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Kultur

Ein bisschen Wahrheit zuviel

Verrissen, verboten, verstummt? DW-Autorin Nadine Wójcik porträtiert fünf Künstler, die den Kampf mit der DDR-Zensur aufgenommen - und auf ihre persönliche Art gewonnen haben. Folge 4: die Journalistin Silke Hasselmann.

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Jetzt ist es gesagt. Es gibt kein Zurück. Das Rotlicht geht aus, der erste Song läuft. Silke Hasselmann nimmt einen tiefen Atemzug, sie zittert. "Gleich wird das Telefon klingeln", denkt sie. Doch im Studio des Jugendradio DT 64 bleibt es ruhig. Silke Hasselmann beruhigt sich ein wenig. "Geht doch!" denkt sie und setzt im Laufe ihrer sechsstündigen Moderation immer wieder dazu an, mit Ironie und Zweideutigkeit das zu kritisieren, was sie heute morgen in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit gelesen hat:

"Wie die Pressestelle des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen mitteilt, ist die Zeitschrift 'Sputnik' von der Postzeitungsliste gestrichen worden. Sie bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte."

Abschuss des Sputniks

Das verbotene Sputnik-Heft 10/88 (Foto: Haus der Geschichte)

Das verbotene Sputnik-Heft 10/88

Von der Postzeitungsliste gestrichen – übersetzt bedeutete das nichts anderes als ein faktisches Verbot der Zeitschrift. Der "Sputnik" ist ein monatlich erscheinendes Magazin, herausgegeben von der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti. Übersetzt in mehrere Sprachen ist es auf Deutsch auch in der DDR erhältlich. Ein beliebtes Heftchen, das bislang eigentlich allenfalls durch Reisereportagen, Kochtipps und einen für DDR-Maßstäbe ungewöhnlich ansprechenden Farbdruck aufgefallen. Doch mit der Offenheit des Glasnost bekommen die Leser erstmals systemkritische Artikel zu lesen. Es erscheinen Beiträge über die stalinistischen Verfolgungen der 30er-Jahre und über das Versagen der deutschen Kommunisten im Kampf gegen Hitler. In der Oktoberausgabe 1988 fragt der Sputnik gar provokant: "Wäre Hitler ohne Stalin möglich gewesen?" Spätestens jetzt hat die SED-Spitze genug gelesen. Das Verbot kommt von ganz oben, von Erich Honecker persönlich. Und es ist im November 1988 der erste öffentliche Affront gegen den Reformkurs der Sowjetunion.

Das weiß die junge Radiojournalistin an diesem Novembersamstag nicht. Ihr geht nur eins durch den Kopf: "Ohne lange darüber nachzudenken, wusste ich, dass ich nicht sechs Stunden lang auf Sendung gehen kann, ohne überhaupt einen Ton darüber zu verlieren. Mir war ja klar, dass das auch nicht in den Nachrichten gesendet würde."

Aufruhr in den Augen

Kurz vor ihrer Moderation um 13 Uhr besorgt sie sich spontan aus dem Musikarchiv den Song "Aufruhr in den Augen" von der Band Pankow und geht auf Sendung: "Leider haben wir jetzt eine Zeitschrift weniger, um uns zu informieren, aber das ist nur gerecht. Gab es doch die letzte Ausgabe nicht. Diese Auslieferungsunregelmäßigkeiten können wir Leser uns nicht leisten."

An diesem Samstag bleibt es zwar ruhig in der Redaktion, doch dann beginnen die Mühlen langsam zu mahlen. Die Telefone klingeln, die Sendeverantwortlichen hören die Mitschnittbänder ab, Hasselmanns Vorgesetzte bittet zum Gespräch. "Alle Kollegen glaubten, mit mir seien einfach die Pferde durchgegangen und dass ich nicht so richtig gewusst habe, was ich da sage, in meinem jugendlichen Leichtsinn. Ich sollte mich am besten einfach für meine Kommentare entschuldigen."

