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Kultur

Ein einzigartiges Stück vom Star

Unterschriften von bewunderten Persönlichkeiten sind für Sammler mehr als nur eine nüchterne Signatur. Sie besitzen hohen symbolischen Wert, dadurch oft auch einen hohen Preis, und sie sind nicht immer leicht zu haben.

Rettungskraefte tragen in Oberhausen eine verletzte Person auf einer Bahre. Foto: dapd

In Oberhausen endete eine Autogrammstunde in einer Massenpanik

Samstag, 27. März 2011. Im Oberhausener Mega-Einkaufszentrum Centro drängen sich Tausende in Richtung eines abgesperrten Bereichs namens "Oase". Alle wollen dasselbe, eine Unterschrift ihres Idols. Der TV-Sender RTL hat zur Autogrammstunde eingeladen. Die umschwärmten Stars sind eigentlich noch gar keine, sondern Teilnehmer einer Staffel der Fernseh-Show "Deutschland sucht den Superstar", DSDS. Mit 3000 bis 5000 Gästen hatten die Veranstalter gerechnet, fast 20.000 kommen. Statt um 15 Uhr werden Türen zur "Oase" schon um 12 Uhr geöffnet und nach 40 Minuten wieder geschlossen. Nichts geht mehr. Bei der anschließenden Massenpanik werden 60 Teenager verletzt, 28 müssen wegen Prellungen, Knochenbrüchen und Kreislaufzusammenbrüchen ins Krankenhaus.

Sammeln ist Fleißarbeit

Ein Autogrammsammler vor einer Wand mit seinen zahlreichen Sammelstücken. Foto: DW

Autogramm-Sammler haben oft umfangreiche Archive.

So spektakulär endet die Jagd auf Autogramme selten. Der Alltag der Unterschriften-Sammler ist meist harmlos, ihr Hobby eine Fleißarbeit. Ralf Hahn schätzt, dass es in Deutschland mehrere 10.000 Menschen gibt, die Fotos, Bücher, Schallplatten und vieles andere mehr mit persönlicher Unterschrift von ihren Idolen sammeln. Hahn ist Vorsitzender der "Arbeitsgemeinschaft der Autografen" und würde niemals zu einer Veranstaltung gehen, wie der im Oberhausener Centro.

Der Wissenschaftshistoriker verbindet berufliches Interesse mit seinem Hobby und sammelt vor allem Unterschriften von Wissenschaftlern, die den Nobelpreis bekommen haben. Er gehört zu denjenigen, denen es nicht genügt, dass die Unterschrift ihrer Stars auf irgendeinem Zettel oder Foto prangt. "Autografen" sind Schriftstücke, die neben der Signatur noch mehr enthalten, darunter fallen zum Beispiel Briefe und Notenblätter, aber auch persönliche Widmungen.

1980 hat Ralf Hahn seine ersten Briefe an Nobelpreisträger geschrieben. Sein Verein wurde 1986 gegründet und ist der älteste in Deutschland. Viermal im Jahr geben die AdA-Redakteure eine Zeitschrift heraus zu verschiedenen Gesellschaftsthemen. Der Sport spielt meist die größte Rolle.

Quer durch alle Gesellschaftsschichten

Auch der 72-jährige Peter Schönrock sammelt Autogramme von Nobelpreisträgern aus historischem Interesse, daneben aber auch Unterschriften von Politikern, Staatsoberhäuptern und Regierungschefs. Schönrock ist Vorsitzender des größten Vereins von Autogrammsammlern in Deutschland, des "Clubs der Autogrammsammler". Auch der "CdA" gibt eine Zeitschrift heraus für seine 1200 Mitglieder, die sich sogar in den USA und in China finden. "Bei uns finden sich Männer wie Frauen, alle Altersklassen und sozialen Gruppen. Menschen aus Behindertenwohnheimen ebenso wie Kriminalkommissare", betont Peter Schönrock. Mit einem Brief von Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer begann 1965 sein Sammlerleben. 100.000 Autogramme hat er in Koffern und Kisten verstaut, 25.000 davon sind in Listen geordnet.

Schon Goethe sammelte Unterschriften

Ein Blatt mit der Unterschrift Johann Wolfgang Goethes im Goethe-Nationalmuseum in Weimar.Foto: Martin Schutt dpa/lth

Dichter Goethe ist einer der frühesten Autogrammsammler.

