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Filme

Ein deutscher Monsterfilm: "Der Nachtmahr"

Beim Max Ophüls Preis überzeugte Regisseur Akiz mit einem ungewöhnlichen Film und gewann gleich zwei Preise. "Der Nachtmahr" ist kein banaler Horror-Wicht, sondern ein Monster, das sich gern in Kühlschranknähe aufhält.

"Das ist für mich ganz klar mein erster Film, mein Debüt", sagt der Regisseur, der sich "Akiz" nennt. Hinter dem Künstlernamen verbirgt sich Achim Bornhak. Der wurde 1969 geboren und hat bereits einige Filme gedreht. Doch es waren Auftragswerke, wie

Akiz

in Saarbrücken am Rande des

Festivals

erzählt. Auch Kinofilme wie "Das wilde Leben" über die '68er-Ikone Uschi Obermaier waren dabei.

Mit "Der Nachtmahr" hat sich Akiz neu erfunden: "Ich bin eigentlich Bildhauer und Maler, da mache ich die Sachen so, wie ich sie für richtig halte, ich diskutiere nicht darüber und rechtfertige sie nicht, muss sie auch nicht erklären." So habe er auch seinen Film "Der Nachtmahr" gemacht: "Da wollte ich eine klare Trennung." Sein "Debüt" ist also ein Film, bei dem er als Regisseur alle Fäden in der Hand behalten hat, sich nicht von Fördergremien oder Fernsehredakteuren hat reinreden lassen.

Akiz: "Am Anfang von 'Der Nachtmahr' stand eine Skulptur"

Das Nachwuchsfestival "Max Ophüls Preis" hat das akzeptiert, Akiz und seinen Film in den Wettbewerb eingeladen. Und so fand sich der Regisseur wieder zwischen Kolleginnen und Kollegen, die alle viel jünger sind als er. Er glaube deshalb auch nicht, dass er hier Chancen auf einen Preis habe, deutete der Regisseur im Vorfeld an. Wohl auch, weil er mit seinem Film schon bei einigen anderen Festivals zu Gast war. Akiz hat sich geirrt, er wurde sowohl mit dem Preis der Jugendjury als auch der Ökumenischen Jury ausgezeichnet.

Regisseur Akiz (Foto: Isaiah Trickey)

Regisseur Akiz

Die Entstehungsgeschichte des Films "Der Nachtmahr" fällt aus dem Rahmen. "Normalerweise schreibt man die Geschichte zuerst und überlegt sich dann, welche Momente man braucht, um sie herzustellen", erklärt Akiz. Bei ihm sei es umgekehrt gewesen. Nicht ein Buch oder ein Manuskript standen am Anfang von "Der Nachtmahr", sondern eine Skulptur.

Jenes Wesen, das im fertigen Film scheinbar nur im Kopf eines jungen Mädchens herumspukt. "Der Nachtmahr" erzählt von der 17-jährigen Tina, ihren Ängsten und Schreckensvisionen. Meistens Nachts bekommt sie Besuch von einem kleinen fötusähnlichen Monster, das auch ein wenig an "E.T." von Steven Spielberg erinnert und das sich am liebsten vor dem Kühlschrank in Tinas Elternhaus aufhält.

Der Nachtmahr als Metapher für unbewusste Ängste

Er habe bereits 2001 angefangen, diese Figur aus verschiedenen Materialien zu bauen, am Strand von Venice bei Los Angeles, wo er zu der Zeit gelebt habe, erinnert sich Akiz. Viele Jahre später nun ist diese Skulptur im Spielfilm "Der Nachtmahr" zur Titel-Figur geworden. Und zum Symbol für die verschütteten Ängste und das Unterbewusste der jungen Frau.

Filmszene aus Der Nachtmahr (Foto: OOO-Films GbR/Akiz/Max Ophüls Festival)

Tina ist zunächst ein Mädchen wie viele andere, geht gern abends tanzen und vergnügt sich mit Freunden

Tina wächst in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, geht auf Partys, tanzt zu Techno-Musik, raucht und schmeißt sich auf Partys Pillen ein. Tina hat Freundinnen, ist zunächst ein ganz normales Mädchen. Doch dann beginnt sich langsam etwas zu verändern. Tina wird von Visionen heimgesucht. Oder eben auch nicht: Akiz überlässt es dem Zuschauer, ob das geheimnisvolle Wesen, der Nachtmahr, nur im Kopf des Mädchens existiert oder ganz real ist. "Ein Kritiker hat mal gesagt, dass ich das Unterbewusste ans Steuer meines Films gesetzt habe - diese Interpretation hat mir gefallen", erzählt der Regisseur.

