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Gedanken zur Woche

Ein Gebet über Grenzen

In China, Peru oder Ägypten – Gerhard Engelsberger hat in vielen Ländern mit vielen Menschen gebetet. Für die evangelische Kirche beschreibt er, wie jeder Ort zu einem heiligen werden kann.

Heilige Orte
Wahrscheinlich habe ich in mehr Ländern als mancher Moslem Moscheen besucht und dort gebetet. Ägypten, China, bei den Uiguren, in Usbekistan, natürlich auch in Deutschland und einigen Länder mehr. Ich habe in Tibet gebetet und in Nepal, in Peru und im Mekong. In Mekka war ich allerdings nie. Ich weiß, dass ich privilegiert bin. Mir war bisher die al-Azhar-Moschee in Kairo der „schönste“ heilige Ort. Nur im Süden Chinas, bei den „Drei-Pagoden“ habe ich eine ähnliche Ehrfurcht gespürt, die wesentlich ist für den Frieden. Leider nicht in den von Touristen heimgesuchten europäischen Kathedralen. Einer der Imame der hiesigen Moschee hat mir ein kleines Säckchen mit Steinen mitgebracht. Bei meiner Verabschiedung aus der letzten Gemeinde schenkte mir der Vorstand der Moschee ein Bild aus Mekka, das seit Jahren im Aufgang unseres Häuschens hängt.

Nun gehe oder fliege ich nicht mehr so weite Wege. Die Sehnsucht nach dem Frieden der Religionen bleibt, auch die Kritik an der eigenen, der Vorbehalt für jede eigene Gewalt und die Gewalt anderer. Und die Liebe zu jedem Menschen.

Beten neben der Autobahn
Es war zwischen Kairo und Alexandria. Auf der Autobahn machten wir gegen Mittag eine kurze Rast. Die Raststätte verfügte über ein akzeptables WC und einen Verkaufsladen für Süßigkeiten, Getränke und Landkarten. Ich ging etwas abseits. Folgte im Abstand Gamal, einem unseren beiden Reisebegleiter. Ein eher nachdenklicher Mensch, Mitte zwanzig, nicht vorschnell in seinen Worten, für einen „Guide“ ganz unüblich. Vielleicht gerade deshalb mir besonders sympathisch. Da war ein Schuppen. Niedrige Tür, durch einen Vorhang abgedeckt. Innen eher dunkel. Ich bückte mich und trat ein. Der Boden mit Teppichen bedeckt. Auf einem der Teppiche kniete Gamal und betete sein Mittagsgebet.
Ich kniete mich zwei Teppiche rechts von ihm. Am Rand der Autobahn zwischen Kairo und Alexandria. Ein Vater unser. Ein 23. Psalm. Der Beginn einer Sure. Die Anrufung des einen Gottes und seines Propheten. Vier leuchtende Augen. Vier offene Arme. Ein Gebet. Wir beten in verschiedenen Sprachen.

Ein Jahr später besucht er unsere Familie.
Ich zeige ihm unsere Kirche.
Er war mit mir auch dort zuhause.
Die Moschee liegt 500 m entfernt.
Auch dort war ich zuhause.
Wo sollte ein Suchender nicht zuhause sein?

Ein Gebet greift über Grenzen
Ich bete in Synagogen, Moscheen und buddhistischen Tempeln. Ich danke meinen muslimischen und buddhistischen Freunden für lange Jahre des gemeinsamen Denkens, auch wenn uns die Religionen, die Orte und die Jahre unterscheiden.
Mir war noch nie ein „heiliger Ort“ fremd. Wir gehen langsamer, sprechen leiser.
Der Ort, an dem ein Mensch betet, ist ein heiliger Ort.
Der Ort, an dem ein Mensch stirbt, ist ein heiliger Ort.
Ein heiliger Ort entschleunigt. Sorgt für Ruhe.
Ein heiliger Ort klärt.

Es wird einmal auch unser Ort sein.
Wir kommen und wir gehen.
Wir bleiben nicht lange.
Uns sind Grenzen gesetzt.
Jeder hat sein Maß.
Mit unserem Gebet und unserer Zärtlichkeit greifen wir über die Grenzen hinaus. Wir sehen, wir ahnen einen Zipfel Wahrheit.
Daraus schöpfen wir Kraft.


Pfarrer Gerhard Engelsberger, Dielheim

Pfarrer Gerhard Engelsberger, Dielheim

Zum Autor: Gerhard Engelsberger (Jahrgang 1948) ist seit vielen Jahren Gemeindepfarrer: zunächst in Mannheim, und seit 1981 in Wiesloch. Daneben hat er aber auch immer wieder Bücher veröffentlicht, sowie Radio- und Fernsehsendungen gestaltet. Im KREUZ - Verlag gibt er zudem die „Pastoralblätter“ und die „Kasualblätter“ heraus. Er ist verheiratet und hat vier Kinder – kein schlechtes Training auch für seinen Kinderchor, mit dem der Komponist und Texter bereits auf mehreren CDs zu hören ist.


Kirchliche Verantwortung: Pfarrer Christian Engels

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