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Kultur

Ein Dorf lebt von gebrauchten Büchern

Hay-on-Wye ist das Las Vegas der Second-Hand-Bücher. Die Kleinstadt an der Grenze zwischen England und Wales hat Dutzende Läden für gebrauchte Literatur. Der König der Buchhändler will die Idee in die USA exportieren.

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Schön über dem Fluss Wye gelegen, in den sanften Hügeln an der walisischen Grenze, könnte Hay einigermaßen gut von seiner landschaftlichen Attraktivität leben. Aber die Stadt schöpft Reichtum aus einer ungewöhnlichen Quelle: "Wir finden, der wertvollste Gegenstand, den die westliche Zivilisation zu bieten hat, ist das unbeworbene Second-Hand-Buch", sagt Richard Booth, der selbst ernannte "König" von Hay-on-Wye. An seiner Ladenkasse hält er Hof, umgeben von hunderten abgenutzten Bänden, und scherzt mit seinen Kunden, die dort Schlange stehen.

Bücher retten vor Bedeutungslosigkeit

Booth eröffnete den ersten Second-Hand-Buchladen in Hay in den 1960er-Jahren. Mittlerweile gibt es mehr als 30 davon, die zehntausende Stöberer anziehen, aus einem Umkreis von mehreren Meilen. Second-Hand-Bücher haben Hay ganz groß rausgebracht. Booth würde sogar noch weiter gehen: "Das Buch und der kreative Umgang mit Büchern können den Tourismus ankurbeln. Ländliche Gebiete können nur mit der Kraft des Second-Hand-Buchs überleben."

Mit seinem viktorianischen Glockenturm und dem mittelalterlichen Schloss ist Hay wirklich pittoresk. Aber ohne die Läden für gebrauchte Bücher wäre es nur einer von vielen walisischen Marktflecken - in stilvoller Verarmung. Aber die Bücher locken Touristen in die Provinz: "Ich bin vorher noch nie hier gewesen", sagt eine Besucherin. "Aber ich habe eine Menge über Hay gehört, dass es der Ort sei, wo man das Buch kaufen kann, das man überall gesucht, aber nie gefunden hat." Eine Kunststudentin hat gerade ein Buch über Künstlerinnen von 1550 bis 1950 gekauft und ist begeistert.

Im Sog des Bücher-Booms

Hay Festival Großbritannien

Ein schmuckes Städtchen ...

Die Buchläden verdienen nicht das große Geld. Der Verkauf von Second-Hand-Büchern gehört nicht zu den lukrativsten Geschäftsideen auf diesem Planeten. Aber die Menschen, die wegen der Bücher kommen, geben ihr Geld in Hay für andere Dinge aus.

"Die Bücher haben den Ort komplett verändert", erzählt David Manasian vom Magazin "Economist", der selbst seit Jahren hier stöbert. "Andere Marktstädtchen sind schön, aber leer. Aber Hay ist ein geschäftiger Ort, nicht nur mit vielen Buchläden, sondern mit Cafés, Pubs, Restaurants und Hotels."

Ein Muss: das eigene Festival

Jane Fonda auf der Hay Festival

... und schmucke Besucher: Jane Fonda

Die kritische Masse als Stadt der Bücher erreichte Hay mit der Einführung eines eigenen Literatur-Festivals. Jedes Jahr versammeln sich zehn Tage lang Autoren und Leser. In den letzten Jahren haben sogar Berühmtheiten wie Ex-US-Präsident Bill Clinton oder die Schauspielerin Jane Fonda das Festival besucht. Es spült jedes Jahr umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro in die lokale Wirtschaft.

Und mittlerweile liegt das winzige, abgelegene Hay auf der Route vieler internationaler Touristen, berichtet Revel Guest, der Festival-Beauftragte. "Ich habe heute schon eine Gruppe Japaner herumlaufen sehen. Man trifft Franzosen und auf jeden Fall auch Amerikaner. Das wäre früher nie vor gekommen."

Freiheit und billige Bücher

Aber der Mann, mit dem alles begann, denkt in seinem Buchladen schon weiter. Richard Booth half kürzlich dabei, einen Second-Hand-Buchladen in Brownville im US-Staat Nebraska zu eröffnen. Jetzt träumt er von vielen Buch-Städten in den USA. "Vor 30 Jahren habe ich mich selbst zum Buch-König gemacht. Jetzt ist es wichtig für mich, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung neu zu schreiben. Das Recht, Waffen zu tragen, sollte genau so wichtig sein wie das Recht, ein günstiges Buch zu lesen."

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