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Kultur

Ein Erbe zwischen Ungarn und Deutschland

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész überlässt sein Erbe, das den Holocaust thematisiert, der Berliner Akademie der Künste. Was sagt das über die deutsch-ungarischen Kulturkontakte?

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, Imre Kertész, Mitte November 2012 in Berlin (Foto: dapd)

Imre Kertesz

Der jüdisch-ungarische Literaturnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Imre Kertész hat Mitte Novermber sein künstlerisches Archiv der Berliner Akademie der Künste überlassen. Es ist bereits die zweite Schenkung von Imre Kertész an Berlin, die Stadt, in der er gerne lebt. "Wo der Amerikaner seinen Hut ablegt, ist er zu Hause. Hier lege ich meinen Hut ab", bekundet er mit einem Lächeln im Stadtporträt "Sehnsucht Berlin", einem Dokumentarfilm über Künstler, die zeitweise in Berlin leben.

Neben Kertész ist Berlin auch die Wahlheimat des ungarischen Fotografen und Schriftstellers Péter Nádas, ebenfalls ein Mitglied der Berliner Akademie der Künste. Zu deren Mitgliedern zählen weitere ungarische Schriftsteller, etwa Peter Esterhazy oder György Konrád. Konrád war über sechs Jahre sogar Leiter dieser Institution. Allen ist gemein, dass sie sich durch Berlin in ihrem künstlerischen Schaffen inspirieren ließen. Ist die Schenkung von Imre Kertész vom 15. November 2012 dabei ein Meilenstein?

"Dieses Ereignis hat mit der persönlichen Beziehung von Imre Kertész zu Deutschland zu tun. Er ist eine sinnbildliche Figur des Holocaust, beziehungsweise, wie er es nennt, der Kultur des Holocaust. Damit geht es hier um die Beziehung eines Holocaust-Überlebenden zu Deutschland", meint Can Togay, Direktor des Collegium Hungaricum, des Ungarischen Kulturinstitutes in Berlin. "Es ist eine bedeutsame Wende in seinem persönlichen Schicksal, dass er letztendlich diese Entscheidung über seinen Nachlass trifft", sagt Togay. Es gehe um die Beziehung zwischen Ungarn und Deutschland im und zum Holocaust.

Das ungarische Königspaar Stephan (l.) und Gisela

Das ungarische Königspaar Stephan (l.) und Gisela

Die deutsch-ungarischen Kulturbeziehungen haben insgesamt eine 1000-jährige Geschichte. Der erste König Ungarns, Stephan I., heiratete damals die bayerische Prinzessin Gisela und führte das Christentum in Ungarn ein. Diese Eheschließung trug zur Bindung Ungarns an Westeuropa bei. Seit Königin Gisela blieb der Kontakt zwischen beiden Ländern trotz jeglicher politischer Turbulenzen über die Jahrhunderte erhalten.

Berlin - Fenster zur Welt

"Das Imre-Kertész-Archiv wird eine große Forschungstätigkeit in Berlin entfalten", prophezeit Klaus Rettel, Präsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft. Rettel will daran erinnern, dass es nach der politischen Wende hieß, die Deutschen würden den Ungarn nie vergessen, was diese mit der Beseitigung des Eisernen Vorhangs für die Einheit Deutschlands und für die Freiheit des europäischen Kontinents getan haben. Der Verein pflegt den Austausch zwischen beiden Ländern. Imre Kertész ist Ehrenmitglied der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft. Er meint, der Weg der ungarischen Literatur führe durch Berlin nach Europa. Hier und in anderen deutschen Städten öffne sich für viele ungarische Künstler ein Fenster zur Welt.

So erging es auch der jungen Schauspielerin Dorka Gryllus, die seit einigen Jahren zwei Wohnsitze hat: einen in Budapest, einen in Berlin. "Während Dreharbeiten mit Rolf Schübel, beispielsweise zum Film 'Gloomy Sunday - Ein Lied von Liebe und Tod', wurde mein Interesse für die deutsche Filmindustrie geweckt", sagt Gryllus. Die Sprache lernte sie im Handumdrehen und spielte seitdem in einigen internationalen Filmen, beispielsweise mit Marianne Faithfull in "Irina Palm" oder in Fatih Akins "Soul Kitchen".

Auch Regisseur Benedek Fliegauf verbrachte viel kreative Zeit in Deutschland, so auch während er seinen Film "Womb" mit Eva Green in Norddeutschland drehte. Den Silbernen Bären der Berlinale gewann er 2012 mit "Nur der Wind" - einem Film über eine Roma-Mordserie in Ungarn.

Leben im Ping-Pong

Die meisten ungarischen Künstler in Deutschland kommen aus der schreibenden Zunft. Einige emigrierten aus politischen Gründen nach Deutschland, andere wählten es freiwillig als neue Heimat: Péter Farkas lebt und schreibt in Köln und wurde für sein Lebenswerk mit dem Sándor-Márai-Preis ausgezeichnet. In seinem Roman "Acht Minuten" schildert er feinfühlig das Leben eines demenzkranken Ehepaars. An der Berliner Universität der Künste studierte die junge Ungarin Léda Forgó szenisches Schreiben und erhielt 2008 den renommierten Chamisso-Preis.

Forgó schreibt ihre Romane auf Deutsch und fühlt sich in einem ständigen Zwischenstatus: "Ich lebe in einem Ping-Pong zwischen zwei Schichten, die ständig aneinander angeglichen werden müssen: die Sprache sowie die Mentalität. Aus ihrer Position sehe sie die fatalen Missverständnisse besser, die sich aus der Ungenauigkeit der Übersetzung und aus den unterschiedlichen politischen Traditionen Ungarns und Deutschlands ergäben, sagt Forgó. "Dank diesem Nicht-Verstehen können Ungarn und Deutsche glückliche Illusionen übereinander, aber auch hoffnungslose Kommunikationsstörungen bewahren." Beide Kulturen seien Teil ihrer Identität als Autorin. Sie lebt die 1000-jährige Beziehung zwischen beiden Ländern in ihrer Literatur weiter.