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Bücher

Ein breites Panorama: Fünf Lesetipps zum Tag des Buches

Die fünf Titel, die wir Ihnen zum Internationalen Tag des Buches am 23. April vorstellen, sind nicht immer ganz leichte Lektüre. Dafür aber spannend, herausfordernd und eine Begegnung mit Neuem. Versprochen!

Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes, Deutsch von Claudia Hamm, Verlag: Matthes & Seitz 2016, 524 Seiten

Carrère ist neben Houellebecq einer der wichtigsten Vertreter der französischen Gegenwartsliteratur. In Frankreich war sein Buch ein phänomenaler Bestseller. Aber was ist es eigentlich? Ein Roman? Ein Sachbuch? Der Autor erzählt von zwei Lebens- und Schreibkrisen. Die eine bringt ihn dazu, sich dem katholischen Glauben zuzuwenden, in der anderen wendet er sich vom Christentum ab. Trotzdem widmet er sich jahrelang einer Recherche zur Geschichte des frühen Christentums und seiner im Lauf der Jahrhunderte wechselnden philosophischen Interpretation. Sein Buch berichtet von diesen Studien. Carrère folgt den historisch verifizierbaren Spuren der Apostel, vor allem der Paulus- und Lukasgeschichte, schildert die Reisen des Paulus und das Leben im Römischen Reich des 1. Jahrhunderts. Bei seiner Untersuchung geht es nicht um Ergebnisse, sondern darum, ein persönliches Verhältnis zu dieser Glaubensgeschichte zu finden, die unsere mitteleuropäische Kultur so zentral dominiert hat und noch immer prägt. Der große Reiz des Buches liegt in seiner Authentizität, es ist ein Hybrid aus Autobiographischem, wissenschaftlicher Recherche und möglicherweise auch Fiktion: ein versiert erzählendes Sachbuch, dessen Fragestellungen aktuell von großer Relevanz sind.

Charles Lewinsky: Andersen, Verlag: Nagel & Kimche 2016, 398 Seiten

Dies ist die Geschichte eines Monsters, eines menschlichen Monsters. Und es ist die Geschichte einer Wiedergeburt. Zugegeben, es ist nicht ganz leicht, einzusteigen in das Erzählgeflecht dieses Romans, geht es doch um einen wahrhaft bösen Charakter, den der Schweizer Autor Charles Lewinsky uns hier vorstellt. Und der zudem mindestens zweimal geboren wird. Einmal am Ende des 19. Jahrhunderts, ein andermal ein Jahrhundert später. Andersen hat mehrere Leben. In einem heißt er Jonas. Wir erleben etwa dessen Geburt aus seiner eigenen Perspektive. Im Bauch der Mutter entfaltet der Fötus bereits seine kalt berechnende und brutale Gedankenwelt: Ein Erwachsener spricht hier in Gestalt eines Kindes. Das mag kompliziert klingen, löst sich aber im Laufe des Romans auf. Lewinsky hat die Biografie eines bösen Wiedergängers geschrieben. Auch eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, das bevölkert war von Massenmördern und Folterknechten. "Andersen" ist eine literarische Kreuzung zwischen "Er ist wieder da" und "Die Wohlgesinnten“"von Jonathan Littell, jenes monströsen Romans, der dem Leser Einblick in die Gedankenwelt eines Nazi-Monsters verschaffte. Andersen ist ein literarischer Verwandter dieses SS-Offiziers Maximilian Aue, gebildet und menschenverachtend, klug und abgrundtief böse. Ein Roman, der schaudern lässt.

