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Kultur

Ein Dorf spielt Theater

Vor 377 Jahren legten die Oberammergauer ein Gelübde ab: Sie verpflichteten sich, alle 10 Jahre die Leidensgeschichte Jesu Christi als Laienspiel aufzuführen, falls Gott sie von der Pest erlöse.

Passionsspiele Theater Plakat (Foto: DW/Per Henriksen)

Die oberbayerische 5.000-Seelen-Gemeinde steht in diesem Frühjahr ganz im Zeichen der Passion. Seit Monaten bereitet sich das ganze Dorf auf die mehr als 100 Aufführungen zwischen Mai und Oktober vor, die eine halbe Millionen Zuschauer aus aller Welt anlocken werden. Kaum ein Oberammergauer , dessen Alltag in diesen Wochen nicht von den Vorbereitungen auf das große Laienspiel bestimmt wird. Im Straßenbild dominieren bärtige Typen, haben doch alle männlichen Darsteller seit Aschermittwoch 2009 Friseurverbot. So will es die Tradition. Abend für Abend treffen sich die Laienschauspieler im kleinen Theater, um die jeweiligen Szenen aus der Lebens- und Leidensgeschichte Jesu Christi einzustudieren. Regisseur Christian Stückl hat den Passionstext des Oberammergauer Pfarrers Joseph Daisenberger aus dem Jahr 1859 modernisiert und führt in diesem Jahr schon zum dritten Mal Regie.

Passion aus Leidenschaft

Spielleiter Christian Stückl probt mit Darstellerin (Foto: DW/Per Henriksen)

Harte Arbeit für Laien

Auf dem Probenplan steht die Szene auf dem Ölberg bei Jerusalem, in der Jesus mit seinen Jüngern dem Verrat des Judas entgegensieht. Der geplante Judas-Kuss soll der versammelten Rotte grobes Gelächter entlocken. Regisseur Stückl zieht nervös an der Zigarette und steht gestikulierend im Raum. Wie immer versucht er, alles aus den dörflichen Laienschauspielern herauszuholen. Dabei geht es auch schon mal rustikal zu - im Probenraum fliegen Stuhlbeine umher, das Volk in Jerusalem gebärdet sich derb. Die spürbare Begeisterung mit der Christian Stückl Regie führt, kommt nicht von ungefähr. Der Sohn eines Oberammergauer Kneipenwirtes bastelte schon mit 15 lieber Krippenfiguren, als dass er zur Klosterschule ging. "Ich bin in einer Familie groß geworden, in der unablässig über das Passionsspiel diskutiert wurde. 1970, als Siebenjähriger, war ich ständig mit meinem Opa bei der Passion und habe praktisch die ganze 2. Klasse in der Schule versäumt. Also ich war ganz früh schon ganz tief drin im Spiel", sagt Stückl und versucht die gleiche emotionale Tiefe auch dem Spiel seiner noch etwas zurückhaltenden Jesusdarsteller zu vermitteln. Die Darsteller der rund 130 Sprechrollen sind von ihm handverlesen. Dieses Mal wird die Ehre, den Jesus spielen zu dürfen unter aanderem dem 30 -jährigen Frederik Mayet zuteil. Er hat sich, wie die anderen Hauptdarsteller auch, in einer zweiwöchigen Israel Reise unter fachkundiger Leitung eines Theologen auf seine Rolle vorbereitet und empfindet großen Respekt.

Respekt vor Rolle des Jesus

Jesus Darsteller Frederik Mayet (Foto: DW/Per Henriksen)

Warten auf den Beginn

"Als bekannt gegeben wurde, dass ich den Jesus spielen soll, war ich zunächst überwältigt. Nachdem die erste Euphorie verflogen ist, fängt man an nachzudenken und empfindet es dann als eine enorme Herausforderung", erzählt Mayet und fährt sich mit den Händen durch den modisch zu recht gestutzten Bart. Ähnlich äußert sich auch Andrea Hecht, die Mutter zweier Kinder und Bildhauerin spielt bereits zum zweiten Mal die Maria.