Ein Film über "das Grundgefühl, nicht perfekt zu sein"

Er habe in "Der Nachtmahr" ein Gefühl verfilmen wollen: "Die Momentaufnahme eines Gefühls, das ich dann auf 80 (Film-)Minuten gedehnt habe: das Grundgefühl, nicht perfekt zu sein." Das kenne doch jeder. Doch bei den Geldgebern in der Filmszene sei das nur auf Ablehnung gestoßen. In Deutschland gebe es eigentlich nur drei bis vier Genres, die gefördert würden, meint Akiz: Kinderfilme, Komödien, Sozialstudien und Historienfilme mit NS- oder Ost-West-Thematik. Seine ungewöhnliche Film-Idee hätten viele deshalb "als Ohrfeige empfunden".

Filmszene aus Der Nachtmahr (Foto: OOO-Films GbR/Akiz/Max Ophüls Festival)

Irgendwann wird Tina zur Außenseiterin - weil sie ihre Ängste nicht mehr kontrollieren kann

Dabei sieht sich der Regisseur in einer großen Tradition, knüpft mit seinem Film an berühmte Vorbilder an. Akiz erwähnt Stummfilmmeisterwerke wie "Das Cabinet des Caligari", "Der Golem" oder die Filme von Friedrich Wilhelm Murnau. Er ordne seinen Film zwar nicht als Horrorfilm ein, "dieser funktioniert in erster Linie über das Erschrecken des Zuschauers", sondern als Monsterfilm.

"Kein Horrorfilm - ein Monsterfilm!"

"Der Nachtmahr" ist für Akiz ein Monster, von dem im Laufe der Filmhandlung keine Gefahr ausgeht. Am Ende steht Tina zu dem Wesen, hat es akzeptiert. Besonders stolz sei er auf die Reaktion einer großen feministischen Plattform in den USA, erzählt Akiz, die den Film vor allem gelobt habe, weil hier eine Frau nicht vor "dem Monster wegrennt, sondern sich ihm stellt."

Und noch etwas hatte der Regisseur im Sinn: "Mir war es wichtig, dass der Film sich nicht einreiht in das klassische deutsche Sozialdrama, die Milieustudie, bei der man sagt: 'Der Vater säuft und die Mutter geht auf den Strich, klar, was dann rauskommt...'". So zeigt der Film zwar ungewöhnliche Konstellationen und überraschende Wendungen, aber keine Klischeefiguren.

Filmszene aus Der Nachtmahr (Foto: OOO-Films GbR/Akiz/Max Ophüls Festival)

Vorsichtige Annäherung: Der Nachtmahr berührt Tina während des Schlafes

"Der Nachtmahr" entstand mit einem Budget von nur 100.000 Euro. Doch der Erfolg gibt Akiz heute recht. Sein Film wurde im vergangenen Jahre nach Locarno eingeladen und war seitdem bei Festivals in Kanada, den USA, Brasilien oder London zu sehen - mit zum Teil sehr unterschiedlichen Reaktionen, wie der Regisseur erzählt. In den USA habe man sich an die Horrorfilme aus Deutschland aus den 1920er Jahren erinnert, in Brasilien wären dagegen eher die mystischen Elemente des Films gut angekommen. In London wäre er auf die typisch britische Reserviertheit gestoßen und in Locarno hätten den Film über 1000 Zuschauer auf dem Festivalplatz beklatscht.

Nach der Berlinale kommt "Der Nachtmahr" auch in die Kinos

Kurz vor seiner Aufführung beim

Max Ophüls

in Saarbrücken wurde "Der Nachtmahr" für den Deutschen Filmpreis vornominiert und wird nun noch auf der Berlinale gezeigt, bevor er dann im Frühjahr in die deutschen Kinos kommt. Man darf gespannt sein, wie dieser ungewöhnliche deutsche Monsterfilm, der so abseits aller gängigen Genreregeln daherkommt und eine Mischung aus Pupertätsstudie und Schreckensvision ist, beim Kinopublikum ankommt.

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