Ein deutsches Jahrhundert: Bernhard Schlinks neuer Roman ″Olga″ | Bücher | DW | 12.01.2018
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Bücher

Ein deutsches Jahrhundert: Bernhard Schlinks neuer Roman "Olga"

Ein neues Buch des international bekannten Autors Bernhard Schlink ist immer ein Ereignis. "Olga" bietet einen Ritt durch deutsche Geschichte, ein paar faustdicke Überraschungen und erinnert an Schlinks "Der Vorleser".

Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" eroberte vor 22 Jahren die literarische Welt. Einen solchen internationalen Erfolg hatte es für einen deutschen Schriftsteller zuvor kaum einmal gegeben. "Der Vorleser" wurde in fast 50 Sprachen übersetzt und schaffte es auf Platz 1 der Bestsellerliste der "New York Times" - als erstes Buch eines Deutschen überhaupt! US-Talkmasterin Oprah Winfrey hatte Schlinks Roman zuvor im amerikanischen Fernsehen beworben.

Schlinks literarischer Erfolg schaffte es auch ins Kino

2008 nahm sich das Kino des Erfolgsromans an. Auch die deutsch-amerikanische Verfilmung mit Kate Winslet und David Kross in den Hauptrollen wurde ein Erfolg, Winslet gewann unter anderem einen Golden Globe und einen Oscar für ihre Darstellung einer ehemaligen KZ-Aufseherin. Zentrales Thema des Buches war der Umgang der verschiedenen Protagonisten mit der NS-Vergangenheit nach dem Zweiten Weltkrieg.

An der literarischen Umsetzung des Stoffes hatte sich nach Erscheinen des Buchs in Deutschland eine Debatte entzündet. Zwar wurde Schlinks Roman vielfach gelobt, von einigen Kritikern wurde dem Schriftsteller aber auch Geschichtsrevisionismus und eine starke Vereinfachung des komplexen Themas vorgeworfen. Schlink selbst setzte sich damals gegen die Vorwürfe, er habe "Geschichtspornografie" betrieben, zur Wehr.

Man muss diese Hintergründe nicht kennen, um "Olga", den neuen Roman des 1944 im Westfälischen geborenen Juristen und Schriftstellers Bernhard Schlink, zu lesen und zu verstehen. Gleichwohl dürfte es den Lesereiz erhöhen. Denn "Olga" erinnert in manchen Passagen und mit einigen Motiven an das ältere Buch. Vor allem die Konstellation "jüngerer Mann und ältere Frau beim Gedankenaustausch über deutsche Vergangenheit und Geschichte" kommt einem bekannt vor.

Ein ungleiches Paar: Olga und Herbert

Um was geht es in "Olga"? Schlink verfolgt seine Titelfigur praktisch über ein ganzes Lebensalter. Die junge Waise aus einfachen Verhältnissen wächst zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zunächst bei der Großmutter in einem schlesischen Dorf auf. Sie wird Lehrerin und verliebt sich in Herbert, den Sohn eines herrschaftlichen Gutes aus der Nachbarschaft. Die beiden kommen zusammen, allerdings ohne die Zustimmung von Herberts Eltern und Schwester: Das Mädchen aus den einfachen Verhältnissen "passt" nicht in die Welt des schlesischen Adels.

Bernhard Schlink Filmstill aus Der Vorleser mit Kate Winslet und David Kross (imago/Unimedia Images)

Kate Winslet lauscht David Kross, dem jungen Vorleser aus der Verfilmung des Bestsellers

Olga zieht ins ostpreußische Tilsit, auch dort arbeitet sie als Lehrerin. Herbert verpflichtet sich freiwillig nach Deutsch-Südwest-Afrika, wird als Soldat Zeuge des Herero-Aufstands gegen die deutschen Kolonialherren. Zurück in der Heimat hält es den abenteuerlustigen und von großdeutschen Kolonial-Ideen begeisterten jungen Mann nur kurz in Deutschland. Er bricht zu weiteren Reisen nach Südamerika auf. Schließlich verschlägt es ihn in die Arktis, zu den letzten noch nicht eroberten Gebieten der Weltmächte. Eine fatale Entscheidung: Von einer Expedition kehrt er nicht zurück.

