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Amerika

Ein Dorf kehrt mit Musik zurück ins Leben

Kolumbien wird mit vier Millionen Flüchtlingen im eigenen Land weltweit nur vom Sudan übertroffen. Die Bewohner des Dorfes Unión Peneya wurden ebenfalls vertrieben, fassten dann aber den Mut, gemeinsam zurückzukehren.

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Die jungen Musiker der "Banda de Paz", der "Band für den Frieden", sind mitten im kolumbianischen Bürgerkrieg groß geworden. Doch sie haben sich für Instrumente und gegen Waffen entschieden. María, Juan Pablo, Jason und die anderen kommen aus Unión Peneya, einem kleinen Dorf im Süden Kolumbiens, in der Provinz Caquetá – eine Region, in der sich die Guerilla-Organisation FARC, also die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, die Paramilitärs und das kolumbianische Heer seit Jahrzehnten mit allen Mitteln bekämpfen. Es geht um Macht, Kontrolle über das Land und Drogenhandel.

Musizieren im Pferdestall

Union Peneya in Kolumbien

Carlos Alberto Villa (Zweiter von rechts) übt mit seiner "Banda de Paz" in einem alten Pferdestall.

Jeden Nachmittag zwischen Vier und Fünf üben die 13 Jungen und Mädchen mit ihren Trompeten, Klarinetten und Trommeln in einem alten Pferdestall. Das Dach ist schon lange kaputt, die Pferde grasen einige Meter entfernt. Es riecht nach Stroh und Mist. Einschusslöcher finden sich überall in den Wänden des Stalls. Zeugnisse der letzten Auseinandersetzungen zwischen der kolumbianischen Armee und der FARC.

Die Musiker und ihre Familien, mitten drin im bewaffneten Konflikt, mussten Unión Peneya deswegen verlassen. Das Leben im Dorf war zu gefährlich. Sechs Jahre ist das jetzt her. Auch Carlos Alberto Villa, der Dirigent der "Banda de Paz", musste aus Unión Peneya fliehen: "Es war eine schreckliche Zeit: wir waren verzweifelt, wir hatten Hunger, uns war kalt. Etwas, das ich nie vergessen werde, war, dass wir einmal nicht genügend Teller hatten und ich aus dem Hundenapf essen musste. Das war eine Erniedrigung, die ich niemandem wünsche."

Die Musik ändert die Mentalität

Union Peneya in Kolumbien

Mit der Musik haben die jungen Musiker der "Banda de Paz" die Vergangenheit hinter sich gelassen.

Das Dorf gehörte lange zum Einzugsgebiet der Guerilla, bis das Heer die FARC zurückdrängte. Kinder, Frauen, die Alten - für die Armee waren die Bewohner von Unión Peneya allesamt Guerilleros, die es zu vertreiben galt. Und so verließen kurz vor dem Einmarsch der Soldaten alle Bewohner des Dorfes über Nacht ihre geliebte Heimat. Drei Jahre lebten die Menschen auf der Flucht, ohne ein Zuhause, aber immer mit dem Wunsch, wiederzukommen.

Nach langen und zähen Verhandlungen mit der Armee und mit der FARC kehrten tatsächlich fast alle Bewohner von Unión Peneya zurück. Sie wollten die schreckliche Zeit der Vertreibung und des Lebens ohne Heimat endlich hinter sich zu lassen. Die jungen Musiker der "Banda de Paz" sind da auf einem guten Weg, weil die Musik, so Carlos Alberto Villa, ihre Mentalität ändert: "Sie sorgt dafür, dass die Kinder vergessen, was sie alles während der Vertreibung durchmachen mussten. Diese schreckliche Zeit, die sie vor allem mit dem Geräusch von Schüssen und Granaten verbinden. Heute sind die Kinder einfach nur froh, die Musik ihrer Instrumente zu hören."

Das Trauma der Vertreibung

Elsi Camacho, Vertriebene aus Uniïn Peneya, Kolumbien

María Elsi Camacho kann ihre Flucht aus Unión Peneya so leicht nicht vergessen.

María Elsi Camacho ist 66, aber sie wirkt um einiges älter: sie geht auf einen Stock gestützt, kann kaum noch sehen, tiefe Falten ziehen sich durch ihr Gesicht. Der kolumbianische Bürgerkrieg hinterlässt überall seine Spuren. Und er gräbt sich tief ins Gedächtnis ein: den 4.Januar 2004 kann María Elsi Camacho so leicht nicht vergessen. "Alle liefen wild durcheinander, über uns die Hubschrauber, es war schrecklich. Ein Nachbar hat mich dann in seinem Wagen mitgenommen, mich und noch ein kleines Mädchen. Er hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet."

