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Kultur

Ein Blick ins Familienalbum der Berlinale

Berlinale-Kenner können sie im Schlaf aufsagen, den Neuling schüchtern sie ein: die ganzen Namen und Sektionsbezeichnungen. Dabei muss man sich einfach eine Familie vorstellen, die sich über die Jahrzehnte vermehrt hat.

Ein Regal mit Informationsmaterial zur Berlinale, Menschen blättern in Prospekten

Hilfe aus dem Berlinale-Labyrinth der Filme, Sektionen, Kinos gibt es vor allem in gedruckter Form

Die Sektionen der Berlinale lassen sich lesen wie ein Stammbaum. Der "Wettbewerb" mit der "Retrospektive" als Gattin ist der Großvater, er wird dieses Jahr 60. Das kräftige Familienoberhaupt mit der wettergegerbten Haut hat mitunter exzentrische Züge, aber seine Nachkommen lieben und brauchen ihn wie keinen anderen.

Kinder und Enkel

Seine Kinder hören auf die griffigen Namen "Forum", "Generation" und "Panorama". Und die "Berlinale Shorts" bilden mit "Perspektive Deutsches Kino", "Berlinale Special" und dem verfressenen Nesthäkchen, dem "Kulinarischen Kino", die Enkelgeneration. Die mit den verspielteren Namen.

ein alter Monitor neben einem roten Sofa

Ein alter Monitor dient während des Festivals für den kurzen Film zwischendurch im Büro

Maike Mia Höhne kuratiert eines dieser Enkelkinder, die "Berlinale Shorts". In dieser Sektion werden ausschließlich kurze Filme gezeigt - Höhne spricht nie von "Kurzfilm". "Ein Film ist ein Film ist ein Film ist ein Film", sagt sie und feixt. Länge sei unerheblich. Die "Berlinale Shorts" existieren erst seit 2006, aber kurze Filme gab es zur Berlinale schon immer. Aber eben nicht mit eigenem Programm, sondern fast so wie nebenbei. Als Bonbon, unsortiert und irgendwie auch übersehbar.


Spiel es!

Zettel aufgeklebt auf einer Wand mit allen Titeln der gezeigten Kurzfilme

25 Kurzfilme in fünf Programmschienen, die mehrmals gezeigt werden - auch da will der Überblick behalten sein

Der Weg zur eigenen Sektion - quasi zur offiziellen Anerkennung als leibliches Enkelkind - war lang. Dabei verleiht die Berlinale bereits seit 1955 den Goldenen und Silbernen Bären für den besten Kurzfilm.

Bis zum 60. wäre es also gar nicht mehr lange hin, beim Enkelkind könnten sich mitunter schon weiße Strähnen eingeschlichen haben ob seiner Erfahrung auf der Berlinale-Kirmes. Frühere Kurzfilme zeigt Großmutter Restrospektive anlässlich des 60. Jubiläums der Berlinale in den Programmen "PLAY IT … SHORT! |1" und "PLAY IT … SHORT! |2."

Drei Frauen nebeneinander vor Filmplakaten

Die "Berlinale Shorts" sind fest in weiblicher Hand: Nicole Stecker, Kuratorin Maike Mia Höhne und Dagny Kleber

Seit 2003 gibt es eine eigene internationale Jury, in diesem Jahr besetzt mit der Brasilianerin Zita Carvalhosa - Gründerin des São Paulo International Short Film Festivals, Produzentin, Kuratorin -, dem britischen Produzenten Samm Haillay und Max Dax, dem Chefredakteur des Popkulturmagazins "Spex". Diese Jury vergibt neben den Bären eine Nominierung für den besten europäischen Kurzfilm und ein DAAD-Stipendium für einen Aufenthalt in Berlin. 25 Kurzfilme aus 15 Ländern haben sich in diesem Jahr beworben, gezeigt wurden sie in fünf verschiedenen Programmschienen.

And the Winner is...

Herausragend war in diesem Jahr der schwedische Beitrag "Händelse vid Bank", auf Deutsch "Zwischenfall vor einer Bank". Ein missglückter Banküberfall, der sich 2006 zutrug und der in dem Kurzfilm in Echtzeit durch die absurde Detailtreue auf sehr witzige Weise rekonstruiert wird. Den 12-Minüter kürte die Jury mit dem Goldenen Bären. Der Silberne Bär ging an den israelischen Film "Hayerida" (Der Abstieg). Nominiert für den besten europäischen Kurzfilm wurde die rumänische Familiengeschichte "Colivia" (Der Käfig), das DAAD-Stipendium erhielt Nathalie Teirlinck. Die 24-Jährige Belgierin hatte in "Venus vs. Me" die Abnabelung und Rebellion eines 12-jährigen Mädchens gegen ihre Mutter gezeigt.

Dass die Bären der Sektion "Berlinale Shorts" schon am 16. Februar vergeben wurden ist eine tradierte Besonderheit mit praktischen Gründen. "Dadurch haben die Filmemacher, die ja oft bis zum Ende da sind, noch mal die Möglichkeit, sich anders im Markt zu präsentieren", erklärt Maike Mia Höhne.

Ist das neu?

Still aus dem schwedischen Film Zwischenfall vor einer Bank: roter Figuren vor einem Hochhaus

And the Winner is ..... "Zwischenfall vor einer Bank" aus Schweden

Mehr als 2600 Filme hat sich die sechsköpfige Auswahlkommission angeschaut, knappe vier Monate nahm dieses Prozedere in Anspruch. Entscheidend waren dabei formale wie inhaltliche Kriterien. Die Kernfragen umreißt Höhne so: "Ist das interessant? Ist das neu? Ist das anders? Ist das durchgedacht? Ist das kohärent?".

Kurzfilme laufen nach wie vor auch bei anderen Familienmitgliedern, namentlich in "Perspektive Deutsches Kino", "Generation" und "Forum Expanded". Die Kuratorin Maike Mia Höhen zieht zum fünften Geburtstag der Sektion "Berlinale Shorts" eine ganz schön erfreuliche Bilanz: "Ich glaube, dass deutlich geworden ist, dass dieser kurze Film kein lustiger Spartenfilm ist, sondern ernsthafte Filmemachen."

Autor: Ricarda Otte
Redaktion: Sarah Judith Hofmann

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