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Afrika

Ein digitales Dorf in Sambia

Das Internet in Afrika macht Hoffnung: Mit seiner Hilfe sollen ganze Entwicklungsschritte übersprungen werden. Doch meist hapert es schon an der Infrastruktur wie Strom und Geräten. Was aber, wenn alles da ist?

Neue Gebäude neben den alten Lehmhütten im digitalen Dorf Macha

Neue Gebäude neben den alten Lehmhütten im digitalen Dorf Macha

Wenn jemand in Macha ein Ortseingangsschild aufstellen wollte, wäre der etwas windschiefe Holzturm auf dem Krankenhausgelände ein durchaus passender Platz. Auf dessen Spitze nämlich strahlt eine große weiße Satelliten-Schüssel in der Sonne. Sie ist der eigentliche Ein- und Ausgang in den Ort, der Macha am besten mit der Welt verbindet.

Denn die Satelliten-Schüssel hat das Internet nach Macha gebracht, eine Gemeinde in Sambia wie so viele im ländlichen Afrika: Eine Sammlung verstreut liegender Lehmhütten der rund 30.000 Einwohner. Löchrige Sandpisten, die erst nach zig Kilometern an die wenigen geteerten Überlandstraßen heranführen. Immerhin gibt es auch eine Landepiste, wo Besucher aus dem Ausland von der knapp 300 Kilometer Luftlinie entfernten Haupstadt Lusaka aus in Macha landen. Und ausländische Besucher kommen reichlich. Sie alle wollen sehen, wie das Internet den Ort verändert.

Internet ist Macht

Fred Mweetwa vor dem Gebäude des Radiosenders (Foto: Schaeffer)

Fred Mweetwa will mit seinem neuen Radiosender ein Informationsportal ins Leben rufen.

Meist treffen sie auf Fred Mweetwa. Der Sohn einer armen Bauernfamilie aus dem Ort ist heute Manager der ortseigenen Entwicklungsorganisation "Macha Works". Er ist der festen Überzeugung, dass das Internet die Wirtschaft in Macha angekurbelt hat. "Die Bauern können jetzt gut planen und ihre Kinder zur Schule schicken," sagt er und fügt hinzu: "Ich glaube, Internet ist Macht."

Macht heißt für die Bauern von Macha zum Beispiel zu wissen, wie hoch die aktuellen Maispreise von der staatlichen Abnahmestelle gerade sind. Früher, so Fred, hätten die Zwischenhändler den Farmern oft niedrigere Preise genannt und selbst den Gewinn eingestrichen. Aber jetzt können die Bauern die Preise im Internet recherchieren. So kommt mehr Geld bei ihnen an: Geld für Essen, neues Saatgut oder Schulgebühren.

Satellitenschüssel und Technik-Schule

Vor sechs Jahren wurde die Satellitenschüssel für den Internetempfang auf dem Holzturm installiert, ursprünglich nur, damit ein Sponsor aus den USA die Arbeit am lokalen Malaria-Forschungsinstitut online verfolgen konnte. Doch der technische Leiter des Instituts, der Holländer Gertjan van Stam, wollte mehr Menschen vom World Wide Web profitieren lassen. Dabei erkannte er schnell, dass es nicht reicht, nur die Technik zur Verfügung zu stellen. Vielmehr mussten die Einwohner Machas lernen, damit umzugehen und sie im Notfall zu reparieren. Also ließ er technik-begeisterte junge Männer aus Macha schulen.

Container von Linknet (Foto: Schaeffer)

Linknet nennt sich die ortseigene Firma, die Macha mit dem Internet versorgt.

Heute ist aus der Idee eine kleine Akademie für Computertechnik entstanden, deren Mitarbeiter sich auch um die Technik vor Ort kümmern. Otzbert Kasokola ist einer der Techniker der ersten Stunde und nach wie vor begeistert, wie der Ort mit Internet versorgt wird. Das sogenannte Mesh-System ist wie eine Art drahtlose Netzverbindung für viele, erklärt er: "Bei Mesh sind alle Computer miteinander verbunden. Selbst wenn einer nicht funktioniert, läuft das Netzwerk weiter." Das Netz bietet also in sich ein Sicherheitssystem, falls Ausfälle entstehen. Das kommt in Afrika oft vor: wenn der Strom ausfällt, die Systeme überhitzen oder die alten Geräte den Dienst aufgeben.

