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Filme

Ein Grenzgänger der Filmstile

Bisher hat er nur Dokumentarfilme gedreht. In seinem ersten Spielfilm verschmilzt der Regisseur Alexander Riedel dokumentarische Formen mit fiktiven Szenerien. "Morgen das Leben" ist ein Film über Arbeit in Deutschland.

Alexander Riedel (Foto: Jochen Kürten)

Alexander Riedel

Ulrike, Judith und Jochen sind drei ganz normale Menschen in der Millionenstadt München. Alle drei stehen in der Mitte ihres Lebens vor einem Neuanfang. Alle drei stellen sich die Frage: Welchen Stellenwert nimmt die Arbeit in meinem Leben ein? "Morgen das Leben" ist ein Film, der wie eine Dokumentation erscheint, aber in Wirklichkeit ein Spielfilm ist, inszeniert, künstlerisch gestaltet. Regisseur Alexander Riedel ist ein Grenzgänger der filmischen Stile. Ein Treffen mit dem Regisseur in München.

Ein Film über die Mitte des Lebens

Deutsche Welle: Herr Riedel, was war die zündende Idee für den Film, der erste Gedanke, den Sie hatten, als Sie das Projekt angingen?

Alexander Riedel: Zweierlei. Es ist ein Episodenfilm von drei Menschen, die sich in der Mitte ihres Lebens befinden. Ich selbst bin 40 geworden kurz vor dem Film. Ich habe in meinem Freundes- und Bekanntenkreis in München mit den Leuten, mit denen ich mich umgebe, gemerkt, dass das eine magische Zahl ist, diese 40. Da passiert mehr als bei 30 oder so. Da ist der Druck höher. Da ist irgendwie eine Beweiskraft gefordert: Was bin ich geworden? Wo soll es noch hingehen im Leben? Was habe ich bisher erreicht? Das ist schon sehr, sehr präsent. Und das andere ist, dass ich einen Film über München machen wollte. Und im Speziellen, das ist auch autobiographisch, etwas über den Immobilienmarkt. Also über die Quadratmeter, die hart umkämpft sind in München. Vielleicht sogar härter, als in manch anderer deutschen Stadt.

Szene aus dem Film Morgen das Leben (Foto: © Pelle Film)

Blick zurück: Judith in "Morgen das Leben"


Als dritter Aspekt würde mir noch einfallen, dass es ein Film zum Thema Arbeit ist. Da wird ja sehr dezidiert über die Tätigkeit, die Arbeit an sich, berichtet!

Das ist richtig. Das hat dann auch mit dieser Bestandsaufnahme zu tun: Was habe ich erreicht? Oder was kann sich, oder was muss sich zwangsweise noch ändern im Bereich Arbeit? Da gibt es die Judith, die Heimarbeit macht, nachdem sie, als ihr Mann noch da war mit der Familie, Stewardess war. Jetzt, als alleinerziehende Mutter, holt sie sich die Arbeit nach Hause. Da ist Ulrike, die mit 40 ihren sicheren Job im Sozialamt gekündigt hat und noch einmal ganz neu anfangen will mit einer Kosmetik- und Massageausbildung. Und da ist Jochen, der den Halt verliert und es dann doch noch mal schafft und in die Fußstapfen des Vaters tritt: in den verhassten Beruf des Versicherungsmaklers.

"Ich verstehe mich als politischer Regisseur"

Inwiefern liegt im Film auch eine Kritik an den ökonomischen Zwängen, die auf den einzelnen Individuen lasten?

Ja, es ist sicherlich eine Kritik daran. Ich würde mich als politischen Filmemacher bezeichnen, auf alle Fälle. Nur renne ich nicht mit der roten Fahne direkt ins Haus. Die Kritik soll sich aus den Figuren, aus den Geschichten entwickeln und so Kraft gewinnen. Am Ende des Films soll sie sozusagen frei im Raum stehen, und jeder kann die mit nach Hause nehmen - ganz individuell für sich.

Szene aus dem Film Film Morgen das Leben (Foto: Pelle Film)

Statt im Büro ein Job auf der Straße: Ulrike in "Morgen das Leben"

Was auffällt in Ihrem Film, ist der Wechsel zwischen Realismus, authentischen Szenen, dokumentarischen Sequenzen. Es ist aber ein Spielfilm! Was ist das für ein besonderes Stilmittel, das Sie verwenden?

Das hat sich ganz natürlich ergeben bei mir. Ich habe an der Filmhochschule in München Dokumentarfilm studiert. Ich habe lange Dokumentarfilme gemacht. Mein letzter Dokumentarfilm "Draußen bleiben" kam 2008 auch ins Kino. Und auch da habe ich schon dokumentarisch inszeniert. Das heißt, ich habe mit den Menschen, die keine Schauspieler waren damals, intensiv gearbeitet, intensiv vorbereitet. Ich habe sie nicht irgendwas nachspielen lassen, was wir schon mal hatten. Ich habe vielmehr ins Leben eingegriffen, habe die Orte verändert, Konstellationen künstlich hergestellt, habe Leute aufeinanderprallen lassen, habe Konfrontationen hergestellt, weil ich wusste, da ist ein Spannungsfeld. Aber das ist nicht auf eine unnatürliche Art und Weise entstanden, sondern auf der Basis von Recherche und aus dem Wissen um das Umfeld der einzelnen Hauptfiguren.

Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm

Nun bin ich bei "Morgen das Lebens" einen Schritt weiter gegangen. Ich habe auch da wieder sehr lange und sehr intensiv die authentischen Orte recherchiert. Und ich habe auch sehr viele Menschen gefunden bei der Recherche der Orte. Dann haben wir ein Buch entwickelt, die Bettina Timm (Co-Autorin) und ich. Und dann haben wir drei Hauptfiguren in jeweils eine Episode installiert, die wir mit jeweils einem Schauspieler, einer Schauspielerin besetzt haben. Der Rest ist aber nach wie vor dokumentarisch.

Szene aus dem Film Morgen das Leben (Foto: Pelle Film)

Nachdenken über den Neuanfang: Jochen in "Morgen das Leben"

Was kann der Spielfilm, was der Dokumentarfilm nicht kann? Und umgekehrt?

Ich denke, dass sich beide Genres wunderbar befruchten können. Und ich würde mir sehr, sehr wünschen, dass man die Begrifflichkeiten abschafft. Also ich halte überhaupt nichts von Schubladendenken. Und ich bin ja nun in meiner Arbeit auch schon bei den letzten zwei Filmen immer wieder darauf angesprochen worden: 'Aber das ist ja ein Dokumentarfilm, da hätte man doch aber auch so und so arbeiten können... Da bräuchte ich doch ein Statement von der Gegenpartei, sonst ist es doch gar nicht ausgeglichen. Und überhaupt, wo ist hier die Objektivität?' Also da hört es doch auf. Mit dem ersten Tag an der Filmhochschule war Schluss mit der Objektivität. Es ist doch immer ein subjektiver Blick, den der Filmemacher mitnimmt bei seiner Arbeit, immer! Und das ist auch großartig, dass es so ist. Es kann immer nur ein Ausschnitt aus der Welt gezeigt werden. Und das ist eben der Ausschnitt des Machers.

Das Gespräch führte Jochen Kürten
Redaktion: Sabine Oelze

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