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Nahost

Ein Brief an Thilo Sarrazin

Thilo Sarrazin sorgt mit seinen Äußerungen über Migranten, Muslime und Juden für Empörung. DW-Journalist Hasan Hussain, gebürtiger Iraker und seit 36 Jahren in Deutschland, antwortet aus seiner Sicht auf die Vorwürfe.

Hasan Hussain im Deutsche Welle Gebäude in Bonn (Foto: DW)

Redakteur im arabischen Programm der Deutschen Welle: Hasan Hussain

Sehr geehrter Herr Sarrazin,

ihre Äußerungen treffen mich persönlich und schockieren mich zutiefst. Ich fühle mich von einem Menschen beleidigt, den ich gar nicht kenne. Sie sagen,wir Araber und unsere türkischen Freunde hier in Deutschland hätten "keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel". Sie lassen im Zusammenhang mit Menschen wie uns ein abgrundtief hässliches und durch die deutsche Geschichte zusätzlich vorbelastetes Wort wie "genetische Belastung" fallen. Ich könnte Ihnen bei einer Tasse deutschem Filterkaffee oder orientalischem Mokka gerne einmal das Gegenteil erklären. Oder besser, ich tue es jetzt gleich.

Äußerungen wie Ihre habe ich im Laufe meines 36-jährigen Aufenthalts in Deutschland leider schon öfter hören müssen, ebenso wie meine Familie und meine Freunde. Da frage ich mich schon, was ich in Ihren Augen eigentlich falsch gemacht habe. War es ein Fehler, dass ich mit viel Mühe die deutsche Sprache erlernt habe, so gut, dass ich inzwischen auch bei Ihnen zwischen den Zeilen lesen kann?! Lag ich wirklich falsch damit, im Berliner Migranten-Viertel Neukölln acht Jahre lang mit schwer erziehbaren Jugendlichen zu arbeiten und zu versuchen, ihnen einen Weg in die deutsche Gesellschaft zu eröffnen?! Vielleicht interessiert es sie ja, was aus diesen Jugendlichen - viele von ihnen Muslime - geworden ist: Fast alle haben erfolgreich eine Ausbildung absolviert, anschließend Jobs gefunden oder sich sogar selbstständig gemacht. Sie haben in ihrer Heimat Deutschland Familien gegründet. Das waren Kinder, die als hoffnungslose Fälle galten, als Ghetto-Kids ohne jede Perspektive und ohne jede Integrationsbereitschaft, Kinder mit schwierigem familiärem Hintergrund. Aber: Sie haben es geschafft! Und jetzt, Herr Sarrazin, kommen Sie mit solchen abwertenden Sprüchen und schaden damit solchen Integrationsbemühungen.

Buchcover: Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin

Das Buch sorgt seit Tagen für Diskussionen und erhitzt die Gemüter

Sie tun so, als würden Sie aussprechen, was andere aufgrund von "Political Correctness", nicht offen zu sagen wagen. Mir erscheint es jedoch eher so, als würden Sie von der Chefetage ihrer Bank aus mit einem Fernglas auf die Menschen blicken und unfaire Urteile über sie fällen. Mich würde vielmehr interessieren: Haben Sie Ihre führende Position im deutschen Bankensektor jemals dafür genutzt, um Migranten mit günstigen Krediten die Existenzgründung zu erleichtern? Ich kenne von Ihnen leider nur eines: beleidigende Zitate, die nicht nur die Gesellschaft spalten, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel bemerkt hat, sondern auch alle diejenigen entmutigen, die sich für mehr Integration einsetzen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Auch ich bin dafür, dass wir die existierenden Probleme in diesem Bereich offen ansprechen. Schönreden hilft in der Tat nicht weiter. Aber es hilft genauso wenig, ethnische oder religiöse Gruppen pauschal abzuurteilen. Das erschwert die Integrationsbemühungen. Ich frage Sie, Herr Sarrazin: Was sind Ihre Vorschläge zur Lösung der bestehenden Probleme? Wie möchten Sie erreichen, dass Menschen mit und ohne Migrations-Hintergrund ihre Lebenswege in Deutschland erfolgreich gestalten und gemeinsam Verantwortung für diese Gesellschaft übernehmen? Das würde mich interessieren. Alles andere halte ich, mit Verlaub, für billigsten Populismus.

Mit freundlichen Grüßen

Hasan Hussain

Redaktion: Diana Hodali

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