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Fußball

Ein ganz normaler Fußballabend

"Comeback des Jahres", "Spiel der Herzen", "Klopp is back" - die Rückkehr von Jürgen Klopp nach Dortmund sollte ein ganz besonderer Abend werden. Nur er selbst wollte da partout nicht mitmachen. Wir haben ihn beobachtet.

Für einen Moment scheint alles wie immer: Jürgen Klopp geht federnden Schrittes auf den Rasen. Er strahlt und läuft ohne Umschweife zu den BVB-Spielern. Er drückt einen nach dem anderen, wechselt ein paar freundliche Worte, klopft Schultern, tätschelt Köpfe. Ganz so, als wären es noch seine Spieler. Würde Jürgen Klopp nicht den falschen Trainingsanzug tragen, könnte man meinen, nichts habe sich verändert. "Ich habe mich einfach gefreut, dass ich die Jungs doch noch drücken konnte", wird Klopp später sagen und man nimmt ihm die Freude, die er bei diesem Satz ausstrahlt, wirklich ab. Ehe er den Platz wieder verlässt, klatscht er dem Dortmunder Publikum anerkennend zu. Ein Dank an die Fans, bei denen er immer noch große Sympathien besitzt. Er ist letzten Sommer aus Dortmund gegangen, aber eben doch nicht so ganz.

Nun ist er zurück. Aber eben nicht nur als Freund aus alten Zeiten, sondern als Gegner. Die Begrüßung durch Stadionsprecher Norbert Dickel ist betont nüchtern, der folgende Applaus der Dortmunder Fans war anständig, aber doch irgendwie verhalten und wurde vom Jubel der wenigen, aber lautstarken Liverpool-Anhänger übertönt. "Es war ein sehr respektvoller, aber leiser Applaus. Das fand ich absolut angemessen", wird Klopp später klarstellen. Wer einen Abend der ganz großen Emotionen erwartet hatte, liegt falsch.

Nur noch der Fußball zählt

Jürgen Klopp hatte es angekündigt: An diesem Abend "zählt nur noch der Fußball". Und als der von knapp 66.000 sehnsüchtig herbeigesehnte Anpfiff endlich ertönt, strahlt Klopp genau die Nüchternheit aus, die er sich selbst verordnet. Mit verschränkten Armen steht er in seiner Coaching Zone. Keine Bewegung, keine Emotion.

Fußball Europa League Borussia Dortmund - Liverpool Foto: Getty

Ein dichtes Bollwerk - Jürgen Klopp ließ seine Elf in der Schlussphase weit zurückrücken, Ergebnissicherung.

Dann eine kurze Regung: Eine erste zaghafte Chance seiner Mannschaft beklatscht Klopp kurz, dann werden die Arme wieder verschränkt. In der 18. Minute sieht Klopp etwas geschockt wie sein ehemaliges Team seine aktuellen Schützlinge wie Slalomstangen umkurvt. Erik Durm zieht aus idealer Position ab, doch sein Schuss wird im letzten Moment abgeblockt. Die Dortmunder Fans feiern begeistert das mutige Angriffspiel des BVB, Jürgen Klopp schüttelt den Kopf. Das Spiel seiner Roten wirkt ideenlos, harmlos und ebenso emotionslos wie ihr Coach.

Klopp wahrt die Netiquette

Nachdem sich der BVB immer wieder festgerannt hat, entwickelt sich ein Spiel der Nickeligkeiten, kleiner Fouls und vieler Unterbrechungen. Und dann das: Liverpool kontert, Hummels verliert ein Kopfballduell, Lukas Piszczek geht ebenfalls nur halbherzig Richtung Ball und der Liverpooler Angreifer Divock Origi netzt nüchtern ein. 0:1 (36.). Blick zu Jürgen Klopp: Die Hände gehen aus den Hosentaschen, schnellen vor und zurück, machen die Doppelsäge. Wie in alten Dortmunder Zeiten, nur deutlich verhaltener. Klopp wahrt die Netiquette – und sieht unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff die nächste Großchance für sein Team. Origi scheitert alleine vor Weidenfeller. Pausenpfiff. Klopp rennt prompt los und verschwindet hastig in der Kabine. Die Videoanalyse ruft.

Was auch immer die gezeigt hat, es ist nicht wirklich zielführend. Denn nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff bringt Mats Hummels per Kopfball den BVB zurück ins Spiel (48.). Jürgen Klopp wendet sich ab vom Spielfeld. Die Arme verschränkt, die Miene ernst. Sie hellt sich auch kurz darauf nicht auf, als Liverpools Offensive den Dortmunder Strafraum förmlich belagert und aus allen Lagen auf das Tor schießt. Doch Roman Weidenfeller erwischt einen großartigen Abend und pariert einfach alles, was auf seinen Kasten geflogen kommt. Er allein verhindert ein weiters Erfolgserlebnis für Klopp.

"Brettstark"

Das Spiel ist nun völlig offen, ein Auf und Ab. Chancen auf beiden Seiten, keine klare Überlegenheit eines Teams. Eine Situation, in der der Trainer gefragt ist. Jürgen Klopp geht auf und ab, ruft, gestikuliert. Übrigens genau wie sein Gegenüber Thomas Tuchel. Während der BVB-Coach seine Elf nach vorne treibt, verordnet Klopp Abwehrarbeit. Das 1:1 scheint ihm zu genügen. Nicht so den Gastgebern. Die rennen an – und sich dann doch fest. Die doppelte Abwehrreihe der Reds steht dicht, ist im Kopfballspiel überlegen und erstickt alle Dortmunder Angriffe. Dann die 86. Minute: Zum ersten Mal jubelt Klopp richtig. Nicht über ein Tor, sondern über einen gewonnen Zweikampf im Mittelfeld. Die Glücksmomente eines Trainers, dessen Taktik aufgeht.

Fußball Europa League Borussia Dortmund - Liverpool Foto: Reuters

Zwei Fußballlehrer, ein Ziel: das Halbfinale. Für einen der beiden endet die Reise zum erhofften Titel am kommenden Donnerstag.

"Dass wir heute so dastehen ist schon ganz gut. Brettstark gespielt", sagt der Liverpooler Coach nach dem Abpfiff trocken und weiß, dass ihm das 1:1 im gegnerischen Stadion Liverpool beste Aussichten auf das Rückspiel gibt. Sein Auftritt bei der Pressekonferenz ist professionell und nüchtern. Sachlich und ohne jegliche Sentimentalität analysiert er das Spiel, seine Stimme ist sonor, sein Englisch deutlich verbessert. Klopp ist in seiner neuen Rolle angekommen. Er lobt erwartbar seine Spieler und verweigert ebenso erwartbar die Favoritenrolle für das Rückspiel an der Anfieldroad: "Es steht 50:50." Danach steht er auf, umarmt ein paar alte Weggefährten und verschwindet in den Katakomben des Stadions. Ganz so, als wäre dies ein ganz normaler Fußballabend.

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