Nicht nur María Elsi Camacho, alle 3.500 Bewohner von Unión Peneya flohen an diesem 4. Januar 2004 und ließen ihr Dorf, ihre Heimat, menschenleer zurück. Zu groß war ihre Angst vor Massakern, Vergewaltigungen und Zerstörungen durch die kolumbianische Armee. So floh auch María Elsi Camacho aus ihrem geliebten Haus – obwohl ihr Gesundheitszustand eine Flucht im Grunde gar nicht zuließ: "Ich war krank, ich war immer krank – und trotzdem musste ich bei unserer Flucht neun Stunden zu Fuß gehen."

Die Tochter auf den Spuren des Vaters

Union Peneya in Kolumbien Flash-Galerie

Neruda Díaz Martínez, Tochter des Gründers von Unión Peneya, setzt sich seit Jahren für das Dorf ein.

Neruda Díaz Martínez fährt mit ihrem Geländewagen über die holprige Schotterpiste nach Unión Peneya. Die Kolumbianerin hat eine ganz besondere Beziehung zu dem Dorf, ihr Vater gründete vor 40 Jahren Unión Peneya. Saturnino Díaz träumte damals von einem Dorf, in dem die Menschen vereint und ohne Angst leben könnten.

Neruda verfolgt 40 Jahre später das gleiche Ziel: sie hat die Nichtregierungsorganisation "Fundacomunidad" gegründet, die Dörfer wie Unión Peneya in deren Entwicklung unterstützt. Dass Neruda auf den Spuren ihres Vaters wandelt, ist beileibe kein Zufall: "Mein Vater war immer ein Mann, der sich für den Frieden eingesetzt hat. Und ich glaube, ich habe viel von ihm gelernt: zu vermitteln, Kompromisse zu schließen, Gespräche zu führen." Neruda Díaz Martínez lernte von ihrem Vater, dass Freundschaften, die Beziehung zu anderen Menschen, das Allerwichtigste sind: "Und ich glaube, Unión Peneya hat das aufgenommen: den Willen, in Frieden zu leben.'

Saturnino Díaz lebte nur wenige Jahre in Unión Peneya, war dem Dorf aber immer sehr verbunden. Kurz vor der Vertreibung im Januar 2004 starb der Gründer von Unión Peneya. Seine Tochter Neruda ist froh, dass ihr Vater die Flucht "seines" Dorfes nicht mehr miterleben musste, weil er die Vertreibung wohl kaum ertragen hätte: "Aber da, wo er jetzt ist, dürfte er sehr zufrieden sein darüber, dass die Menschen zurückgekehrt sind, weil sie unbedingt wollten, dass ihr Dorf fortbesteht. Für meinen Vater war es immer das Wichtigste, dass es den Menschen gut geht, und dass sie ihr Leben zurückgewinnen."

Die Rückkehr und die böse Überraschung

Zerstörtes Haus in Uniòn Peneya, Kolumbien

So verwüstete die kolumbianische Armee viele Häuser in Unión Peneya.

Die Menschen von Unión Peneya gewannen ihr Leben am 27.Januar 2007 zurück, gegen 17 Uhr am Nachmittag. An diesem Tag kehrten 1.800 Personen in das Dorf zurück: zu Fuß, auf Pferdewagen, in Kleinlastern. Drei Jahre lang hatten sie für diesen besonderen Moment gekämpft, mit der Guerilla und mit der kolumbianischen Armee verhandelt.

Ismael Ospina vertrat die Interessen von Unión Peneya am Verhandlungstisch, er durfte als erster zurück ins Dorf. Doch als er dann sein Haus sah, verschlug es ihm buchstäblich die Sprache: "Es war nichts mehr so, wie es vorher war – ein einziges Chaos. Sie haben alles mit Füßen getreten, mutwillig zerstört und auch Sachen gestohlen. Und ich habe mich gefragt, wo ist eigentlich der Staat, der dafür sorgt, dass die Verfassung und die Gesetze eingehalten werden – wo ist er?'

Ospinas Frage blieb unbeantwortet, kein Stein stand in Unión Peneya mehr auf dem anderen. Viele Bewohner brachen in Tränen aus, andere waren einfach nur schockiert von der Brutalität der Soldaten. Alle Häuser wurden zerstört, niedergebrannt oder aufgebrochen auf der Suche nach Wertgegenständen .