Neel Mukherjee: In anderen Herzen, Deutsch von Ditte und Giovanni Bandini, Verlag: Kunstmann 2016, 640 Seiten

Mukherjees Roman um den Niedergang einer Unternehmerdynastie im Indien der 1960er Jahre beginnt schockierend. Ein Landarbeiter bittet seinen Landlord um eine Schale Reis. Nachdem er mit leeren Händen nach Hause gehen muss, erschlägt er seine Familie und bringt sich selbst um – aus Not und Verzweiflung. In diesem Buch geht es um die grauenhafte Armut der Landarbeiter und die Zeit der Rebellion auf dem Land im westbengalischen Indien 1966-1970, um die Maoisten und die Guerillabewegung, um feudale Großgrundbesitzer, das beharrlich weiterexistierende Kastenwesen, die Korruption und Beamtenwillkür. Im Zentrum des großen Epos aber steht die Familie des Papierfabrikanten Gosh, dessen Unternehmen unaufhaltbar in den Ruin schlittert. 17 Familienmitglieder müssen auf den sozialen Abstieg reagieren. Ihre sehr unterschiedlichen Schicksale - vor allem das eines Sohnes, der sich den Partisanen anschließt - repräsentieren die gesellschaftlichen Umbrüche jener unruhigen Zeit.

Für den breiten historischen Roman stand Thomas Manns Gesellschaftsroman "Buddenbrooks" Pate. Man lernt viel über die indische Gesellschaft bei der fesselnden Lektüre dieses über 600-seitigen Werks (ergänzt durch Stammbaum und Index zu den bengalischen Begriffen).

Yvonne Adhiambo Owuor: Der Ort, an dem die Reise endet, Deutsch von Simone Jakob, Verlag: DuMont 2016, 512 Seiten

Odidi Oganda wird in einer Straße Nairobis erschossen. Mit dem Tod des Sohnes einer über weit voneinander entfernte Landesteile verstreut lebenden Familie eröffnet der Roman den Blick auf ein breites Panorama: Kenia im Jahr 2007. Die koloniale Vergangenheit unter britischer Gewaltherrschaft und die blutigen Auseinandersetzungen nach der Unabhängigkeit haben ein zerrissenes Land hinterlassen - und in diesem Land eine ebenso zerrissene Familie. In ihren Wunden zeigen sich die Konflikte des Landes und seiner Bevölkerung mit ihren verschiedenen Stammestraditionen, die mit modernen Weltanschauungen kollidieren.

Yvonne Adhiambo Owuor erzählt komplex, viele Lebensgeschichten und Orte sind miteinander verflochten, viele Gedichte, Mythen und historische Geschehnisse zitiert, verschiedene Sprachen und Dialekte angeführt. Ein starker Debütroman.

Eine literarische Wiederentdeckung

Gustave Flaubert/Maxime du Camp: Über Felder und Strände - Eine Reise in die Bretagne, Deutsch von Cornelia Hasting, Verlag: Dörlemann 2016, 448 Seiten

Flaubert und sein ein Jahr jüngerer Freund du Camp waren Mitte Zwanzig, als sie 1847 von Paris aus in die Bretagne aufbrachen. Bis ins zentralfranzösische Blois fuhren sie mit dem Zug. Von da an ging's zu Fuß weiter, auch mal auf dem Pferdegespann oder per Schiff ein paar Kilometer auf der Loire. Es war die erste größere Reise der beiden, später sollten sie noch in den Orient aufbrechen. Auch Flauberts berühmte Romane wie "Madame Bovary" folgten erst viel später. "Über Felder und Strände" ist also ein Jugendwerk der beiden, vierhändig geschrieben, Flaubert verfasste die ungeraden Kapitel, du Camp die geraden. Im Deutschen liegt der Text in seiner ursprünglich gedachten Form jetzt zum ersten Mal überhaupt vor. Er ist ein klassischer Reisebericht, der Menschen und Landschaften beschreibt, berühmte Baudenkmäler, aber auch einfache Kaschemmen. Immer wieder schweifen die beiden ab, wenn sie sich den großen Gestalten der französischen Geschichte widmen, falls diese einmal in der Bretagne weilten. Das Buch ist eine Einladung für alle Freunde der französischen Provinz. Dabei wird bei weitem nicht nur geschwärmt: "Die Straßen sind hässlich, die Häuser niedrig und die Frauen erbärmlich", heißt es an einer Stelle. Der Bericht ist hin und wieder böse und messerscharf kommentierend. Doch die Schönheit überwiegt. Das macht diesen historischen Reisebericht zu einem Lesevergnügen.

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