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Europa

Ein Chanson mit Geschichte

1963 wird der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterschrieben. Ein Jahr später entsteht das Chanson "Göttingen". Bundeskanzler und Präsidenten lieben das Lied. Es wird zum Symbol für die Aussöhnung.

BARBARA (Geboren am 9. Juni 1930 in Paris als Monique Andrée Serf, Starb am 25. November 1997 in Neuilly-sur-Seine), französische Chanson-Sängerin und Komponistin. Barbara (1930 - 1997), French Chanson singer and composer. Photo: Barbara (in 1960s)s)

Frankreich Deutschland Musik Sängerin Barbara oder Monique Andrée Serf

Im Grunde wollte sie nie nach Deutschland kommen. Und dann kam sie doch, im Juli 1964, 19 Jahre nach Ende des Krieges: Barbara, die eigentlich Monique Serf hieß und eine französische Jüdin war. Hans-Gunther Klein, ein junger Deutscher, hatte die Sängerin in Paris kennengelernt und lud sie ein, in der niedersächsischen Stadt Göttingen im "Jungen Theater" aufzutreten. Barbara willigte ein, unter einer Bedingung: auf der Bühne müsste ein Flügel stehen.

Als sie dann in Göttingen ankommt, steht aber auf der Bühne lediglich ein einfaches Klavier. Barbara weigert sich aufzutreten. "Das machte ich nicht, um die Leute zu ärgern, aber mit diesem Klavier konnte ich das Publikum nicht sehen. Viele waren zwar nicht gekommen, ich war ja nicht bekannt, aber trotzdem", erzählte sie später im französischen Radiosender France Inter. "Hinzu kam, dass ich nicht gerade gerne nach Deutschland gekommen war. Ich machte es nur, weil ich diesen jungen Theaterdirektor fabelhaft fand. Aber Deutschland, naja. Dann sind so viele wunderbare Dinge passiert, und um dafür zu danken schrieb ich am vorletzten Tag 'Göttingen'".

Im Land der Täter

Auftritt französische Sängerin Barbara im Juli 1964 in Göttingen. Junges Theater Göttingen. Eine Gruppe von Studenten schleppt einen Flügel auf die Bühne, weil sich Barbara weigerte, nur ein Klavier zu spielen. Am Klavier könne sie ihr Publikum nicht sehen. Barbara schrieb in Göttingen den berühmten Chanson Göttingen, der für die deutsch-französische Aussöhung steht. Fotoquelle: Stadtarchiv Göttingen, Rechte eingeräumt. Zugeliefert von Susanne von Schenck am 21.12.2012.

Studenten schaffen Barbara einen Flügel auf die Bühne

Den gewünschten Flügel treiben Studenten dann bei einer älteren Dame auf und schleppen ihn auf die Bühne. Die Französin ist von diesem Engagement gerührt. Horst Wattenberg, damals einer der Studenten, erinnert sich an ihren Besuch: “In dieser Zeit begann sie, ihr Göttingenlied hinten im Garten des Theaters zu schreiben. Da standen noch einige Rosenbüsche, und diese wie auch der Garten in Göttingen haben sie dann inspiriert zu sagen: Es blühten schöne Rosen hier in der Stadt.“

Die Jüdin Barbara verliebt sich in die Stadt – und in die jungen Menschen, die ihr im Land der Täter so freundlich begegnet sind. Aus dieser Erfahrung wird ein Lied, ein leidenschaftliches, sehr persönliches Plädoyer für die Völkerverständigung. Was der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer in diplomatischer Sprache ein Jahr zuvor im Elysée-Vertrag unterzeichnet hatten, bringt Barbara in wenigen Textzeilen auf den Punkt. 1988 erhält sie für das Lied, das sie auch auf Deutsch aufnahm, das Bundesverdienstkreuz.

Der Durchbruch

Auftritt französische Sängerin Barbara im Juli 1964 in Göttingen. Junges Theater Göttingen. Barbara schrieb in Göttingen den berühmten Chanson Göttingen, der für die deutsch-französische Aussöhung steht. Fotoquelle: Stadtarchiv Göttingen, Rechte eingeräumt. Zugeliefert von Susanne von Schenck am 21.12.2012.

Göttingen inspiriert Barbara

Das Lied hat nicht nur die niedersächsisches Universitätsstadt Göttingen in Frankreich bekannt gemacht, sondern auch Barbara in ihrer Heimat zum Durchbruch verholfen. Denn bis dahin war die Sängerin, die ein Journalist als "eine Sphinx mit einem Adlerkopf“ charakterisierte, erst in Brüssel, dann in ihrer Heimatstadt Paris mit Liedern von Jacques Brel, Georges Brassens und Edith Piaf aufgetreten. 1965 wird sie in Frankreich richtig bekannt: mit "Göttingen“, mit eigenen Liedern und dem Album "Barbara chante Barbara“.

