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Kultur

Ein folgenschwerer Kunstraub

Nach dem spektakulären Kunstraub in Rotterdam wird nun auch in Deutschland diskutiert: Ist es noch vertretbar, Meisterwerke in der Öffentlichkeit zu zeigen? Ja, sagen die Museen. Aber die Bedingungen werden sich ändern.

"Es ist ein Alptraum", sagte die Direktorin der Rotterdam Kunsthalle, Emily Ansenk, nach dem Kunstraub in den Niederlanden in der Nacht zum 16. Oktober und kann es auch ein paar Tage danach immer noch nicht fassen. Bei dem Einbruch wurden insgesamt sieben Werke von Pablo Picasso, Claude Monet, Henri Matisse, Paul Gauguin, Meyer de Haan und Lucian Freud geraubt – allesamt aus der Triton Collection des niederländischen Sammler-Paars Willem und Marijke Cordia; in Jahrzehnten zusammengetragen. Die Täter: unbekannt.

Picassos auf Abwegen

Ein Alptraum, vor dem auch Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums Hannover stand. 2008 wurden dem Museum zwei Picasso-Gemälde gestohlen. Das Museum hatte die beiden Werke als Leihgabe für eine Ausstellung in die Schweiz gegeben, wo sie geraubt wurden. Und dennoch hatte Ulrich Krempel Hoffnung: "Alle Beteiligten und Ermittelnden haben gesagt: Rechnen Sie damit, dass die Dinge wieder kommen, aber machen Sie sich keine Hoffnung, dass das schnell geschieht." Und schließlich, nach drei Jahren, gab es eine Spur. Ein Kunstdetektiv wollte die Werke in Serbien aufgespürt haben. Und tatsächlich: Als Ulrich Krempel anreiste und sie nachts in einem Hotelzimmer zu sehen bekam, konnte er ihre Echtheit feststellen. Doch wer die Täter waren, bleibt bis heute unaufgeklärt.

Das Gemälde Tête d'Arlequin Von Pablo Picasso wurde in der Nacht auf den 16. Oktober 2012 aus der Kunsthalle Rotterdam gestohlen. (Foto:Police Rotterdam/AP/dapd)

Vermisst: Pablo Picassos "Tête d'Arlequin"

Spekulationen, die denen im Fall Rotterdam gleichen, gab es hingegen schon, weiß Ulrich Krempel. Beispielsweise die nach einem Milliardär, der den Diebstahl in Auftrag gegeben haben könnte: "Ich glaube, das ist eine Fiktion, die eher in Hollywood oder in schauderlichen Kriminalgeschichten angesiedelt ist als in der Realität."

Der ominöse Milliardär, der Diebe anheuert, um sich über sie Kunstschätze zu beschaffen – eine abenteuerliche, wenn auch verständliche Überlegung. Denn verkaufen lassen sich die geklauten Meisterwerke nicht: Sowohl die beiden Picassos aus Hannover als auch die sieben Gemälde aus Rotterdam sind im Art Loss Register eingetragen. Das Art Loss Register ist die größte Datenbank gestohlener Kunstwerke. Was dort registriert ist, wird von keinem offiziellen Händler, auf keiner Messe und in keinem Aktionshaus mehr gehandelt.

Und trotzdem: Immer wieder stehlen Kriminelle Kunst von Weltrang: Als größter Kunstraub der Geschichte gilt der Einbruch ins Garder Museum Boston 1990. Zwei Diebe erschienen nachts im Museum und gaben vor, einen Notruf zu verfolgen. Als sie eingelassen wurden, fesselten sie die Aufpasser. Ihre Beute: Kunst im Wert von rund 230 Millionen Euro. Die Gemälde von Vermeer, Rembrandt, Manet und anderen Meistern sind bis heute verschwunden.

Polizisten untersuchen das Gebäude der Kunsthalle Rotterdam, aus dem in der Nacht auf den 16. Oktober 2012 sieben Meisterwerke gestohlen wurden. (Foto: ROBIN UTRECHT/AFP/Getty Images)

Hätte eine ständige Bewachung rund um die Uhr den Kunstraub in Rotterdam verhindern können?

In Rotterdam steht nun das Sicherheitskonzept in der Kritik. Die Kunsthalle war nachts, als der Einbruch geschah, lediglich durch eine Alarmanlage geschützt. Diese löste auch aus, doch als die Polizei nach wenigen Minuten eintraf, waren die Diebe samt ihrer Beute weg. Die Kunstwelt ist verunsichert, die Macher von Ausstellungen im Zwiespalt, wie der Kurator der Hypo-Kunsthalle in München, Roger Diederen: "Man will natürlich einerseits als Museumsmann oder –frau die Kunst zugänglich machen, andererseits sorgen solche Fälle dafür, dass man dann dazu aufgefordert wird, das Museum oder die Kunsthalle in einen Bunker umzubauen."

Sicherheit, die kostet und die sowohl kleine als auch große Häuser an ihre finanziellen Grenzen treibt. Die Folge: Besucher müssen mehr ausgeben, um Kunst zu sehen: "Dann wundert sich das Publikum zu recht: Warum muss ich zehn, zwölf Euro für eine Ausstellung zahlen? Aber die wenigsten Leute kapieren, wie außerordentlich hoch die allgemeinen Kosten sind, um Kunstwerke zu transportieren, zu versichern, auszustellen. Das ist ein gewaltiges Problem."

Die Rotterdamer Kunsthalle ist ein Entwurf des berühmten Architekten Rem Koolhaas. Ihr Westgiebel besteht aus einer großen Glasfront. (Foto: ROBIN UTRECHT/AFP/Getty Images)

Budget für ständiges Wachpersonal gab es in Rotterdam nicht

Noch ein Problem: Kunsthallen, wie die der Hypo-Kulturstiftung in München sind auf Leihgaben anderer Museen angewiesen, weil sie selbst keine eigene Sammlung besitzen. Haben Museen aufgrund der Kunstdiebstähle wie dem in Rotterdam nun Bedenken, können Kunsthallen keine Ausstellungen mehr veranstalten, weil ihnen die Kunst fehlt.

Kunst als visuelles Gedächtnis

Direktor Krempel will aber auch weiterhin Kunst aus den Beständen des Sprengel Museums verleihen. Denn Kunst gehört für ihn in die Öffentlichkeit und nicht in das Museumsdepot. Sie sei eine Art visuelles Gedächtnis, das nur funktioniere, wenn sich Besucher Werke auch anschauen und aneignen könnten "auf die schönste Art und Weise, die es gibt, nämlich mit dem Kopf, mit dem Sehen, mit dem Verstehen und nicht über das Klauen".

Seit dem Raub der zwei Picasso-Bilder schaut er sich die in den sogenannten Facility Reports festgehaltenen Sicherheitsbestimmungen der nach Leihgaben fragenden Ausstellungsmacher aber noch genauer an. Und glaubt an das Gute im Menschen: "In der Regel ist Kunst auch dadurch geschützt, dass Kunst von vielen Leuten auf eine wunderbare Art und Weise als unser Allgemeingut verstanden wird."

Die beiden geklauten Picassos sind mittlerweile wieder im Sprengel Museum Hannover zu sehen; nur eins wurde am Rahmen leicht beschädigt.