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Politik & Gesellschaft

Ein Bundespräsident, der Bürgerpräsident sein will

Joachim Gauck glaubt an die Kraft der Freiheit und will alle in die Verantwortung nehmen. Ein vielversprechender Ansatz, meint Marcel Fürstenau.

Wie soll es denn nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen: unser Land! Joachim Gauck beginnt seine Rede mit einer Frage, auf die es keine klare, eindeutige Antwort gibt, nicht geben kann. Zu komplex und unübersichtlich ist diese Welt in Deutschland und andernorts, um sie mit einfachen Rezepten in den Griff bekommen zu können. Vermeintlich beliebig reiht Gauck Begriffe aneinander: Vereinzelung, Globalisierung, Minderheiten, Europa, Naher Osten, Fanatismus. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Dafür hat der Bundespräsident Verständnis und weckt Hoffnungen, in Ausübung seines Amtes für ein wenig mehr Orientierung sorgen zu können.

Gauck äußert Verständnis für die Verzagten und Enttäuschten, die sich von sozialen, ethnischen, religiösen und politischen Spannungen überfordert fühlen. Alle dürfen und sollen sich angesprochen fühlen, darauf legt er größten Wert. Die Begrüßung klingt beim ehemaligen evangelischen Pfarrer weder förmlich noch floskelhaft, wenn er sagt: "Liebe verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger im In- und Ausland." Da spricht einer, der die Menschen mit seinen Worten erreichen und für sein Ideal von Freiheit, Verantwortung und Vertrauen gewinnen will. Dass ihm das gelingen kann, stellt Gauck in seiner ersten Rede nach dem Ablegen des Amtseids unter Beweis.

Gauck empfiehlt Erinnerung als "Kraftquelle"

Als Mittel gegen Furcht vor der Gegenwart und der Zukunft setzt Gauck die Erinnerung als "Kraftquelle". Daraus will das 72-jährige Staatsoberhaupt intensiv schöpfen und hofft, dass ihm dabei viele folgen werden. Gauck gelingt es auf verblüffend leichte Weise, die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme im lange geteilten Land und ihre noch immer spürbaren Nachwirkungen ins Positive zu wenden. An der Geschichte der alten Bundesrepublik beeindruckt ihn weniger das Wirtschaftswunder in den 1950er und 60er Jahren, als das Demokratiewunder.

Gaucks Lob und Anerkennung für die 1968er Bewegung und die von ihr ausgelösten gesellschaftspolitischen Umwälzungen werden heftig beklatscht, sogar von den vielen Konservativen im Berliner Reichstagsgebäude. Dass es nicht nur höflicher, sondern parteiübergreifend ehrlicher Beifall ist, spricht für die integrierenden Fähigkeiten des Neuen im höchsten Staatsamt. Und vielleicht hat Gauck sogar die Linken ein wenig auf seine Seite gezogen, die ihm klatschend Anerkennung zollen, als er an die friedliche Revolution in der DDR erinnert.

Wir sind das Volk – gestern, heute und morgen

"Wir sind das Volk", die Losung von 1989/90, hat für den aus dem Osten stammenden Bundespräsidenten nichts an Relevanz und Aktualität eingebüßt. Gut zwei Jahrzehnte später bedeutet das mehr denn je eben auch, dass Freiheit "notwendige Bedingung" für Gerechtigkeit ist, für Vertrauen in Demokratie. Das Streben der Unterschiedlichen nach dem Gemeinsamen, dieses Leitbild möchte Gauck befördern und verankern. Und er tut gut daran, diesen Gedanken gleichermaßen aus deutscher wie europäischer Perspektive zu definieren, wie aus christlich-jüdischer und muslimischer.

Dass Gauck in diesem Zusammenhang die Verdienste seines Vorgängers Christian Wulff würdigt, ist angemessen und respektvoll. Eine Geste, die besonders jene Millionen in Deutschland lebende Menschen mit ausländischen Wurzeln zu schätzen wissen. Sie wie alle anderen bittet der neue Bundespräsident abschließend um Vertrauen in seine Person, Vertrauen in Politiker und vor allem Vertrauen in sich selbst. Nach den Eindrücken seiner ersten großen Rede zu urteilen, wird der Bundespräsident alles dafür tun, als der wahrgenommen zu werden, der er sein will: ein Bürgerpräsident.