Ein Dorf wird wiederaufgebaut und ausgezeichnet

Union Peneya in Kolumbien

Ismael Ospina verhandelte mit der Armee und der Guerilla über die Rückkehr der Dorfbewohner.

Einige Dorfbewohner ertrugen den Anblick nicht und beschlossen, Unión Peneya endgültig zu verlassen. Doch die meisten blieben und begannen schon am nächsten Tag, das Dorf mit unermüdlichem Einsatz wiederaufzubauen. Heute sind die Spuren der Vertreibung kaum noch sichtbar.

Eine Leistung und eine Geschichte, für die Unión Peneya den kolumbianischen Friedenspreis erhielt. Ismael Ospina hat aber nicht vergessen, wer dem Dorf zu dieser besonderen Würdigung verholfen hat: Neruda Díaz Martínez. "Neruda war es, die mich anrief und den Vorschlag machte, eine Bewerbung für Unión Peneya abzugeben, sie hat die ganze Arbeit im Hintergrund gemacht. Und am Ende haben wir den Preis tatsächlich gewonnen – dank der Initiative von Neruda."

Einstimmig gewonnen, sogar Juanes ohne Chance

BdT Auftaktkonzert Juanes in Berlin

Selbst das Projekt des kolumbianische Sängers Juanes war gegen Unión Peneya chancenlos.

Unterschriften sammeln, um die Bewerbung für den nationalen Friedenspreis überhaupt erst möglich zu machen, Fotos von der Vertreibung und der Rückkehr zusammenstellen und Zeugen finden - Neruda Díaz Martínez, die Tochter des Gründers von Unión Peneya, rekonstruierte Stück für Stück die besondere Vergangenheit des Dorfes.

Doch die Konkurrenz für die Auszeichnung, die seit elf Jahren an Menschen verliehen wird, die dem kolumbianischen Bürgerkrieg auf friedliche Weise trotzen, ist groß: 102 Bewerbungen gab es 2009 für den nationalen Friedenspreis von Kolumbien, darunter auch ein Projekt des berühmten kolumbianischen Musikers Juanes: "Und die letzte Bewerbung, die kurz vor Einsendeschluss ankam, war die von Unión Peneya. Die Entscheidung fiel dann einstimmig. Alle Mitglieder der Jury waren sich einig, dass Unión Peneya diese Auszeichnung verdient hat."

Ein unvergesslicher Tag in Bogotá

Skyline von Bogota

In der kolumbianischen Hauptstadt wurden die Bewohner von Unión Peneya ausgezeichnet.

Die Begründung der Jury: die Rückkehr nach der Vertreibung war nicht nur erfolgreich, sondern auch nachhaltig. Also ein Beispiel für andere Gemeinden, die auch vertrieben wurden und sich noch nicht dazu durchringen konnten, zurückzukehren.

78 Bewohner aus Unión Peneya fuhren schließlich zu der feierlichen Übergabe des nationalen Friedenspreises in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, unter ihnen - natürlich – auch die "Banda de Paz". Ein unvergesslicher Tag für die jungen Musiker und auch für Neruda Díaz Martínez: "Meine Tochter, die Unión Peneya gar nicht kennt, hat mich umarmt und hat anfangen zu weinen. Sie hat gesagt: 'Mami, ich bin sehr stolz auf Großvater und auf Dich.' Das war meine Belohnung. Und natürlich die Genugtuung, dass das, was man aufgebaut hat, nicht zerstört werden kann.'

Rosarote Zukunft oder auch künftig im Fadenkreuz des Konflikts?

Union Peneya in Kolumbien

Ortsvorsteher Avelardo Ortíz glaubt an bessere Tage für Unión Peneya.

Mit dem Preisgeld will sich das Dorf einen lang ersehnten Traum erfüllen: den Bau eines großen Gemeindezentrums. Es soll auch ein symbolisches Zeichen sein, dafür, dass sich die Menschen nicht noch einmal vertreiben lassen wollen. Der Ortsvorsteher Avelardo Ortíz: "Die Menschen in der Stadt haben uns Vertriebene als Störenfriede empfunden. Niemand wollte uns haben, weil wir angeblich zu viel fordern würden."

Aber Avelardo Ortíz möchte gar nicht mehr über die Vergangenheit reden, viel lieber schaut er in die Zukunft. Und die malt der Ortsvorsteher von Unión Peneya in fast rosaroten Faben. Das Dorf hätte sich trotz des schlechten Rufs, den die Guerilla, die Gewalt und der Drogenhandel Unión Peneya eingebracht hätten, zu einer florierenden Region entwickelt. "Viehzucht, Fleisch, Milch - wir produzieren hier sehr viel. Und deswegen wollen wir auch nicht mehr nur ein Dorf sein, sondern als Gemeinde anerkannt werden, irgendwann einmal.'