Entwicklung per Eigeninitiative

Heute sind in Macha etwa 200 Rechner an dieses Internet-Netzwerk angeschlossen. Das ist nicht viel für eine so große Gemeinde, aber die Rechner stehen an strategisch wichtigen Orten: zum Beispiel im Krankenhaus, an Schulen und im Internet-Café, das nach einem Brand gerade wieder neu aufgebaut wird.

Gerodete Fläche für Jathropa-Feld. (Foto: Braun)

Hier soll eine Jathropa-Feld entstehen, das Rohstoff liefert für eine Biogas-Anlage.

All dies wird unter dem Dach von "Macha Works" organisiert. Fast 400 Arbeitsplätze sind mittlerweile entstanden, denn "Macha Works" ist längst viel mehr als nur Internet. Die Organisation will Entwicklung an vielen Ecken anstoßen und setzt dabei auf die Eigeninitiative der Dorfbewohner. Die Projekte sind vielfältig: Ein Jatropha-Feld soll demnächst den nötigen Rohstoff für eine Biogasanlage zur Stromerzeugung liefern. Eine Kindertagesstätte betreut die Kinder von Patienten des Krankenhauses und lokales Radio ist als Bürgerfunk geplant. Das Geld dafür kommt zum kleinen Teil von der sambischen Regierung, zum Großteil aber von ausländischen Sponsoren. Die vermittelt Gründervater Gertjan van Stam meist aus seiner niederländischen Heimat.  

Das Internet spart Geld

Nicht alles, aber vieles funktioniert besser mit Hilfe des Internets. Zum Beispiel der kleine Souvenirladen, den sich die junge Frau Ofa aufgebaut hat – direkt neben der Bibliothek im neuen Gemeindezentrum. Der Computer neben der Kasse hilft ihr, wenn sie ihre Waren bestellen muss. "Vorher haben wir Briefe geschrieben oder sind gleich irgendwo hingefahren, ohne zu wissen, ob die betreffende Person überhaupt da ist," erzählt Ofa. "Wenigstens können wir unser Geld jetzt sinnvoll einsetzen."

Gehälter werden wie in vielen Ländern Afrikas auch in Sambia nicht immer pünktlich gezahlt. Doch dank des Internets und Online-Konten muss nun kein Lehrer und keine Krankenschwestern mehr das Geld für den Weg in die nächste Stadt aufbringen, ohne zu wissen, ob das Gehalt schon überwiesen worden ist. Und demnächst soll selbst der Weg fürs Abheben gespart werden: Gerade entsteht die erste ländliche Bankfiliale in Macha – in einem orange-farbenen Container mit der Aufschrift Macha Works.

Vernetzung durch orale Kultur

Fred Mweetwa (Foto: Schaeffer)

Fred Mweetwa

Trotzdem: Direkt hinter dem neuen Bank-Container leben die Menschen weiter in ihren Lehmhütten – ohne Zugang zu Strom oder fließend Wasser. Für einige ist das Leben besser geworden, die meisten haben jedoch noch einen langen Weg vor sich.

Fred Mweetwa setzt dennoch große Hoffnungen in das Internet – gerade weil die Bewohner von Macha es mit ihrer eigenen oralen Tradition ergänzen. So braucht nicht jeder einen Computer mit Anschluss ans World Wide Web. "Afrika hat eine orale Kultur," sagt Fred. "Wir geben Informationen mit dem Mund weiter. Diejenigen, die das Internet nutzen, können also vielleicht nur drei Leute sein. Aber am Ende profitieren vielleicht 400 Leute davon." Manche wüßten vielleicht gar nicht, dass die Information ursprünglich aus dem Internet kam. Wichtig sei, die Menschen zu inspirieren, so dass sie anderen von ihrem Erfolg erzählen. Fred ist dafür sicher das beste Beispiel in Macha. Und seine Einstellung macht Schule.

Autorin: Maja Braun (DW-Afrika/Nahost)

Redaktion: Mechthild Brockamp/Klaudia Pape