1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Ein ganz normaler Leichenzirkus

Gunther von Hagens "Körperwelten" ist die erfolgreichste Sonderausstellung aller Zeiten. 27 Millionen Menschen haben sie besucht. Die anfängliche Aufregung um die gezeigten Leichen hat sich gelegt – zumindest fast.

Plastinat der Ausstellung Körperwelten (Foto: Sola Hülsewig)

Die Ausstellung "Körperwelten" sorgt nach 13 Jahren nur noch für kleine Aufreger

"Im Anatomischen Kabinett sind Präparate zur Anatomie des Geschlechtsaktes zu sehen", steht auf einem Schild. Davor versperren schwarz-gelb gestreifte Bänder den Zutritt zu dem Raum, in dem das umstrittene Exponat verborgen sein soll. Die kopulierenden Leichen darf Gunther von Hagens in seiner Kölner Ausstellung nicht zeigen, hat das Ordnungsamt Köln bestimmt. Vor allem die Kirchen hatten gegen diese ihrer Ansicht nach würdelose Darstellung der Toten protestiert.

Manch ein Besucher steht enttäuscht vor der Absperrung, so auch Gregor Stobbe. "Das ist eigentlich kein Tabu-Thema mehr. Hier geht es ja um die wissenschaftliche Darstellung und nicht um irgendwelche pornografischen Ideen", findet er.

Von Hagens "Plastination"

Gregor Stobbe besucht schon zum zweiten Mal eine Körperwelten-Ausstellung. Langsam geht er von Vitrine zu Vitrine, begutachtet die ausgestellten menschlichen Organe, Föten in verschiedenen Entwicklungsstadien und natürlich die so genannten Ganzkörperplastinate: konservierte Körper meist ohne Haut und mit abgelösten Muskelsträngen und freigelegten Knochen. Von außen dringt leise der Verkehrslärm in das Ausstellungszelt und mischt sich mit dem Summen der Belüftung. Dass Gregor Stobbe hier echte menschliche Körper betrachten kann, ist wohl Gunther von Hagens Verdienst.

Plastinat 'Akrobatisches Paar' (Foto: dpa)

Das Plastinat "Akrobatisches Paar" durfte von Hagens zeigen - zwei kopulierende Leichen nicht

Der Anatom entwickelte 1977 in Heidelberg die "Plastination": Dabei wird in einem chemischen Verfahren den Präparaten jegliches Wasser entzogen und durch Kunststoffe ersetzt. Das sonst schlaffe Gewebe erhält so die Konsistenz festen Gummis. Die so genannten Plastinate können so sogar in akrobatischen Posen aufgestellt werden. Gunther von Hagens wehrt sich gegen die Vorwürfe, dieser Leichenzirkus sei reine Effekthascherei. "Ich meine, dass sich dieser Show-Charakter gar nicht mit Wissensvermittlung beißt. Durch die Illusion der Bewegung wird der Schauder des Todes genommen." Ein Plastinat sei für ihn dann gelungen, wenn es dynamisch sei.

Skandale um den falschen Professor

Von Hagens sieht sein Wirken als aufklärerisches Bemühen im Dienste der Wissenschaft. Kritiker werfen dem Plastinator andere Beweggründe vor: Profitdenken und auch Größenwahn. Eine gewisse Selbstinszenierung des "Dr. Tod", wie von Hagens auch genannt wird, kann wohl keiner bestreiten. Stets behält er seinen Hut auf, der an den Künstler Joseph Beuys erinnern soll. Ein Skandal war der falsche Professorentitel, mit dem er sich schmückte. Mehrmals wurde gegen Gunther von Hagens Strafanzeige erstattet. Ein Vorwurf im Jahr 2004: Für seine Präparate habe er Leichen von hingerichteten chinesischen Strafgefangenen erworben. Die Vorwürfe wurden jedoch nicht bewiesen, das Verfahren eingestellt.

Jetzt, fünf Jahre später, finden von Hagens Körperwelten längst nicht mehr die Beachtung von damals, abgesehen von kleineren Aufregern wie dem plastinierten Liebesakt. Das beobachtet auch Walter Bruchhausen vom Medizinhistorischen Institut in Bonn, der sich mit dem Thema Ethik in der Medizin befasst. Es sei normal, dass bei Themen wie von Hagens Umgang mit den Toten irgendwann ein Abstumpfungs-Prozess eintrete, sagt er. "Das bedeutet aber nicht, dass sich diese Frage an sich erledigt hätte", fügt Bruchhausen hinzu.

Gunther von Hagens zusammen mit der Kuratorin der Ausstellung, Angelina Whalley (2.v.r.) (Foto: dpa)

Eine gewisse Selbstinszenierung des 'Dr. Tod' kann wohl keiner bestreiten

Er sieht die öffentliche Ausstellung von Leichen nach wie vor höchst kritisch. Unsere Menschlichkeit entscheide sich stark danach, wie wir mit den Menschen nach ihrem Tod umgingen. Die Neandertaler beispielsweise bestatteten ihre Toten - ein Kriterium des Unterschieds zwischen Mensch und Tier, so Bruchhausen. Für ihn sei die Frage zentral, wer und in welchem Zusammenhang Einblick in den menschlichen Körper gewinnt: "Dass das Angehörige der Gesundheitsberufe tun müssen, im Interesse der Allgemeinheit, um entsprechendes Wissen zu erlangen, ist unbestritten aber daraus jetzt eine Kunstform oder eine Ästhetik zu machen halte ich für abwegig."

6000 Körperspender

Gunther von Hagens hat trotzdem viele Fans. Die Zahl der Menschen, die sich bereit erklärt haben, ihren Körper nach ihrem Tod plastinieren zu lassen, wächst beständig. Laut von Hagens haben inzwischen über 6000 Körperspender eine entsprechende Erklärung unterzeichnet. "Irgendwie hat man dann doch ein bisschen Hemmungen bei dem Gedanken, dass man hier irgendwann in einem Fenster steht und angeschaut wird. Aber wenn es einem gewissen Zweck dient, glaube ich, würde ich das schon machen", sagt der Besucher Gregor Stobbe.

Die Körperspender sind von dem Konzept der Körperwelten überzeugt und wollen ein Teil von ihnen sein. Die meisten unter ihnen hoffen, einem guten Zweck zu dienen, indem sie ihren Körper der Wissenschaft spenden. Einige fasziniert der Gedanke, für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Und ein paar wollen schlicht die Beerdigungskosten sparen.

Autorin: Sola Hülsewig

Redaktion: Manfred Götzke