Doch auch als Gemeinde bliebe Unión Peneya im Zentrum des Bürgerkrieges. Denn sowohl die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, die FARC, als auch das kolumbianische Heer sind ganz in der Nähe. Neruda Díaz Martinez befürchtet deshalb, dass Unión Peneya auch in Zukunft nicht zur Ruhe kommt: "Traditionell gilt diese Region als Brutstätte der FARC. Die Armee macht deswegen keinen Unterschied zwischen der Zivilbevölkerung und den Guerillakämpfern . Alle hier sind verdächtig, alle gelten als freiwillige Helfer der Guerilla oder Guerilleros in ziviler Kleidung."

Erfolgsrezept: solidarisch sein und die Angst besiegen

Union Peneya in Kolumbien

27.Januar 2007: ein komplettes Dorf kehrt nach drei Jahren zurück.

Die Solidarität des Dorfes war in der Vergangenheit das Erfolgsrezept von Unión Peneya. Ohne den Zusammenhalt wären seine Bewohner nur zu leicht zwischen die Fronten des Bürgerkrieges geraten. Auch nach der Vertreibung blieben die Menschen, obwohl weit verstreut, ständig in Kontakt und somit vereint. Hinzu kam ihr Wille, trotz der Bedrohung keinen Zentimeter von dem Ziel abzuweichen, irgendwann einmal wieder nach Unión Peneya zurückzukehren.

Das Rezept gegen die Gewalt, so Neruda Díaz Martínez, ist, die Angst zu besiegen: "Die Angst bringt Dich dazu, wegzulaufen. Aber wenn Du gegen die Angst ankämpfst, kannst Du auch gegen denjenigen gewinnen, der Dir Gewalt antun will . So sei Unión Peneya auch ein Vorbild für andere Gemeinden, die auch überlegen würden, zurückzukehren: "Wenn eine ganze Gemeinde mutig zusammensteht, ist es selbst für eine bewaffnete Gruppe nicht leicht, gegen deren Widerstand anzukämpfen."

Fragen an Álvaro Uribe

Kolumbien Präsident Alvaro Uribe

Über der achtjährigen Präsidentschaft von Álvaro Uribe hängt viel Schatten.

Doch bislang sind nur die wenigsten Dörfer den gleichen Weg wie Unión Peneya gegangen. Beinahe vier Millionen Kolumbianer sind dagegen auf der Flucht: vor der Guerilla, den Paramilitärs oder auch der kolumbianischen Armee. Die Antwort der Regierung lautete, mit Gewalt gegen die Gewalt vorzugehen und immer mehr Soldaten in die umkämpften Gebiete zu schicken.

Eine falsche Strategie, sagt Neruda Díaz Martínez, und kritisiert dabei insbesondere den gearde aus dem Amt geschiedenen Präsidenten Àlvaro Uribe: "Er hätte sich klarmachen sollen, dass er mit seiner Kriegs-Politik den bewaffneten Konflikt nur noch weiter angeheizt hat und dass das keine Lösung war. Dieser Krieg hat der Bevölkerung nur geschadet, einigen Politikern in der Regierung hingegen genützt." Und was würde sie Uribe fragen, wenn sie ihm gegenüberstehen würde? "Ich würde ihn fragen, was ihm dieser Krieg gebracht hat und warum er so auf diesem Krieg beharrt hat."

Was Juan Manuel Santos von Unión Peneya lernen kann

Kolumbien Wahlen 2010 Partido de la U Juan Manuel Santos

Auf den neuen Präsidenten Juan Manuel Santos warten viele neue Herausforderungen.

Álvaro Uribe ist es in seinen acht Jahren als Präsident zwar gelungen, mit seiner Politik der harten Hand die FARC-Guerilla zu schwächen, aber er hat es nicht geschafft, den Bürgerkrieg zu beenden. Noch immer sucht Kolumbien verzweifelt nach einem gangbaren Weg Richtung Frieden.

Vielleicht sollte Uribes Nachfolger Juan Manuel Santos deshalb einmal in Unión Peneya vorbeischauen. Ein Dorf besuchen, dass sich nie aufgegeben hat. Mit jungen Menschen sprechen, die genug von Bürgerkrieg und Vertreibung haben. Und die, wie die "Banda de Paz", Instrumente statt Waffen sprechen lassen.

Autor: Oliver Pieper
Redaktion: Beatrix Beuthner