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China

Ein chinesischer Dissident in Nürnberg

Nach Folter und Gefängnis hat der chinesische Dissident Liu Dejun in Nürnberg eine vorübergehende Bleibe gefunden - im Rahmen des P.E.N.-Programms "Writers in exile". Liu hatte in China für Menschenrechte gekämpft.

Liu Dejun beim Surfen in Nürnberg

Der Blogger Liu Dejun

Ein klein wenig ist Liu Dejun außer Atem. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Gerade ist der Chinese in Windeseile von seinem neuen Domizil im Nürnberger Stadtteil St. Johannis mit dem Rad in die City gefahren. Dort will er im Menschenrechtsbüro der Kommune Fragen von Journalisten beantworten. Trotz der Repressalien, denen der 37-jährige in seiner Heimat ausgesetzt war, wirkt er keineswegs verängstigt oder gar eingeschüchtert. Vielmehr strahlt er Zuversicht und Lebensfreude aus. Sogar eine gewisse Heiterkeit ist bei ihm zu spüren. Immer wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Keine Selbstverständlichkeit für einen Mann, der China in diesem Jahr verlassen musste, weil er in seinem Land politisch verfolgt wird.

Entführung im Namen des Staates

Zunächst wollte der ehemalige Mathematik-Student das kommunistische Regime von innen reformieren. Er begann bei der Polizei zu arbeiten, später sogar in einem Gefängnis. "Aber dort Reformen durchzusetzen, war unmöglich", so Liu Dejun rückblickend. Deshalb gründete Liu 2007 eine Agentur, um unterprivilegierte Wanderarbeiter über ihre Rechte aufzuklären.

Als er Flugblätter verteilt, die zu politischen Reformen aufrufen, wird er in Shenzhen, der Partnerstadt Nürnbergs, zehn Tage lang inhaftiert. 2010 entführt die Pekinger Sicherheitspolizei den Dissidenten an einen unbekannten Ort und misshandelt ihn. Der Grund: sein Engagement für Menschenrechte. Über diese Vorfälle hat sein ebenfalls vom Staat bedrängter Freund Ai Weiwei einen Dokumentarfilm gedreht und diesen bei Youtube ins Netz gestellt. Im Internet setzt sich auch Liu Dejun in diversen Foren und Blogs seit Jahren zunehmend für Freiheit, Demokratie oder Rechtsstaatlichkeit ein und protestiert beispielsweise gegen den illegalen Abriss von Privathäusern. Korrupten Beamten im Bunde mit Immobilienentwicklern ist der Sozialreformer deshalb ein Dorn im Auge.

Politischer Frost statt "Arabischer Frühling"

Ai Weiwei Porträt

Ai Weiwei drehte eine Dokumentation über Liu Dejun

Als sich Liu Dejun während des "Arabischen Frühlings" dafür stark macht, auch im Reich der Mitte mehr Demokratie zu wagen, verschwindet er 2011 ohne Gerichtsurteil von der Bildfläche und landet im Gefängnis. Dort wird er immer wieder mit Elektroschocks gefoltert. "Ein Gefühl, als wären mir dicke Nadeln in den Kopf gestoßen worden", erinnert sich das Folteropfer in gebrochenem Englisch noch heute mit sichtlichem Grauen an die erlittenen Qualen.

Seit diesen Vorfällen weiß der Menschenrechtsaktivist, dass sein Leben in China gefährdet ist. Freunde raten ihm, seine Heimat zu verlassen und im Ausland Zuflucht zu suchen. Die Vereinigung "Reporter ohne Grenzen" beantragt für den Blogger beim deutschen P.E.N.-Zentrum im Rahmen des "Writers in exile"-Programms ein Stipendium. Das wird auch genehmigt. Über Hongkong kann Liu sein Land Richtung Irland verlassen. Hier besucht er auch vor seiner Reise nach Deutschland einen mehrmonatigen Englisch-Kurs, unterstützt von der Hilfsorganisation "Frontline Defenders".

P.E.N.-Stipendium für ein Jahr

Seit 1999 gewährt der deutsche Schriftstellerverband P.E.N. politisch verfolgten Autoren aus aller Welt in verschiedenen Städten der Bundesrepublik Zuflucht. "Seit rund zwei Jahren ist auch Nürnberg offizieller Partner dieses Hilfsprogramms", sagt Martina Mittenhuber. Besonders gut gefällt der Leiterin des Nürnberger Menschenrechtsbüros, dass Verfolgte wie Liu Dejun monatlich nicht nur über ein Stipendium von rund 1200 Euro frei verfügen können, sondern dass die städtische Wohnungsbaugesellschaft für den Betroffenen auch unentgeltlich Räume zur Verfügung gestellt hat. "Keine Selbstverständlichkeit."

Mindestens ein Jahr lang kann Liu Dejun in Nürnberg wohnen. Bei Bedarf kann die Aufenthaltsdauer auf insgesamt drei Jahre verlängert werden. "Danach muss leider ein offizieller Asylantrag gestellt werden, denn in ihre Heimat zurück können die Stipendiaten in der Regel nicht", bedauert Martina Mittenhuber das etwas bürokratische Prozedere.

Druck auf die Eltern

Internetuser in einem chinesischen Internetcafe

Das Internet wird in China viel genutzt, aber auch scharf überwacht

Noch ist Nürberg für Liu Dejun ein etwas ungewohntes Terrain. Noch muss er sich erst ein wenig akklimatisieren, Land und Leute näher kennen lernen, um dann Freundschaften zu schließen. "Aber das wird künftig sicher kein Problem sein", gibt sich der chinesische Regimekritiker zuversichtlich. Etwas Sorgen macht er sich allerdings um seine Eltern, die in China immer wieder drangsaliert werden. Eine Hoffnung hat der Online-Autor bis heute nicht aufgegeben: "Dass eines Tages auch in China Demokratie und Freiheit Einzug halten werden."

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