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Europa

Ein georgischer Bauer gibt nicht auf

Auch ein Jahr nach dem Georgien-Krieg bleibt die Situation zwischen Georgiern und Südosseten an der Grenze zur abtrünnigen Region angespannt.

Der Bauer Saal Achalkazi vor seinem Haus in Georgien (Foto: Mathias Bölinger)

Der Bauer Saal Achalkazi vor seinem Haus in Georgien

Hühner gackern in den Gärten, Kühe dösen im Schatten alter Bäume. In den Obsthainen reifen Äpfel und Aprikosen. Wein rankt sich über die Höfe. Doch die Idylle trügt. "Wenn ich ins Dorf gehe, schaue ich mich immer um, ob mich jemand beobachtet", sagt Saal Achalkazi, der in einem Haus am Dorfrand lebt. "Damit niemand auf mich schießen kann."

Südossetischer Militärposten in Dwani (Foto: Mathias Bölinger)

Am Ortsausgang steht ein Militärposten

Das Dorf Dwani ist das letzte auf georgisch kontrolliertem Gebiet. Hundertfünfzig Meter weiter weht bereits die weiß-rot-gelbe Fahne Südossetiens. Wenn Saal Achalkazi in sein Haus will, muss er an schwer bewaffneten Posten vorbei. Dahinter ist Niemandsland. Saals Haus liegt in der Schusslinie der Milizen. "Einmal haben sie mich hier erwischt", erzählt er. "Sie haben mich gezwungen, dass ich alles, was im Haus war in ihr Auto lege – Wein, Zwiebeln, Kartoffeln. Sie haben mich mit dem Maschinengewehr bedroht. Es war sehr beschämend, dass ich selbst die Sachen in ihr Auto legen musste."

Weil Achalkazis Haus hinter dem letzten Posten liegt, wird es von den georgischen Truppen nicht mehr bewacht. So ist er den Ossetischen Milizen schutzlos ausgeliefert. In seinem eigenen Haus zu übernachten traut sich Saal Achalkazi deshalb nicht. "Tagsüber sehe ich alles. Deshalb ist es weniger gefährlich", sagt er. "Wenn sich jemand dem Haus nähert, kann ich durch die Hintertür und den Garten fliehen. Dann sehen sie mich nicht, und können mir nichts tun."

Flüchtlingshäuser an der Autobahn

Flüchtende Georgier (Foto: AP)

Während des Krieges vor einem Jahr mussten die Georgier aus Südossetien flüchten

Nur wenige Kilometer sind es von hier bis nach Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, das sich in den 1990er Jahren für unabhängig erklärt hat. Seit Jahrhunderten liegen hier ossetische und georgische Dörfer nebeneinander. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begannen sich Osseten und Georgier zu bekämpfen. Vor einem Jahr eskalierte der Konflikt erneut. Mit Hilfe russischer Truppen brachte die ossetische Seite Georgien eine schwere Niederlage bei. Die Georgier, die noch auf südossetischem Gebiet lebten, mussten ihre Dörfer verlassen.

"Wir haben nicht gesehen, was mit unseren Dörfern passiert ist", erinnert sich eine Frau. "Man hat uns erzählt, dass dort nichts mehr ist. Keine Häuser, keine Bäume, gar nichts." Ihr Dorf war nur wenige Kilometer von Achalkazis Haus entfernt. Nun stehen sie und die anderen Frauen vor einem ockerfarbenen Doppelhaus in der Nähe der Hauptstadt Tiflis. In langen Reihen stehen Hunderte bunter, kleiner Fertighäuser neben der Autobahn. Die Regierung hat sie eilig für die Flüchtlinge bauen lassen.

Ein wenig skurril wirken die adretten bunten Klötzchen in der sanften Hügellandschaft. Eine der Frauen hält einen farbigen Ausdruck in der Hand, auf dem die Überreste eines ausgebrannten Hauses zu sehen sind. Sie habe das Foto im Internet gefunden, sagt sie. Sie glaubt, ihr altes Haus zu erkennen. "Wir waren ein sehr wohlhabendes Dorf. Die Leute haben gut gelebt, die Häuser waren alle zweistöckig. Hinter den Häusern waren große Gemüsegärten."

Rückkehr nur tagsüber

Saal Achalkazi in seiner Notunterkunft im Dorf (Foto: Mathias Bölinger)

Saal Achalkazi in seiner Notunterkunft im Dorf

In Dwani geht Saal Achalkazi durch die leeren Räume seines Hauses. Es ist ebenfalls zweistöckig, alte Bäume stehen im Garten, ein Blechzaun umgibt das Grundstück. Während der Kämpfe floh auch er aus dem Dorf, doch nach dem Krieg konnte er zurückkehren. Sein Haus fand er geplündert vor. "Nur die Lampen haben sie hängen lassen", sagt er. "Vielleicht hatten sie Angst vor Stromschlägen."

Jeden Morgen kommt er mit seiner Frau, seiner Tochter und der Großmutter in das leere Haus. Tagsüber leben sie ihr altes Leben weiter. Sie arbeiten im Garten, setzen Schäden wieder instand. Ein leerer Hühnerstall steht hinter seinem Haus, mehrere Schuppen, ein Hundestall, ebenfalls leer. An einer alten Teppichstange macht er seine Morgengymnastik. Stolz führt er einen Klimmzug vor. "Ich komme problemlos hoch. Ich wiege 120 Kilo, aber ich mache viel Sport. Ich lasse mich nicht gehen."

Saal hat dieses Jahr wieder Tomaten angepflanzt. Täglich jätet er die Gurkenbeete und stutzt seine Weinstöcke. Im Moment experimentiert er mit einer neuen Traubensorte. Hier im hinteren Teil des Gartens ist er geschützt, kann stundenlang arbeiten. Vor dem Haus hat er noch Apfelbäume. Wenn er dort zu tun hat, beeilt er sich immer, denn der Obsthain ist nach allen Seiten offen. Dennoch kümmert er sich regelmäßig um die alten Bäume. "Dort wachsen sehr gute Äpfel", sagt er. "Ich dünge sie immer, damit sie schön groß und saftig werden. Aber ich weiß nicht, ob ich sie selbst ernten werde oder die Osseten."

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Andreas Ziemons

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