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Deutschland

Ein fröhlicher Ort der Freiheit

Einst von einem Preußen-König errichtet, steht die Villa Schöningen in Potsdam direkt neben der Glienicker Brücke an der früheren innerdeutschen Grenze. Jetzt erinnert dort ein Museum an die Teilung.

Foto: Jonas Maron, Berlin

Villa Schöningen

Die Villa steht gleich hinter der Brücke. Oder direkt vor der Brücke. Je nachdem, ob man nun aus Berlin kommt oder aus Potsdam. Sehr weiß ist sie und sehr romantisch schön mit ihrem erkerartigen Vorbau, der Turmloggia und der Nische, in der vor blauem Hintergrund die Statue Minervas steht, der Göttin der Weisheit und des gerechten Krieges. In den letzten 150 Jahren muss sich diese Holde oft empört und manchmal auch erstaunt die Augen gerieben haben. Denn zu ihren Füßen hat sich Erstaunliches abgespielt - deutsche Geschichte in extremen wie überraschenden Ausformungen.

Glienicker Brücke (Foto: Jonas Maron)

Glienicker Brücke, rechts die renovierte Villa Schöningen

Traum eines Königs

Anfangs war da ein König, Friedrich Wilhelm IV. Ganz Preußen konnte er nach seiner Thonbesteigung im Jahre 1840 nicht in einen Garten verwandeln, aber zumindest die Gegend um die gefällige Wasserlandschaft zwischen Potsdam und Berlin. Großartige Architekten wie Karl Friedrich Schinkel und Ludwig Persius standen dem Monarchen dabei zur Seite. Gemeinsam mit dem Landschaftsplaner Peter Joseph Lenné machten sie die "Insel Potsdam" zu einem Gesamtkunstwerk aus Architektur und Natur, in dem wie zufällig gelegte Sichtachsen den Blick immer wieder auf herausragende Landschaftsbilder oder auf markante Gebäude dieses "preußischen Arkadien" lenken.

Eine Villa inmitten der Kulturlandschaft

Ein solches Gebäude ist die Villa Schöningen, ursprünglich wohl ein recht unansehnliches Haus, das sich ein Schiffbauer im Jahre 1826 nahe der Glienicker Brücke hatte errichten lassen. Nahe jener Brücke, die zunächst primär königliche Jagdreviere und Schlösser diesseits und jenseits der Havel verband, später aber zur Nahtstelle zwischen Ost und West wurde. Das unansehnliche Haus, das der Schiffbauer sich im frühen 19. Jahrhundert nahe der Brücke hatte errichten lassen, wurde dank seiner vorzüglichen Lage mit Blick auf gleich zwei bedeutende Schlossbauten Schinkels schließlich vom König erworben und von dessen Architekt Ludwig Persius zu einer Villa im italienischen Stil umgebaut. Gewohnt hat hier dann der Namensgeber des Anwesens, Hofmarschall Kurd Wolfgang von Schöning, anschließend war es über 100 Jahre im Besitz der jüdischen Bankiersfamilie Wallich.

Geschundener Zeitzeuge

Und dann begann der Naziterror: Die Wallichs wurden enteignet und mussten emigrieren. Die Nazis nutzten die Villa erst als Bibliothek und Militärbüro, dann wurde sie Lazarett für russische Soldaten. Nach dem Krieg zog der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund mit einer Geschäftsstelle ein und errichtete auch einen Kindergarten, der sich bald so ausbreitete, dass die Geschäftsstelle wieder auszog und die Kinder das Haus für sich alleine hatten. Fast jedenfalls. Denn natürlich sollten diese jungen Bürger der noch jungen DDR von fachkundigem Personal zu sozialistischen Persönlichkeiten erzogen werden.

Mauersegment vor der Ville Schöningen (Foto: dpa)

Blick auf ein originales Mauersegment vor der sanierten Villa Schöningen

1961 wurde dann direkt vor ihrem parkähnlichen Abenteuerspielplatz der Todesstreifen zementiert und die Glienicker Brücke mit Stacheldraht verbarrikadiert. "Brücke der Einheit" hatte die DDR sie genannt, nachdem Kriegschäden beseitigt waren und es 1949 zur Wiedereröffnung kam.

Kalter Krieg und deutsche Teilung

Fortan aber standen bewaffnete Grenzsoldaten an der Brücke. Die, so erzählte man den Kindern, würden sie vor dem verbrecherischen Nachbarn beschützen. Und manchmal haben die Soldaten auch den Weihnachtsmann gespielt. Dass sie auf jeden schießen, der versucht hat, aus der Republik zu flüchten, das hat man den Kindern nicht gesagt. Und sie werden auch nicht gewusst haben, dass am Grund der Havel, unter der Brücke, "Stalinrasen" ausgelegt war, ein Teppich aus 14 Zentimeter langen Stahlspießen. Falls doch mal jemand von der Brücke springen wollte. Aber vielleicht haben die Kinder beobachtet, wie sich - sehr selten - am weißen Strich oben auf der Brücke Amerikaner und Russen direkt gegenüber standen und Agenten ausgetauscht haben.

Beinahe ein Opfer

Auch die Geschichten, die den Kindern vorenthalten wurden, erzählt nun eine Ausstellung im Erdgeschoss der frisch renovierten Hauses, das nach der Wende erst restituiert wurde, dann verkauft und schließlich leer stand. Bis ein Investor aus dem Westen kam, der auf dem Grundstück Stadtvillen bauen wollte, was der Denkmalschutz aber verhinderte. Deshalb stand die Villa weiter leer und hätte eines nahen Tages, wenn sie erst einmal genug verfallen wäre, abgerissen werden dürfen. Mathias Döpfner und Leonhard H. Fischer haben das in letzter Minute verhindert. Die beiden erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden und Potsdam-Liebhaber haben die Villa Schöningen nämlich gekauft, komplett saniert und in ein Privatmuseum verwandelt.

Im Innern des neuen Museums (Foto: dpa)

Eine Frau betrachtet im neuen Museum eine Videodokumentation.

Ort der Freiheit

Im ersten Obergeschoss wird es wechselnde Kunstausstellungen geben, aktuell setzen sich hier die Kabakows, Neo Rauch, Marek Piwowski und Josephine Meckseper mit Ereignissen und Auswirkungen des Endes des Kalten Krieges auseinander. Im Erdgeschoss aber erzählt die Wiener Kuratorin Lena Maculan in einer interaktiven Ausstellung mit wenigen markanten Exponaten und vielen Bildern die Geschichte des Hauses, der Grenze, der Brücke und die Geschichten von Menschen, die an diesem deutschen Ort gelebt, gearbeitet und gelitten haben. Und aus den Fenstern fällt der Blick auf die Sacrower Heilandskirche, Schloss Babelsberg und die Havel. Und im Sommer kann man draußen sitzen, bei Kaffee, Kuchen und einem Glas Wein,