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Bücher

Ein Chronist deutscher Geschichte

Er war einer der beliebtesten und am stärksten verbreiteten deutschen Gegenwartsautoren: der Schriftsteller Walter Kempowski. Er verstarb im Alter von 78 Jahren.

Walter Kempowski (1929-2007)

Walter Kempowski (1929-2007)

Neben Siegfried Lenz war er einer der herausragenden literarischen Chronisten der Deutschen und ihrer Geschichte. Zu seinen bekanntesten Werken gehört der Roman "Tadellöser und Wolf“, der auch verfilmt wurde und "Echolot. Ein kollektives Tagebuch über die Zeit zwischen 1943 und 1945“. "Ich hab' mein ganzes Leben lang weiter nichts gemacht, als mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, mit der Frage nach den drei Blutstropfen im Schnee, sozusagen. Wo kommen sie her, warum? Das ist mein Lebenszweck“, sagte Kempowski einmal. Und das ist das Lebensthema seines Schreibens: die deutsche Geschichte und die bleierne Schwere der Vergangenheit.

Walter Kempowski wurde am 29. April 1929 in Rostock geboren. Der Vater war Reeder und Schiffsmakler, die Mutter Kaufmannstochter. Als Jugendlicher wurde er 1944 in eine Strafeinheit der Hitlerjugend versetzt, danach als Luftwaffenkurier zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg begann er eine Kaufmannslehre im ostdeutschen Rostock, ging dann nach Westdeutschland. Als er erneut in Rostock zu Besuch war, wurde er 1948 vom sowjetischen Geheimdienst wegen angeblicher Spionage verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. Er musste in der DDR, im berüchtigten Zuchthaus Bautzen seine Haft absitzen.

Bautzen stand am Anfang - und am Ende

Diese Erfahrungen prägten sein späteres Schaffen. So handelt Kempowskis Erstlingswerk "Im Block. Ein Haftbericht“ von jener Zeit; auch sein jüngstes Werk, ein Gedichtzyklus an dem er seit 2003 arbeitete und der zum 80. Geburtstag 2009 erscheinen sollte, dreht sich um die Inhaftierung. "Ich habe mein erstes Buch über Bautzen geschrieben, über meine acht Jahre Zuchthaus dort im 'Gelben Elend', und ich habe, seitdem das Buch 1970 erschienen ist, immer noch das Gefühl, dass ein Restbestand noch nicht ausgesprochen wurde von mir. Und das kann ich nicht beschreibend tun, sondern ich muss es tatsächlich in Gedichten machen.“

Walter Kempowski wurde 1956 vorzeitig aus der Haft entlassen, ging nach Westdeutschland, holte 1957 in Göttingen das Abitur nach, studierte, heiratete und wurde Dorfschullehrer in Nartum, einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Bremen. Er begann dort seine schriftstellerische Laufbahn. Einem größeren Publikum ist er spätestens 1975 durch die Verfilmung seines autobiographischen Romans "Tadellöser und Wolff“ bekannt geworden. Darin beschreibt er seine Jugend während des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs.

Tiefenmesser zwischen Geschichte und Gegenwart

Seine Sympathie gilt den einfachen Leuten. Walter Kempowski, ein Rostocker aus Nartum, war ein herausragender Chronist der Deutschen und ihrer Geschichte. Schon in "Tadellöser und Wolff“ zeigt sich sein besonderer Stil, seine Arbeitstechnik, nämlich die Kunst der Collage, des Arrangierens eigener Erlebnisse mit Zeitungsmeldungen, Liedtexten, Briefen, Reklamesprüchen usw. Insbesondere Tagebücher zählen zu seinem bevorzugten Arbeitsmaterial. In seinem Haus hat er eine der größten Sammlungen an Tagebüchern. "Es ist auch eine gewisse Neugier, wenn man dauernd nach Tagebüchern Ausschau hält. Alles was so Puppenstubencharakter hat, mal so reinzugucken. Also, wenn sie so wollen, ein Art Neugierde, die sich auch nach einer Behaustheit sehnt.“

Kempowski ist mit seinen frühen Romanen, mit dem Spätwerk "Echolot“, sowie 30 weiteren Büchern einer der meist gelesenen deutschen Autoren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen. Das hatte Gründe. Er war weniger der wegweisende Künstler als der Chronist deutscher Zustände, und deutscher Geschichte: Ein einfacher und genauer Beobachter der einfachen Menschen, ein Tiefenmesser zwischen Geschichte und Gegenwart. Ein Mensch, der an Menschen interessiert war, an ihren vielen verschiedenen Lebenswegen unter den Bedingungen der deutschen Geschichte.

Eine große Freude: die Wiedervereinigung

Kempowski hielt sein literarisches Prinzip des Arrangierens durch, steigerte und perfektionierte es bis zu seinem opus magnum, dem "Echolot“, einem kollektiven Tagebuch der Deutschen aus der Zeit zwischen 1943 und 1945. Das Wort erhalten darin die Bäuerin und der General, der Schriftsteller und die Ostarbeiterin, der Lehrling und die Landfrau, der Diener, der Sekretär, der Soldat, der Zivilist und der Rotarmist. Das Erbärmliche und das Leiden der Menschen in jener Zeit ist sein Thema.

Mit seinen Romanen über die Zeit des Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg, mit seinen so genannten "Befragungsbüchern“ aus der Zeit der jungen Bundesrepublik, und den riesigen Chroniken hat Kempowski das Grauen hinter den Idyllen gezeigt und den zahllosen Namenlosen eine Stimme gegeben. Auch wenn er mit seiner Literatur nicht an die künstlerischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts anknüpfte, er sogar in mancher Literaturgeschichte fehlt, so ist und bleibt er in der deutschen Literatur eine wichtige Stimme, die den Tagebuchaufzeichnungen und den Erfahrungen der Menschen Vorrang einräumte. Er hat dem menschlichen Drama Gehör verschafft. Er war zudem einer, der die deutsche Teilung nie hinnahm: "Für mich war immer das höchste Ziel meines Lebens die Wiedervereinigung mitzuerleben. Und das mir das noch geschenkt wurde, ist eine große Freude für mich.“

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