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Kultur

Ein deutscher Woody Allen: Thomas Meyer

Der junge Autor hat ein witzig-verspieltes Buch vorgelegt, auf den die literarische Welt jetzt richtig aufmerksam wird. "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" bedient sich jiddischer Sprache.

Thomas Meyer betritt die deutsche Literaturbühne in diesem Frühjahr durch die Hintertür. Mit einem Taschenbuch. Bei dem kleinen Schweizer Verlag Salis ist sein literarisches Debüt bereits 2012 erschienen. Für die Taschenbuchausgabe wählte Meyer den renommierten und hierzulande populären Diogenes-Verlag und feiert derzeit sein Debüt noch einmal.

Mit fünf Verlagen habe er verhandelt, erzählt Meyer im Gespräch mit der Deutschen Welle, doch Diogenes sei sofort die erste Wahl gewesen. Diogenes-Titel sind in Deutschlands Buchhandlungen mit ihrem seit Jahrzehnten kaum veränderten Design überall präsent. Mit "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" tourt Meyer derzeit durch die Republik, kürzlich war er auf der Leipziger Buchmesse, Anfang April steht bereits die 100. Lesung auf dem Programm, bis kurz vor Weihnachten ist der Autor fast ausgebucht.

Spiel mit der Sprache

Dass Meyers Roman jetzt diese Aufmerksamkeit bekommt, hat zwei Gründe. Zum einen ist sein Buch ein ungemein witziger literarischer Geniestreich und zum anderen hat er sich einer Sprache bedient, die staunen lässt: "Es ist - und ich zitiere da einen Fachmann, einen Literaturprofessor - die Standardsprache mit jiddischen Einsprengseln", erzählt Meyer im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Schriftsteller Thomas Meyer (Foto: Jochen Kürten)

Thomas Meyer im DW-Gespräch

Worum geht es? "Mordechai Wolkenbruch, sein Spitzname ist Motti, ist ein junger, orthodoxer Jude aus Zürich, er ist 25 Jahre alt, er ist unverheiratet", so umschreibt der Autor selbst im Gespräch die Hauptfigur seines Romans. Womit man schon direkt bei Mottis großem Problem angelangt ist: "Das ist natürlich ein Widerspruch: Ein orthodoxer Jude mit 25 ist schon mindestens zweifacher Vater." Und da kommt die zweite Hauptfigur ins Spiel, Mottis Mutter: "Für die ist das ein unhaltbarer Zustand und sie setzt wirklich alles daran, für Motti eine Heiratskandidatin zu finden."

Einfache Geschichte - große Wirkung

Eine Mutter versucht ihren Sohn unter die Haube zu bekommen, was nicht gelingt, weil der sich in eine Nichtjüdin verliebt, eine Schickse eben. Die ursprüngliche Bezeichnung im jiddischen Sprachgebrauch für eine nichtjüdische Frau wurde später auch als Schimpfwort gebraucht, hat heute aber eher einen satirischen Charakter. Mehr passiert in dem Roman eigentlich nicht. Beim Lesen muss man das Buch immer mal wieder zur Seite legen - vor Lachen. Man habe seine Art des Humors schon mit Woody Allen verglichen. Ist Thomas Meyer auf solche Urteile stolz: "Natürlich hat mir das gefallen", sagt der Autor und grinst: "Und es wurden noch andere große Namen genannt wie Edgar Hilsenrath und George Tabori, das hat mir sehr geschmeichelt."

Ein "deutscher Woody Allen"?

Woody Allen (Foto: AP Photo/Francois Mori)

Woody Allen

Der New Yorker Stadtneurotiker, der deutsch-jüdische Autor des Weltbestsellers "Der Nazi und der Friseur" und der gebürtige ungarische Jude und Theaterzauberer Tabori - sind das nicht auch alles Vertreter des jüdischen Humors? Doch was versteht man eigentlich darunter? Das mit dem jüdischen Humor sei so eine Sache, wirft der Autor ein: "Wenn jemand das definiert, dann hat er immer den Humor selbst definiert." Er könne nicht genau nachvollziehen, was damit gemeint sei.