Maria Darstellerin Andrea Hecht (Foto: Foto DW/Per Henriksen)

Vorfreude auf den Beginn

Als leidende Mutter Gottes muss sie bei der Kreuzigung Jesus' die Verzweiflung vor 5.000 zahlenden Zuschauern überzeugend darbieten und dabei auch viel von sich selbst Preis geben. "Die Darstellung ist eine harte schauspielerische Arbeit. Zu sehen, was man von sich raus lässt an Emotionen. Von der einen auf die andere Sekunde hinzusinken, schwach zu sein und laut zu schreien, das macht man nicht so leicht vor Fremden", bekennt die 47-Jährige. Beide Hauptdarsteller genießen den Probenbetrieb und die Passionsspielstimmung im Dorf, das in Passionsjahren näher als sonst zusammenrückt.

Küstüme hängen in langen Reihen auf Kleiderständern (Foto: Foto DW/Per Henriksen)

In den letzten Wochen vor der Premiere am 15. Mai wird vor und hinter den Kulissen mit Hochdruck gearbeitet. Egal, ob es um den letzten Schliff am Bühnenbild oder das Einfärben der Kostüme geht. Bis nach Indien ist man gereist, um das beste Tuch für die Darsteller zu finden und die letzte Farbschattierungen werden von den Färberinnen im Passionsspielhaus auf Anweisung des Bühnenbildners mit der Hand eingewaschen." Es ist zu schwierig in der Maschine. Man verdirbt da die Farben zu schnell", sagt Färberin Anna Marzell. "Das ist jetzt das Kostüm vom Petrus, letzte Woche haben wir das vom Jesus gemacht, auch so sandfarben, nur eine Nuance mehr grau."

Das große Geschäft

Während im Passionsspieltheater geprobt, gefärbt und geputzt wird, ist Werner Hirrlinger in der Geschäftsstelle der Oberammergauer Passionsspiele vor allem mit dem Verkauf der bis zwischen 200 und 800 Euro teuren Besucherarrangements beschäftigt. Dafür wird den Besuchern aus aller Welt der Eintritt zum Passionsspiel mit ein oder zwei Tagen Halbpension im Ort angeboten. Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise und den rückläufigen Besucherzahlen, vor allem aus den USA, ist der Verkaufsleiter auch in diesem Jahr relativ zufrieden mit dem Geschäft: "Oberammergau ist natürlich sehr verwöhnt aus früheren Passionen, als die Aufführungen meist schon ein Jahr im Voraus zu 100 Prozent ausgebucht waren. Das ist dieses Jahr nicht der Fall. Aber wir haben eine Rückgabequote von lediglich fünf Prozent."

Die von den Reiseveranstaltern zurück gegebenen Karten gelangen in den Einzelverkauf. Schlussendlich hofft man auch für die Passion 2010 wieder auf eine halbe Million Zuschauer. Dann wird der kleine Ort mit seinen barock bemalten Häusern wieder aus allen Nähten platzen, kommt doch auf jeden Einwohner mindestens ein Besucher. Das Gelübde von 1633 hilft so auch die leere Gemeindekasse heute zu sanieren. Bürgermeister Arno Nunn, der als Zugezogener zwar nicht selber mitspielen darf , aber den finanziellen Segen der Passion durchaus zu schätzen weiß: "Es ist auf der einen Seite ein Gelübdespiel, auf der anderen Seite, und das lässt sich nicht verleugnen, hat es für die Gemeinde auch ganz klar einen finanziellen Hintergrund. Bei der Passion 2000 lag der Erlös bei rund 25 Millionen Euro und wir hoffen, dass er dieses Mal eine ähnliche Dimension erreicht."

Dann wird die Passion die Gemeinde Oberammergau nicht nur vor der Pest bewahrt haben, sondern auch vor dem inzwischen viel bedrohlicheren Ruin.

Autor Daniel Scheschkewitz

Redaktion: Conny Paul