Auch wenn die beiden größten Vereine noch recht jung sind, gesammelt werden Autogramme schon sehr viel länger. Schon Goethe war stolz auf Autografen bekannter Persönlichkeiten. Als Deutschlands berühmtester Dichter vom Philosophen und Schriftsteller Friedrich Heinrich Jacobi Material für seine Sammlung erhielt, schrieb er: "Die übersandten Blätter sind mir von unendlichem Wert; denn da mir die sinnliche Anschauung durchaus unentbehrlich ist, so werden mir vorzügliche Menschen durch ihre Handschrift auf eine magische Weise vergegenwärtigt."

Diese "Vergegenwärtigung" ist wohl auch heute noch das, was Sammler an Autogrammen fasziniert. "Der Star ist damit ein Stück anwesend", sagt der Bonner Volkskundler Helmut Groschwitz und spricht von einer "Auratisierung" des Materials. Die Schriftstücke und Gegenstände werden symbolisch aufgeladen, sie strahlen etwas ab vom Glanz der Person, die durch sportliche Leistung oder moralische Integrität zu Prominenz gelangt.

Kommerzialisierung durch das Internet

Schauspieler Johnny Depp gibt Fans Autogramme. Foto: DW

Autogrammjäger verkaufen die erbeuteten Unterschriften von Stars oft im Internet.

Der symbolische Wert zieht nicht selten einen materiellen Wert nach sich. "Mit der Entwicklung des Internet hat sich das Sammeln verändert. Ein Riesenmarkt ist entstanden" konstatiert Peter Schönrock. Neben Sammler-Foren und Tauschbörsen haben sich zahlreiche professionelle Autogrammhändler etabliert. Vor allem das Online-Verkausportal "ebay" ist für die Sammlerszene eine Herausforderung. "Nach dem Tod von Popstar Michael Jackson im Jahr 2009 wurden bei ebay Hunderte von Autogrammen angeboten. 99 Prozent davon waren wohl Fälschungen", vermutet Ralf Hahn. Peter Schönrock glaubt, dass es sich bei der Hälfte aller bei ebay angebotenen Autogramme um Fälschungen handelt.

Auch wenn viele der von Stars unterschriebenen Karten und Fotos für 10 bis 30 Euros zu haben sind, kosten manche Signaturen, insbesondere die von berühmten historischen Persönlichkeiten, ein kleines Vermögen. Schon 1911 ersteigerte der US-amerikanische Bankier John Pierpont Morgan für 102.000 Goldmark den lateinischen Brief Martin Luthers an Kaiser Karl V. vom 28. April 1521. Vor einigen Jahren kam eine Sammlung von Briefen Albert Einsteins unter den Hammer. Der Preis: mehr als eine Million Dollar. Aber auch einfache Signaturen können mehrere tausend Euro kosten, wenn sie zum Beispiel von den Beatles stammen.

Manche lassen unterschreiben

US-Präsident Barack Obama beim Autogramme-Schreiben.

Viele Sammler wünschen sich Autogramme von prominenten Politikern.

Das teuerste Autogramm, das Ralf Hahn jemals verkauft hat, war eine ausgeschnittene Unterschrift von Martin Luther für 12.000 Euro: "Beim Ausschneiden der Signaturen war man früher weniger empfindlich, Anfang des 19. Jahrhunderts war es regelrecht Mode. Heute wäre das Frevel." Der Erbauer von Schloss Neuschwanstein, der bayerische König Ludwig II., hat das Verteilen von Autogrammen mit Foto regelrecht organisiert. Er wird von vielen als Begründer dieser Autogrammgattung genannt. Zahlreiche Potentaten überließen das Unterschreiben auch speziellen Sekretären, vor allem in Frankreich. Dort gab es speziell angestellte Fälscher, die das taten, wofür andere in den Kerker kamen. Aber auch der US-Präsident soll die Unterschriftenarbeit anderen überlassen haben, sagt Peter Schönrock. Bei auf diese Weise legitimierten Gesetzesentscheidungen werde heute die Frage gestellt, ob sie noch gültig sind.

Seit man mit Autogrammen per Internet viel Geld verdienen kann, hat die Zahl der Autogrammjäger deutlich zugenommen, ärgert sich der CdA-Vorsitzende Schönrock: "Manche Prominente reagieren deshalb sauer auf Anfragen und geben gar keine Autogramme mehr." Der Astronaut Neil Armstrong zum Beispiel. Die Folge seiner Entscheidung: die bereits existierenden Autogramme von Armstrong sind noch einmal deutlich im Marktwert gestiegen.