Ähnlich sei das mit dem jüdischen Witz, davon gebe es ja unzählige, die seien aber nicht immer humorvoll. "Auch der jüdische Witz folgt eigentlich einem klassischen Muster", definiert Meyer solcher Art Humor: "Er baut eine Pointe auf, die durch Überraschung entsteht - ich glaube, auch der jüdische Witz meint eigentlich nur: den Witz!" Dasselbe gelte im Übrigen für die Figuren in seinem Roman. Ob denn der Charakter der Übermutter, die ihren Sohn unbedingt verheiraten wolle, nicht eine typisch jüdische Figur sei? "Ich glaube, die Karikatur der jüdischen Mame meint auch nur die Karikatur der Mutter", ist der gebürtige Züricher überzeugt.

Thomas Meyer selbst hat eine jüdische Mutter, der Vater sei aber ein "Reformierter", kein Jude. "Ich bin säkular aufgewachsen und lebe auch gern so, finde das gut so und möchte das auch nicht anders." Er habe seine jüdischen Wurzeln nicht ablegen wollen, aber ihm sei eben "nicht allzu viel Judentum in die Wiege gelegt" worden, entgegnet Meyer auf die Frage, wie viel Autobiografie denn in dem Buch stecke.

Am Anfang standen Namen…

Und doch - durch die Wahl des Themas und vor allem durch den Einsatz der Sprache sind die "jüdischen Wurzeln" des Romans nicht zu übersehen. "Das Buch ist aus einer spontanen Eingebung entstanden", beschreibt Meyer die Genese seines Debüts. Er habe zunächst über die Entstehung jüdischer Namen wie Rosenfeld und Kupferberg recherchiert. Ihn habe interessiert, wie diese Namen entstanden sind. "Die Juden haben sich diese Namen gekauft, um Namen wie 'Scheißloch' und 'Judenhasser' zu umgehen, die ihnen die Behörden von Österreich-Ungarn aufgedrängt haben." Ich hätte mir den Namen "Wolkenbruch" gekauft, bemerkt Meyer.

"Ich habe meine Mutter gebeten, ein paar jiddische Wörter aufzuschreiben", erzählt er. Die habe ihm daraufhin zwei jiddische Wörterbücher in die Hand gedrückt: "Das war für mich, als hätte ich eine Schatztruhe geöffnet, da waren so viele lustige putzige, interessante, auch kluge Begriffe darin." Meyer begann zu recherchieren und legte sich eine Liste mit Wörtern an, die er dann in seinen Roman einbaute. Besonders schön fand Meyer zum Beispiel den Begriff "Blitzbrief" für "E-mail".

Begegnung mit fremder Sprache

So wechselt das Deutsche mit alten und neuen jiddischen Wörtern ab, nicht nur bei den Dialogen. Auch in die Erzählstimme haben sich jiddische Begriffe eingeschlichen. Als Leser braucht man ein paar Seiten, um reinzukommen in das seltsame wie reizvolle Sprachgemisch. Für die sei das aber kein Problem, erzählt der Autor: "Die Reaktionen waren fast ausschließlich so, wie ich sie mir gewünscht habe", so Meyer: "Die meisten Leser haben gesagt, nach fünf Seiten war ich drin!"

Und wie geht's jetzt weiter? Ein zweiter Roman ist fast fertig, der erscheint im Herbst, dann wieder beim kleinen Salis-Verlag. Da wird es um etwas völlig anderes gehen: Es ist ein historisches Porträt, die Erlebnisse eines sächsischen Bauernjungen am Hofe des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. stehen im Mittelpunkt. Das Drehbuch für die Verfilmung von "Wolkenbruchs Reise" ist in der Mache. Nächstes Jahr soll die erste Klappe für den Film fallen. Man darf gespannt sein, wie die Protagonisten dann auf der Leinwand sprechen werden.

Thomas Meyer: "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse", Diogenes Verlag Zürich 2014, Roman mit einem Glossar jiddischer Wörter und einem Matzenknödel-Rezept, ISBN 978-3-257-86242-3.

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