Parallel dazu erzählt Schlink auch noch von einem der Schüler Olgas: Eik ist ein kluger und aufgeweckter Junge, den die Lehrerin zu fördern versucht.

Ein Leben in der Rückschau: Olgas Geschichte

Im zweiten Teil des Romans tritt der Ich-Erzähler in den Vordergrund. Er begegnet Olga, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Vertriebene nach Heidelberg kommt und dort als Näherin arbeitet. Zwischen den beiden, dem jungen Mann und der älteren Frau, entwickelt sich eine Freundschaft. Olga erzählt von ihrem Leben in Deutschland, von Herbert und dessen Verschwinden. Die beiden sprechen von Krieg und Nationalismus, von alten und neuen Zeiten - die Studentenrevolte von '68 und das neue Denken der Jugend spielen auch eine Rolle.

Vertriebene - Straßenszenen in Schwarz Weiß (picture-alliance/akg-images)

Mit einem Vertriebenentreck aus Ostpreußen kommt auch Olga in den Westen der Nachkriegsrepublik

Im dritten und letzten Teil schließlich wird das Buch zu einem Briefroman: Nach dem Tod Olgas gerät der Ich-Erzähler an ein Brief-Konvolut der Titelfigur. Adressiert sind die Schreiben an den in der Ferne lebenden und dann vermissten Herbert. Die Briefe, sie umspannen den Zeitraum zwischen 1913 und 1971, geben im Rückblick noch einmal Auskunft über Olgas Denken und Handeln. Dabei wird Überraschendes zu Tage gefördert, über Herbert und Olga, auch über ihren ehemaligen Schüler Eik.

Schlink schreitet mit Riesenschritten durchs Jahrhundert

Was sich komplex und kompliziert anhört - ein ganzes deutsches Jahrhundert, private und öffentliche Geschichte -, gerät bei Schlink verblüffender Weise zur leicht lesbaren Lektüre. Verschiedene Epochen deutscher Geschichte werden hier im Schnelldurchlauf gestreift, Krieg- und Friedensjahre manchmal auf wenige Seiten zusammengestaucht. Andere Autoren hätten für den Stoff mutmaßlich das Dreifache gebraucht, nicht jedoch Bernhard Schlink.

Dem Autor ging es offensichtlich weniger um einen barock ausgeschmückten Historienroman mit weitverzweigtem Personenarsenal, als vielmehr um eine komprimierte Ideengeschichte des Jahrhunderts aus deutscher Sicht. Die erschließt sich vor allem im Gespräch - zwischen dem jüngeren, männlichen Erzähler und der älteren Frau. Das wird manchem Leser (und Kritiker) vielleicht oberflächlich erscheinen, womöglich nicht reflektiert genug. 

Doch "Olga" zeigt auch die Stärken des Autors Bernhard Schlink. Immer wieder gelingen ihm berührende Passagen, die dem Leser zumindest eine Ahnung davon verschaffen, wie sich die Menschen in Deutschland gefühlt haben mögen zwischen Krieg und Frieden, Vergangenheit und Gegenwart.

Die gehörlose Olga wird zum "Sprachrohr" für den Leser

Das erinnert dann phasenweise an Schlinks Welterfolg "Der Vorleser". Dessen weibliche Hauptfigur, Hanna Schmitz, konnte zunächst weder lesen noch schreiben, sie war Analphabetin. Über die Begegnung mit dem wesentlich jüngeren Michael Berg und die gemeinsamen Vorlesestunden verschaffte Schlink dem Leser einen Zugang zur Gedankenwelt seiner Protagonisten.

In Schlinks neuem Roman "Olga" verliert die Protagonistin schon relativ früh das Gehör. Auch dort tritt ein jüngerer Mann in das Romangeschehen ein. Auch dort nutzt Schlink die Begegnung zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren als literarische Brücke: zwischen einer Romanfigur mit reicher Vergangenheit und dem Leser.

Bernhard Schlink: Olga, 312 Seiten, Diogenes Verlag, ISBN 978-3-257-07015-6.

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