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Politik

Ein Geschenk an die Menschheit

Mit dem hypothetischen Geständnis von O.J. Simpson wollte die Herausgeberin nicht einfach nur Millionen verdienen. Vielmehr wollte Judith Regan mit der Veröffentlichung den Gewaltopfern dieser Welt dienen. Sagt sie.

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Wenn es das Wort "skrupellos" in der deutschen Sprache nicht längst gäbe, wäre jetzt der Zeitpunkt gekommen, es zu erfinden. Denn treffender ließe sich die US-Medienunternehmerin Judith Regan nicht beschreiben. Nicht nur, dass sie als Herausgeberin von O. J. Simpsons Quasi-Geständnis einem des mehrfachen Mordes Beschuldigten Millionen Dollar hat zukommen lassen. Sie ist um keine Ausrede verlegen, um ihr Verhalten zu rechtfertigen.

Wäre es nach Regan gegangen, hätte das Buch "If I did it" Ende des Monats in den Buchhandlungen gestanden. Und schon das Cover hätte kein Geheimnis daraus gemacht, worum es sich wirklich handelt: Neben einem blutig roten "I did it" wäre ein kleines, dezent weißes "If" verschwunden. Denn die Geschichte sollte nicht sein, wie der ehemalige Basketballstar seine Ex-Frau und deren Freund 1994 hypothetisch umgebracht hätte, wenn er denn hätte. Simpson beschreibt, so will es das Buch suggerieren, wie er es getan hat.

Voller Wut

Die 53-Jährige Judith Regan kann als eine der erfolgreichsten Medienunternehmerinnen der USA gelten. Von ganz unten hat sie es geschafft, mit "ReganBooks" inzwischen einen eigenen Verlag unter dem Dach von Rupert Murdochs News Corporation zu leiten. Verträge über zahlreiche Bestseller sind in ihrem Büro unterzeichnet worden.

Kollegen und Freunde beschreiben "Judy" jedoch als das, was manch einer vielleicht eine frustrierte Zicke nennen würde: Sie ist voller von Wut auf ihre Umwelt, als deren Opfer sie sich in tausenden Dingen fühlt. Diese Wut liefert ihr die Energie, ihre eigenen Ansichten durchzusetzen, denn sie befindet sich stets in Verteidigungshaltung. Dabei hat für sie nur eine Wahrheit Gültigkeit: die eigene. Gepaart mit einigem Ideenreichtum im Finden von Argumenten ist dies der Schlüssel zu Regans Erfolg.

Gewinnbringende Sensationsgier

Für den Fall Simpson bedeutet das: Nachdem Frau Regan von Simpsons Gesprächsbereitschaft erfuhr, zögerte sie keinen Moment, sondern ließ 3,5 Millionen Dollar als Anschubinvestition springen und begann damit, ihr Projekt durchzuziehen. Denn moralische Einwände gibt es in der persönlichen Realität der Judith Regan nicht. Nicht dagegen, das Geständnis eines Mörders zu veröffentlichen, der strafrechtlich nicht mehr zu belangen ist. Nicht gegen den Schmerz, den eine detaillierte Beschreibung der Geschehnisse den Angehörigen der Opfer zufügen würde, die von den ihnen im zivilrechtlichen Prozess zugesprochenen über 30 Millionen Dollar Schadensersatz noch keinen Cent gesehen haben. Und schon gar nicht dagegen, grundsätzlich eine öffentliche Anleitung zum geschickten Morden zu geben. Kritische Stimmen, die schon bald an allen Ecken und Enden laut wurden, überhörte Regan anscheinend ohne weitere Skrupel.

Im profitorientierten amerikanischen Mediensystem können sich skrupellose Personen wie Judith Regan erschreckender Weise ziemlich weit durchsetzen. Denn sie bedienen eine Sensationsgier, die Quoten und Verkaufszahlen in die Höhe treibt - was sich auf den Konten aller Beteiligten niederschlägt. So stoppte Rupert Murdoch das ganze Buchprojekt erst in letzter Minute, obwohl er schon lang davon wusste.

Wachsender Druck

Um die Verkaufszahlen anzutreiben, sollten die zum Konzern gehörenden TV-Sender bereits eine Woche vor dem Erscheinungstermin Sondersendungen zum Thema ausstrahlen. Womit scheinbar weder Murdoch noch Regan jedoch gerechnet hatten, war das couragierte Verhalten einiger ihrer Fernseh-Partner, die sich schlichtweg weigerten, das vermeintliche Geständnis zu senden. Der Druck wurde so groß, dass die Sendungen gestrichen und bereits ausgelieferte Bücher zurückgerufen wurden.

Während Murdoch in einer öffentlichen Erklärung seine Verfehlung eingestand und das Projekt "If I did it" rückwirkend verurteilte, denkt Regan nicht daran, auch nur irgendeine Schuld einzugestehen. Stattdessen veröffentlichte sie ein mehrseitiges Statement im Internet, dessen Inhalt frappierender kaum sein könnte.

Zusätzlicher Hohn

Demnach wollte sie mit "If I did it" für ihren persönlichen Frieden sorgen - und den aller weiblichen Gewaltopfer dieser Welt: "Ich wollte, dass er - und die Männer, die mein Herz und ihre Herzen gebrochen haben - die Wahrheit sagen, ihre Sünden gestehen, Buße tun und bessere Menschen werden. Amen." Wie sehr die nächsten Betroffenen, die Angehörigen von Simpsons Opfern, sich einen Racheengel Judith Regan herbeigewünscht haben, zeigen ihre schockierten und zu recht verständnislosen Reaktionen auf das ganze Projekt. Die Ausflüchte Regans, die jeden Maßstab verkennen, müssen für sie einen zusätzlichen Hohn bedeuten.

Einziger Gewinner des Ganzen ist tragischer Weise O.J. Simpson selbst. Denn das Honorar von 3,5 Millionen Dollar ist gezahlt, auch ohne Veröffentlichung. Offiziell lief das Geld zwar auf die Konten seiner Kinder, die der eigene Vater -so glauben viele- zu Halbwaisen gemacht hat. Genauer hinterfragt hat Regan aber natürlich nicht, inwieweit der finale Empfänger wohl doch O.J. selbst sein wird: "Ich weiß nur, dass ich ihn nicht bezahlt habe. Die Verträge liefen über Dritte und mir wurde gesagt, das Geld ginge an seine Kinder. Damit konnte ich leben."