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Wirtschaft

Ein Fossil aus Vinyl

Einst weltweit verbreitet, haben Schallplatten bis heute in einer Nische überleben können. Mit ihrer Produktion wird sogar noch Geld verdient. Ein Besuch in einem der letzten Presswerke Europas.

Schallplatten-Pressmaschine der Firma Pallas (Foto: DW)

Es werden immer noch Schallplatten hergestellt

"Dass diese Platte hier gepresst wird, ist das beste Beispiel für die Renaissance." Im Vorbeigehen tippt Pallas-Geschäftsführer Holger Neumann mit dem Zeigefinger auf das LP-Cover mit der jungen Diana Ross. Im nächsten Raum ist es laut. "So, das hier nennen wir die Presserei, hier stehen die Maschinen." Pallas ist ein Familienbetrieb, seit über 60 Jahren presst die Firma im niedersächsischen Diepholz Schallplatten. Nicht aus Nostalgie, wie Neumann beim Rundgang betont. Bis heute lässt sich damit verdienen. Ein wenig zumindest.

Musik auf Vinyl erlebt einen kleinen Boom

Das Schallplattenpresswerk der Firma Pallas (Foto: AP)

Bestens gewartet: Die Maschinen der Firma Pallas stammen aus den 70er Jahren

90 Prozent ihres Umsatzes erzielt Pallas mit dem CD-Presswerk auf der anderen Straßenseite, zehn Prozent steuert die Vinyl-Abteilung bei. Das Presswerk ist eine der letzten großen Schallplatten-Fabriken weltweit. In Europa teilen sich nur noch fünf große Presswerke den Nischenmarkt. Der erholte sich in den 90ern leicht vom Schock des CD-Siegeszuges in den 80er Jahren. Heute boomt die Nachfrage sogar ein wenig, wenngleich auf niedrigem Niveau. 2007 gingen weltweit sechs Millionen Schallplatten über die Ladentische, doppelt so viele wie im Vorjahr. In Deutschland waren es 700.000 Stück, immerhin 100.000 mehr als 2006. Winzige Zahlen im Vergleich zur CD. Pallas jedoch beschert die Nachfrage derzeit eine gute Auftragslage.

"Ich bin davon überzeugt, dass wir mindestens noch die nächsten sechs bis acht Jahre Vinyl machen werden", sagt Neumann mit festem Blick. Hätte man ihm diesen Satz vor zwei Jahrzehnten vorgelegt, hätte er vermutlich ein ungläubiges Gesicht gemacht. Damals setzte auch Pallas auf die Compact Disc, hatte gerade das CD-Werk gegenüber der Schallplatten-Fabrik eröffnet. Über den Vinyl-Pressmaschinen schwebte die Frage: Stehenlassen oder verschrotten? "Wir waren uns selbst nicht sicher, müssen wir ganz ehrlich zugeben", sagt Neumann mit leiser Stimme in seinem Büro.

Wer heute noch Diana Ross auf Vinyl kauft

Diana Ross (Foto: AP)

Ihre Stimme wurde in Diepholz auf Vinyl verewigt

Letztlich siegte das Bauchgefühl der Pallas-Leitung. "Unser Instinkt sagte: Lass die Maschinen stehen. Heute kann man auf Holz klopfen: Es hat geklappt." Knapp ein Drittel der 140 Mitarbeiter von Pallas arbeitet in der Vinyl-Produktion. Gestern haben sie das erste Solo-Album von Diana Ross von 1970 hergestellt. Während die Ross-Platten abkühlen, arbeiten die grün gestrichenen Pressmaschinen die nächsten Aufträge ab. Jede der 16 Maschinen schafft zwei Schallplatten pro Minute. Bei voller Auslastung kann Pallas 10.000 Platten am Tag produzieren. Aber: Für wen eigentlich?

Wer heute noch Schallplatten kauft, das weiß Kai Seemann, Geschäftsführer von Speakers Corner Records. Die Firma aus Gettorf bei Kiel hat sich auf die Wiederveröffentlichung vergriffener Schallplatten spezialisiert. "Schallplatten kaufen einerseits Leute, die mit LPs groß geworden sind und die nicht davon lassen wolle. Und andererseits junge Leute, für die eine LP etwas Neues ist. Keine leblose CD oder gar ein Download, sondern etwas Handfestes." 2008 war das bisher beste Jahr von Seemanns Firma. 50.000 verkaufte Platten sorgten für einen Umsatz von 1,3 Millionen Euro. Bei Pallas ist Seemann Stammkunde. Seine letzte Bestellung ist die LP von Diana Ross.

Rillen-Kontrolle per Mikroskop

Qualitätskontrolle der Schallplatten mit Mikroskop (Foto: DW)

Winzigste störende Partikel müssen aus der Plattenrille beseitigt werden

Für Kai Seemann zählt gute Qualität mehr als der Preis. Pallas ist weltweit eines der Presswerke mit dem höchsten Qualitätsstandard, sagt er. Auf diesen Ruf ist man stolz in Diepholz und tut alles, um ihm gerecht zu werden. Die Qualitätskontrollen sind strikt. Das ist kostspielig und aufwändig, denn der Weg von der Tonaufnahme im Studio zur metallenen Pressform und schließlich zur gepressten Schallplatte ist lang.

Udo Karduck atmet flach. Was er gerade tut, ist riskant. Karduck ist für die wichtigste Qualitätskontrolle zuständig. Die gilt dem Gehirn der Platte, der Rille. Jeden Tag hört sich der 40-Jährige die Vorstufen der eigentlichen Pressformen an, mit einem Spezialschallplattenspieler inklusive Mikroskop. Doch Karduck hört nicht auf die schönen Klänge. Er sucht Unebenheiten, Staubablagerungen - unerwünschtes Knistern. Klassische Musik füllt den kleinen Raum. "Da ist ein Knacker", sagt er leise. Karduck hat die knisternde Stelle mit einem Filzstift markiert und das Mikroskop über die Rille gedreht.

Verpacken von Schallplatten im Schallplattenpresswerk der Firma Pallas (Foto: DW)

Kurz vor der Abreise: Diana Ross' Solo-Debut von 1970

Mit einem kleinen Stichel putzt er die Rille am markierten Punkt. Eine falsche Bewegung würde die Rille zerkratzen. Heute geht es glatt. Der Knacker ist verschwunden. Jetzt wird die Pressform hergestellt, in die grünen Pressmaschinen eingespannt und presst wie ein großer Stempel aus einem heißen Vinylklumpen makellose Schallplatten. Makellos wie die 1.200 Diana Ross-Alben. Die sind inzwischen abgekühlt und werden von Pallas-Mitarbeitern in braune Pappkartons gepackt.

Noch am Abend wird die junge Stimme von Diana Ross - auf Vinyl gepresst - Diepholz verlassen. Erst wird sie bei Speakers Corner Records zwischenlanden und dann in die Vinyl-Nischen auf der ganzen Welt geliefert.

Autor: Benjamin Braden

Redaktion: Insa Wrede/fw

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