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Europa

Ein Examen ohne Vorlesungen?

Was zählt ein Universitätsabschluss, wenn die Studienleistung nicht stattgefunden hat? Diese Frage muss sich Frankreich nach über vier Monaten Streik und Barrikaden an zahlreichen Universitäten stellen.

Studenten protestieren gegen Polizisten (AP Photo/Michel Euler).

Mit Gewalt gegen die Staatsmacht: Studentenproteste in Frankreich.

An knapp 20 von 83 französischen Universitäten ist an einen normalen Lehralltag seit Monaten nicht mehr zu denken. Bei der Studentenrevolte 1968 fielen nur halb so viele Monate Unterricht aus. Im Unterschied zu damals protestieren heute Studenten und Professoren gemeinsam.

Examen in Gefahr?

Polizeieinsatz waehrend einer Studentendemonstration am 6. Mai 1968 in Paris. (AP Photo)

Studentenproteste haben in Frankreich eine lange Tradition

Doch die Realität holt sie nun wieder ein: Die Abschlussprüfungen stehen bevor und mit ihnen kommt, pünktlich zum Semesterende, die Frage, ob und wie man Prüfungen über etwas ablegen kann, dass man nicht gelernt hat. Fast 300.000 Studenten wissen weder, was in ihren Examen Ende Juni geprüft werden könnte, noch, ob diese überhaupt stattfinden.

Besonders die Studenten, die sich nicht an den Protesten beteiligt haben, sehen sich als Opfer. Eine angehende Dolmetscherin in Bordeaux hat Angst, dass ihr Diplom durch den Unterrichtsausfall auf dem Arbeitsmarkt nur belächelt werden wird und protestiert vor der verbarrikadierten Universität nicht gegen die Reform, sondern für die Wiederaufnahme des Unterrichts. "Ich kann mir das nicht einfach gefallen lassen. Meine Eltern versuchen, mir finanziell zu helfen, und ich arbeite nebenher, um mir das Studium zu leisten. Ich habe im Wintersemester alles gegeben, damit ich später eine gute Zukunft habe. Und jetzt muss ich erleben, wie ich vielleicht ein Jahr die Studiengebühren umsonst gezahlt habe", beklagt sie sich.

Jede Uni reagiert anders auf die Proteste

Studentenprotest im Februar 2009

Universitätsprofessoren und Studenten demonstrieren für eine bessere Bildung

Zwei Möglichkeiten werden an den Universitäten diskutiert: Entweder legen die Studenten eine stark vereinfachte, reduzierte Prüfung ab oder das zweite Semester wird dort einfach neutralisiert. "Die Lösungen müssen so flexibel sein, wie es die Situation erfordert", sagt Simone Bonnafous, von der Konferenz der Universitätspräsidenten Frankreichs. An einigen Unis hätten beispielsweise Professoren die Vorlesungen durch Online-Dokumente ersetzt und über Emails Aufsätze betreut. "Es gibt Universitäten, die die Examen nun um zwei oder drei Wochen verschieben, und solche, die erst im September die Prüfungen abhalten. Die Präsidenten der Universitäten und die verantwortlichen Professoren tun, was sie können, damit die Universitätsabschlüsse gültig sind. Wir verschenken unsere Diplome nicht."

52 Prozent der Studenten würden einer Umfrage zufolge der Lösung der vereinfachten Examen zustimmen, 42 Prozent lehnen jegliche Sonderregelungen ganz ab. Nur vier Prozent der französischen Studenten befürworteten die Neutralisierung des laufenden Semesters.

Die Ministerin für Hochschulwesen und Forschung, Valérie Pécresse, wies letztere Notlösung jedoch entschieden zurück. Sie sei der Garant für die Qualität der französischen Diplome und daher komme es nicht in Frage, Semester gelten zu lassen, wenn die Lehre nicht normal stattgefunden habe. Pécresse drohte damit, den Professoren, die die Examen weiterhin verhindern wollen, ihre Gehälter zu streichen.

Die Politik ist gefordert

Der Palais universitaire in Straßburg +++(c) dpa - Bildfunk+++

Heilige Hallen werden bestreikt - der Palais universitaire in Straßburg

Die Streiks an den Universitäten sind zum Politikum geworden. Der Ton der Regierungspartei UMP verschärft sich drastisch: UMP-Sprecher Frédéric Lefebvre forderte, dass die Verantwortlichen strafrechtlich verfolgt werden sollten. "Ich möchte nicht, dass die jungen Franzosen darunter leiden, dass eine Gruppe von Radikalen, so nenne ich sie, entschieden hat, sie als Geiseln zu nehmen, um ideologische Ansichten zu verteidigen. Diese Leute sind dazu bereit, die Examen der Studenten für ihre Sache zu opfern. Das ist ein Skandal und das kann in einer Demokratie nicht akzeptiert werden."

Der Vorsitzende der Zentrumspartei Modem, Francois Bayrou, befürchtet, dass viele Universitäten im Begriff sind, auseinanderzufallen. Er forderte die Regierung auf, einen Ausweg zu finden, anstatt die Universitäten mit ihrem Problem alleine zu lassen. Auch der ehemalige sozialistische Bildungsminister Jack Lang klagte die Regierung an, zahlreiche Fehler begangen zu haben und hält eine "Schock-Maßnahme" wie den Rücktritt der Führungsriege des Bildungsministeriums für notwendig.

Autor: Paul Fehlinger

Redaketur: Richard Fuchs

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