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Politik

Ein Denkmal für den verlorenen Krieg am Hindukusch

In den USA sorgen Vietnam-Filme schon seit Jahren für Schlangen an den Kinokassen. Jetzt fasziniert ein Militärepos über den Afghanistan-Krieg die russischen Zuschauer.

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Stephan Hille

Kinoboom in Russland. Die Krise des russischen Films ist längst überwunden. Immer mehr Blockbuster locken die Russen in inzwischen top-moderne Multi-Plex-Kinos. Der jüngste Kassenschlager ist das Militärdrama "Die neunte Kompanie", ein Leinwandepos, das den sowjetischen Soldaten in Afghanistan ein Denkmal setzt - ohne kritische Fragen zu stellen.

Schon jetzt ist Fjodor Bondartschuks "Die neunte Kompanie" der Kassenschlager in ganz Russland. Knapp vier Millionen Zuschauer sahen das Kriegsdrama in den ersten zwei Wochen nach dem Kinostart. Damit dürfte Bondartschuks Afghanistan-Drama die jüngsten russischen Kinoerfolge wie "Türkisches Gambit", der 19 Millionen Dollar einspielte, sowie den gerade in Deutschland laufenden Fantasy-Blockbuster "Wächter der Nacht" (16 Millionen Dollar) weit übertreffen.

Effekte und Patriotismus

Die Gründe für diesen Erfolg liegen auf der Hand: Kriegsfilme sind in Russland durchaus populär, und inzwischen stehen Russlands Filmemacher was Effekte und üppige Bilder angeht, ihren Kollegen in Hollywood in nichts nach.

Der Afghanistan-Krieg von 1979 bis 1989 wurde für die Sowjetunion ein Trauma, ähnlich wie der Vietnam-Krieg für die USA. Hüben wie drüben wurde eine ganze Generation unbedarfter Jungs in einem sinnlosen Krieg verheizt. Nicht ohne vorsichtige Selbstkritik aber vor allem mit einer deftigen Dosis russischem Patriotismus setzt Bondartschuk den rund 15.000 sowjetischen "Afganzy", den Soldaten, die für ihre "internationale Pflicht" am Hindukusch ihr Leben ließen, ein Denkmal. Nicht wenige Besucher verlassen die Kinotheater mit Tränen in den Augen.

Helden als Kanonenfutter

Die Helden sind eine Gruppe frisch eingezogener und blutjunger Rekruten, die wochenlang von brutalen Ausbildern auf ihren Einsatz in Afghanistan vorbereitet werden. Alles symphatische Jungs, die plötzlich in den Händen eines Brutalo-Kommandeurs landen. Mit Gewalt, Erniedrigung und Psychoterror schärft er ihnen ein, dass sie weder gut noch schlecht sind, sondern ein "Nichts", ein "Niemand". Kanonenfutter also, dass an den Hindukusch geschickt wird, um den von der Führung im Kreml längst beschlossenen Abzug der Truppen abzusichern. So weit reicht die Kritik, die Regisseur Bondartschuk zulässt. Die brutalen Ausbildungsmethoden dürften auch heute noch der Realität im russischen Militär entsprechen.

Doch der Ausbilder meint es ja gut. Schließlich will er aus den netten Jungs, dem Haufen "Nichts" richtige Kerle machen, damit sie nicht gleich in ihren ersten Kriegstagen über den Haufen geschossen werden.

Wahrer Kern

Der Film knüpft an eine wahre Begebenheit im Afghanistan-Krieg an. Die sowjetischen Jungs werden nach ihrer Ausbildung zur 9. Kompanie versetzt, die eine strategisch wichtige Höhe in den Bergen von Afghanistan einnehmen und vor allem halten muss, um - was die Kompanie nicht weiß - den Abzug der eigenen Truppen abzusichern.

Das Epos, der in herzlicher Männerfreundschaft zusammengeschweißten Kompanie, dokumentiert treffend, warum der Krieg des Kreml in Afghanistan scheitern musste: Im schroffen Gebirge des Hindukusch ist die moderne schwere sowjetische Kriegstechnik den Angriffen der viel mobileren Mudschaheddin machtlos ausgeliefert.

Gesichtsloser Gegner

Verzweifelt versucht die 9. Kompanie die eingenommene Höhe gegen die anstürmenden afghanischen Kämpfer zu verteidigen, bis sie nach und nach bis auf den einzigen letzten Helden aufgerieben wird. Die Mudschaheddin werden als gesichtslose Rebellen dargestellt. Kein Wort darüber, dass sie ihr von sowjetischen Truppen besetztes Land verteidigen und kein Wort darüber, was die Rote Armee überhaupt im fremden Land zu suchen hatte.

Am Ende rollt der einzige Überlebende auf einem Panzer gen Heimat. Der Sprecher bescheinigt der Truppe, gesiegt zu haben. Ein Helden-Epos also, ganz nach dem russischen Geschmack.