Barbara gibt noch mal ein Konzert in Göttingen. 1967 tritt sie in der ausverkauften Stadthalle auf, diesmal zusammen mit dem Akkordeonisten Roland Romanelli. Da singt sie auch ihr Lied "Göttingen“, das sie bei ihrem ersten Aufenthalt verfasst hatte, in einer deutschen Fassung. Der Applaus nimmt kein Ende.

"Göttingen" und seine politische Wirkung

Bundeskanzler Gerhard Schröder (l) wendet sich am 22.1.2003 im Schloß von Versailles an die ungefährt 900 Mitglieder der französischen Nationalversammlung und des deutschen Bundestages, die zum ersten Mal zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen gekommen sind. Der Festakt ist der Höhepunkt der Feiern zum 40. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages.

Versailles 2003: Bundeskanzler Schröder zitiert aus "Göttingen"

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder studierte von 1966 bis 1971 in Göttingen. Schröder zitierte aus Barbaras Chanson in seiner Rede am 22. Januar 2003 in Versailles, anlässlich des 40jährigen Jubiläums des Elysée-Vertrags. "Ich hatte leider keine Gelegenheit, das Lied von ihr selbst gesungen zu hören. Doch der Chanson hallte überall in der Stadt wieder und weit darüber hinaus", so Gerhard Schröder vor zehn Jahren. "Was Barbara dort direkt in unsere Herzen hinein gesungen hat, das war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen.“

"Göttingen“ taucht durch die Jahrzehnte der deutsch-französischen Freundschaft immer wieder auf: Staatspräsident François Mitterrand zählte es zu seinen Lieblingsliedern. Carla Bruni, Ehefrau des Präsidenten Nicolas Sarkozy, interpretierte Barbaras Chanson auf ihre Weise mit Gitarrenbegleitung neu. Auch Patricia Kaas spielt in ihrem Lied "De l'Allemagne" auf Barbara an: "Reparlez-moi des roses de Göttingen.“ Erzähl mir von den Rosen in Göttingen, heißt es in dem Chanson der international erfolgreichen Sängerin.

Die Verbindung bleibt

Die Verbindung zu Göttingen, der Universitätsstadt am Fluss Leine, reißt nicht ab. Neben dem Bundesverdienstkreuz erhält Barbara von der Stadt Göttingen eine Ehrenmedaille. Eine Straße wird nach ihr benannt. In der Geismarer Landstraße 19, in der sich seinerzeit das Junge Theater befand, hängt eine Gedenktafel: "Barbara - Monique Serf – Chanson Göttingen – Juli 1964“. Vor dem Haus blüht eine Rose, die eigens in Frankreich gezüchtet, nach Göttingen gebracht wurde. Denn wie hieß es in ihrem Lied:

"Gewiß, dort gibt es keine Seine
und auch den Wald nicht von Vincennes,
doch sah ich nie so schöne Rosen
in Göttingen, in Göttingen.“

Auftritt französische Sängerin Barbara am 03. Oktober 1967 bei ihrem zweiten Besuch im Jungen Theater in Göttingen. Barbara singt den Chanson Göttingen, der als Symbol für die deutsch-französische Freundschaft steht. Bildquelle: Stadtarchiv Göttingen, Rechte eingeräumt. Zugeliefert von Susanne von Schenck am 21.12.2012

Zweiter Auftritt in Göttingen: 1967 singt Barbara (3. v. re.) ihr Lied "Göttingen"

"Lass diese Zeit nie wieder kehren“

Ihr letztes Album veröffentlicht Barbara im November 1996 unter dem Titel "Barbara“. Ein Jahr später, am 24. November 1997 stirbt sie und wird drei Tage später auf dem Cimetière parisien de Bagneux am südlichen Stadtrand von Paris beigesetzt.

Zu ihrer Beerdigung schickt die Stadt Göttingen Susanne Boutler, eine Göttingerin, die in Paris lebt. Sie gehört zu den "Amis de Barbara“, einer Gesellschaft, die das Andenken der Sängerin pflegt. An die Beerdigung, zu der 2000 Menschen kamen, erinnert sie sich genau: "Ich hatte einen großen Rosenstrauß, auf dem die goldenen Buchstaben 'Göttingen' standen. Nach dem offiziellen Teil sind viele Menschen noch geblieben und sangen Lieder von Barbara.“

Auch heute noch legt Susanne Boutler alljährlich am 27. November einen Rosenstrauß auf Barbaras Grab - im Auftrag der Stadt Göttingen. In Frankreich gehört das Lied „Göttingen“ zum kulturellen Erbe, in Deutschland kennt es kaum noch jemand. Den Kern der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland erfasste Barbara in wenigen Versen:

"Lasst diese Zeit nie wiederkehren
und nie mehr Hass die Welt zerstören:
Es wohnen Menschen, die ich liebe,
in Göttingen, in Göttingen.”

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