Blick in ein Studio des ostdeutschen Jugendradios DT 64 (Foto: dpa)

Blick in ein Studio des ostdeutschen Jugendradios DT 64

Strafversetzung mit Umschulungsfaktor

Das kommt für die junge Radiojournalistin überhaupt nicht in Frage. Die Konsequenz lässt nicht auf sich warten. Galt sie zuvor noch als junges Talent des Jugendradios DT 64, wird sie nun strafversetzt – zum regimetreuen Sender "Stimme der DDR": "Im Gegensatz zu DT 64 waren die wirklich richtig propagandamäßig unterwegs, kein bisschen journalistisch nach dem Motto: Wir gehen mal raus, gucken uns was an und berichten darüber so unvoreingenommen wie möglich. Im Gegenteil, hier waren alle so voreingenommen wie nur möglich."

Zur Strafversetzung gehört im Fall Hasselmann auch noch ein Mikrofonverbot. Das beinhaltet nicht nur ein Moderationsverbot, sondern auch ein Verbot, mit einem Reportagegerät raus zu gehen und Menschen zu interviewen. Silke Hasselmann wird an den Schreibtisch verdonnert, schreibt die ein oder andere Meldung oder schneidet Sendungen zusammen. "Die Sache hatte mindestens zwei Seiten. Natürlich war es total unbefriedigend, zum Nichtstun verdammt zu sein. Zum anderen hat mich das in dieser sehr kritischen Zeit '88 und '89 der Pflicht und auch des inneren Konflikts enthoben, den andere Kollegen garantiert hatten: Mach ich das, was die von mir erwarten noch mit oder nicht?"

Wendezeit und Wendehälse

Der politische Umbruch bringt auch Silke Hasselmanns Strafversetzung ins Wanken. Eigentlich hätte sie ein ganzes Jahr bei der "Stimme der DDR" arbeiten müssen oder vielmehr "umgeschult" werden sollen. Doch einen Monat vor Ablauf dieses Jahres wird sie zurück zu DT 64 geholt. Jetzt in Zeiten der Wende wusste man plötzlich ihre kritische Haltung zu schätzen. "Absurderweise sprachen sich ausgerechnet diejenigen Kollegen für meine Rehabilitation aus, die noch ein Jahr zuvor am Lautesten geschrieen und den größten Abscheu über diese kleine Sputnik-Geschichte zum Ausdruck gebracht hatten. Aber nicht mit der Geste der Entschuldigung oder Einsicht, sondern weil sie sich an die Spitze der neuen Bewegung stellen wollten."

Silke Hasselmann (Foto: privat)

Seit 1999 arbeitet Silke Hasselmann für das ARD-Hauptstadtstudio

Die Ereignisse überschlagen sich. Silke Hasselmann ist wieder in ihrem Element. Sie darf wieder moderieren, ist mit ihrem Reportagegerät draußen bei den Leuten und dokumentiert, was vor einem Jahr noch keiner für möglich gehalten hatte: den Fall der Mauer. Mit dem politischen Umbruch ändert sich auch radikal die Hörfunklandschaft. Silke Hasselmann wird zunächst Chefredakteurin beim Rockradio B, einem Sender des neugegründeten Ostdeutschen Rundfunk. Als durch weitere Umstrukturierungen der Sender eingestellt wird, arbeitet sie als freie Mitarbeiterin, bis sie 1999 Korrespondentin für den MDR im ARD-Haupstadtstudio wird. Auch wenn sich für sie und ihre Arbeit vieles geändert hat, in einem ist sie sich treu geblieben: "Ich glaube, dass es sich tatsächlich lohnt, den Mund aufzumachen, egal in welchem politischen und gesellschaftlichen Umfeld man lebt und arbeitet. Und nicht einfach hoffen oder darauf warten, dass sich schon irgendwer anders darum kümmern wird."


Autorin: Nadine Wójcik
Redaktion: Ramón Garcia-Ziemsen

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