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Reise

Ein Dorf in der Stadt

Wohnen und arbeiten auf Brücken, im Mittelalter nicht unüblich – heutzutage eine Rarität. Mit einem solchen Kleinod kann Thüringens Hauptstadt Erfurt aufwarten.

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Ägidienkirche und Krämerbrücke in Erfurt

Die Krämerbrücke ist die einzige vollständig bebaute und bewohnte Brücke nördlich der Alpen, 123 Meter lang und außerdem das älteste Bauwerk Erfurts. Sie wurde 1325 gebaut, nachdem mehrere Holzbrücken an dieser Stelle Bränden zum Opfer gefallen waren. Die Brücke ruht auf sechs steinernen Brückenbögen, unter denen die Gera hindurchfließt. Über sie führte der im Mittelalter wichtigste Handelsweg von Frankreich nach Russland, die Via Regia. Die dicht zusammengedrängten alten Steinhäuser auf der Brücke verleihen ihr einen ganz eigenen Charakter. Die Häuser beherbergten kleine Krämerläden, in denen Gewürze, Silberschmuck, Stoffe und vieles mehr verkauft wurden, sie gaben der Brücke ihren Namen.

Gemeinschaft auf der Brücke

Nach Osten hin, in Richtung Weimar, begrenzt die Brücke die zur gleichen Zeit gebaute Ägidienkirche. Ihr Hauptschiff befindet sich nicht im Erdgeschoß, sondern im ersten Stockwerk, denn darunter zogen die Pferdefuhrwerke durch einen Torbogen über die Brücke. Seit 28 Jahren wohnt und arbeitet im Haus Nr. 22 die Holzbildhauerin Gabriele Leuschner. Als zu DDR-Zeiten Mitte der siebziger Jahre versucht wurde, Kunsthandwerker und Künstler auf die Brücke zu holen, stellte sie einen Antrag und hatte Erfolg. Für sie ging damit ein Traum in Erfüllung. "Dieses Fachwerkhaus, dieses kleine schmale Haus auf vier, fünf Etagen bis zum Boden, das hat mich schon als Jugendliche fasziniert, wenn ich hier vorbeiging, und das war schon mein Traum," erläutert Gabriele Leuschner. "Das hat sich hier auch schön entwickelt, weil hier mittlerweile doch einige Kunsthandwerker und Künstler wohnen - diese Gemeinschaft hier möchte ich nicht missen. Das ist wie ein kleines Dorf mitten in der Stadt."

Ein Dorf in der Stadt – und zwar ein jahrhundertealtes - dafür war sie auch bereit, die Enge des Hauses in Kauf zu nehmen. Für sie, ihren Mann und die beiden hier geborenen Kinder ist der Wohnraum nicht gerade üppig, sie leben auf 86 Quadratmetern, auf zwei, drei Etagen verteilt, und davon ist ein Viertel Treppenhaus.

Eine Brücke mit Geschichte

Ihre Freude hat in all den Jahren nicht nachgelassen, sagt Gabriele Leuschner, jeden Tag, wenn sie aus dem Tor unter der Ägidienkirche auf die Brücke tritt, freut sie sich von neuem. Dieser Blick beeindruckt jährlich Zehntausende von Besuchern so, daß sie ihn mit der Kamera festzuhalten versuchen. Gleichzeitig kann, wer mit wachen Sinnen über die Brücke geht, sich kaum ihrer Geschichtsbeladenheit entziehen: Luther, Pachelbel, Goethe, Schiller, Napoleon, später der junge Bismarck und August Bebel beim Erfurter SPD-Kongreß sind nur einige wenige der vielen, die auf dieser Brücke flanierten.

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