiedliche Reaktionen auf diese Behauptungen oder Enthüllungen.

Inwiefern ist die französische Reaktion zynisch und heuchlerisch?

Zynisch ist sie, weil die Franzosen selbst in erheblichem Umfang Spionage betreiben. Sie wollen und sollen es, so ist die allgemeine Überzeugung im Land. Zugleich verstehen sie, dass die Amerikaner in der Welt, in der wir nun einmal leben, auch sie ausspionieren. So läuft es eben, und das finden die Franzosen nicht allzu verwerflich.

Heuchlerisch ist die Reaktion, weil die Franzosen in Europa als führende Kraft in der Industriespionage bekannt sind. Die richtet sich vor allem gegen die USA. Es gibt in Frankreich viele Instanzen, die sich bemühen, Informationen zu gewinnen, vor allem zur amerikanischen Verteidigungs- und Raumfahrtindustrie.

In den 1990er Jahren hatten die Franzosen die Sessel in der Business-Class von Air France verwanzt. Sie hofften, auf diese Weise vertrauliche Gespräche zwischen Geschäftsreisenden abhören zu können. Die Verantwortlichen stritten diesen Vorwurf zwar ab. Aber die Information verbreitete sich trotzdem. Am Ende machte man Scherze über sie.

Und inwiefern war die deutsche Reaktion neurotisch?

Auf deutscher Seite existiert eine starke Neurose aufgrund der Traumata, die die Aktivitäten der Stasi und der Gestapo hinterlassen haben. Das hat zu einer kontiuierlichen Angst vor Schnüffelei geführt, insbesondere auf persönlicher Ebene. Entsprechend fielen dann auch die Reaktionen aus, als bekannt wurde, dass das Handy der Bundeskanzlerin abgehört wurde.

die französischen Präsidenten Chirac, Sarkozy und Hollande (Fotos: epa)

Abgehört von Freunden: die französischen Präsidenten Chirac, Sarkozy und Hollande

Mir scheint, die Deutschen fühlen sich betrogen - anders als die Franzosen. Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg alles dafür getan, ihren Ruf zu rehabilitieren und ein Musterstaat auf der internationalen Bühne zu werden. Sie wollten Anerkennung von allen. Und ganz besonders bemühten sie sich um die Freundschaft mit den USA.

Sie glaubten, sie hätten diese Zustimmung und Freundschaft erhalten – um dann festzustellen, dass sie ausspioniert wurden. Das war wie ein Stich von hinten in den Rücken.

Was sagen die Reaktionen der französischen und der deutschen Seite über die Beziehungen dieser Länder zu den USA aus?

Die Franzosen sind ganz klar eine stolze Nation. Sie sind der Ansicht, dass sie sich erzürnt zeigen sollten. Zugleich sind sie aber auch realistisch. Sie haben selbst eine lange Spionage-Karriere hinter sich und hatten immer sehr gute Geheimdienste. Ich nehme darum nicht an, dass sie im Ernst sonderlich erstaunt sind. Eher sagen sie: "C´est la vie" – "So ist das Leben".

Außerdem hat es sie nie gestört, den Amerikanern auf die Füße zu treten. Das haben sie sogar während des Zweiten Weltkriegs getan – das gehörte eben dazu, war Teil des Spiels. Der französischen Kultur ist viel mehr an Äußerlichkeiten als an wirklicher Substanz gelegen. Die deutsche Kultur hingegen ist eher auf Inhalte und weniger auf äußere Pracht angelegt.

Die Deutschen schrecken vor einer öffentlichen Auseinandersetzung mit den Amerikanern auch stärker zurück als die Franzosen. Dies nicht zuletzt auch darum, weil sie seit vielen Jahren erheblichen Wert darauf legen, ihre Beziehungen zu Washington zu pflegen.

Die Franzosen hingegen legen Wert darauf, sich als ein unabhängiges Land zu präsentieren – und weder von Washington noch von sonst jemandem abhängig zu sein

Wie wird sich das in der Öffentlichen Meinung des Landes widerspiegeln?

Die NSA-Zentrale in Maryland (Foto: dpa)

Immer gut verbunden: die NSA-Zentrale in Maryland

Die Franzosen haben zum Leben eine eher zynische Haltung. Sie dürften auch jetzt nicht sonderlich überrascht sein. Ich erwarte darum keinen besonderen Aufschrei – es sei denn, sie betrachten die Affäre als Gelegenheit, die Amerikaner ein wenig aufzuscheuchen. Aber wirklich entzürnt werden sie nicht sein. Ich nehme an, sie haben mit solchen Vorkommnissen schon vorher gerechnet.

Präsident Obama soll versprochen haben, die USA würden die Franzosen nicht mehr ausspähen. Nehmen die Franzosen dieses Versprechen ernst?

Der Wortlaut des Versprechens war in der Fassung, die ich gesehen habe, mit derjenigen identisch, die nach dem Bekanntwerden der Abhöraktion um Angela Merkel bekannt wurde. Offenbar muss Präsident Hollande auf eine öffentliche Entschuldigung drängen. Obama seinerseits spürt, dass er sich zerknirscht zeigen und den Franzosen bedeuten muss, dass sie den Amerikanern trauen können – wie auch umgekehrt die Amerikaner den Franzosen trauen. Er wird die Botschaft aussenden, dass beide Länder enge Verbündete sind und weiter sein werden. Ein Großteil dieser Bekenntnisse ist reine Show.

Reginald Dale war Auslandskorrespondent der Financial Times und der International Herald Tribune in Brüssel, London, Paris und Washington. Derzeit ist er Direktor des Global Forums vom Williamsburg-Center für Strategic and International Studies (CSIS).