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Europa

Ein Besuch in der UKIP-Hochburg

Die rechtspopulistische UKIP scheiterte in ihrer Hochburg South Thanet nur knapp. Barbara Wesel fand in der Kommune Ramsgate Menschen, die darüber traurig sind - und solche, die die Niederlage als ihren Erfolg sehen.

Ramsgate ist eines dieser Städtchen an der Küste von Kent, die Opfer jahrzehntelanger Vernachlässigung, falscher Planung und verfehlter Sozialexperimente sind. Genauso wie Margate, Broadstairs und Cliftonville liegen sie alle im Wahlkreis South Thanet - einer Hochburg von Nigel Farages UKIP. Sie waren früher beliebte Badeorte und schnell von London aus zu erreichen. Doch dann kamen die billigen Flugreiseangebote nach Spanien und nahmen ihnen die Touristen. Heutzutage sind die Einkaufsstraßen von Ramsgate voller Ramschläden, jedes zweite Geschäft ist ganz leer, die Fenster sind verklebt und "Zu verkaufen"-Schilder hängen an der Fassade.

"It's the economy, stupid!"

Man könnte etwas machen aus dieser Stadt, meint Clare, die einen kleinen Antiquitätenladen betreibt. Sie ist erst vor kurzem an die Küste gezogen, wie andere junge Londoner, vertrieben von den astronomischen Preisen in der Metropole. Das Wahlergebnis quittiert sie mit Erleichterung: "Ich persönlich bin froh, dass Farage hier nicht gewählt worden ist", aber sie könne verstehen, warum viele Bewohner sich der UKIP zugewandt hätten. Nigel Farage unterlag dem Kandidaten der Tories, erhielt aber rund 32 Prozent der Stimmen.

Strand von Ramsgate (Foto: DW/B. Wesel)

Dunkle Wolken hängen nicht nur wettermäßig über Ramsgates Strand

Teilweise habe es mit der Demografie zu tun, hier lebten viele Ältere, die sich nach der guten alten Zeit sehnten. Aber darüber hinaus vermittele Nigel Farage den Leuten eben den Eindruck, endlich gehört zu werden, sagt Clare. "Niemand sonst setzt sich für sie ein, sie fühlen sich vergessen und abgehängt." Was Ramsgate brauche, seien Investitionen, Unternehmen, Arbeitsplätze und eine nachhaltige Entwicklung der örtlichen Wirtschaft. All das habe UKIP versprochen, und viele Wähler wollten die Botschaft gerne glauben.

Eine Bürgerinitiative gegen Farage

Mitten auf dem Wochenmarkt gibt es eine spontane Party an einem Stand mit "Stoppt UKIP"-Plakaten. Eine bunte Truppe von Aktivisten feiert da die Wahlniederlage von Nigel Farage mit Prosecco und Kuchen. Bunny La Roche ist die Initiatorin: "Wir hatten eine Kerngruppe von rund 50 Freunden, und wir haben schon vor den Europawahlen angefangen, die Propaganda von UKIP zu bekämpfen." Sie seien von Haus zu Haus gegangen, um die Leute zum Wählen zu bewegen. Wenn sie gegen die Politik in Westminster protestieren wollten, könnten sie schließlich grün wählen, oder Unabhängige oder Sozialisten. "Es ging darum", sagt Bunny, "den Leuten klar zu machen, dass Farage ihnen gar nichts anzubieten hat." Dass er nicht die Steuer für Geringverdiener abschaffen und den Flughafen wieder eröffnen werde. Der wurde vor ein paar Jahren geschlossen, die Verbindungen nach Amsterdam oder Birmingham waren unrentabel.

Der Kampf um den Flughafen ist am Ort ein großes Thema. "Wir haben mit Leuten aller politischen Richtungen geredet", fügt die Anti-Farage-Aktivistin hinzu. "Den früheren Tories haben wir zum Beispiel gesagt, dass ihnen David Cameron ein Referendum zum EU-Ausstieg geben wird - und nicht UKIP." Die Kampagne war offenbar erfolgreich, die Wahlbeteiligung in Ramsgate war enorm, die Tories siegten, Farage ging geschlagen vom Platz. Ob er im Herbst wiederkommt? Farage hatte nach der Wahlniederlage seinen Rücktritt erklärt, will aber im Herbst wieder an die Parteispitze zurückkehren. Bunny La Roche glaubt nicht daran: "Wenn es um den Parteivorsitz geht, werden sie alle mit Messern übereinander herfallen."

Joseph Hudson (Foto: DW/B. Wesel)

Findet die UKIP-Niederlage ungerecht: Joseph Hudson

Es geht um Lokalpolitik

Im Schusterladen gegenüber regt sich Joseph Hudson furchtbar über die Anti-UKIP-Truppe auf. "Auf der Straße trinken ist verboten", wo denn die Polizei bleibe. Er habe früher in der Regionalverwaltung gearbeitet und sei voller großer Ideen zu Regenerierung von Ramsgate gewesen: "Ich habe ein Lokalradio gegründet, wollte ein Sealife Aquarium hierher bringen, den Fährhafen modernisieren", mit allem sei er an Desinteresse und Korruption gescheitert. Nur UKIP habe solche Ideen aufgegriffen: "Sie wollten den Flughafen wieder eröffnen, in das Gesundheitssystem investieren." Farage hätte für die Stadt gekämpft, da ist sich Joseph Hudson sicher. Aber der Ex-UKIP-Chef werde bestimmt zurückkommen, das sei doch keiner, der das Handtuch wirft.

Warten auf die Rückkehr von Farage

Die UKIP-Parteizentrale ist am frühen Nachmittag geschlossen. Die Plakate hängen noch, aber die Parteifunktionäre pflegen wohl ihren Nach-Wahl-Kater. Im Laden nebenan kaufen ältere Frauen Nippes bei einer Organisation zur Rettung von Katzen. Das Nagelstudio gegenüber wird von Thailänderinnen betrieben. Die Anti-Zuwanderer-Slogans sind an denn nägelfeilenden Mädchen völlig vorbeigegangen. Bitte nein, keine Politik, kichern sie.

Zwei junge UKIP Anhänger (Foto: DW/B. Wesel)

Hätten Farage gerne im Unterhaus gesehen: Walter und David

Vor dem Pub nebenan trinken Walter und David ihr erstes Wochenendbier. Die beiden Mittzwanziger haben UKIP gewählt. "Das ist ja fast wie ein Schimpfwort, man kann es kaum zugeben, aber das ist uns egal." Wenn Farage ins Parlament gewählt worden wäre, hätte er das als Test betrachtet, mein Walter. Er hätte in den fünf Jahren zeigen müssen, ob er etwas für Ramsgate tun kann, wie zum Beispiel Arbeitsplätze bringen. "Am Hafen gibt es ein großes Projekt für ein Hotel- und Einkaufszentrum, das liegt seit Jahren still", sagt der junge Mann. Daraus und aus dem stillgelegten Flughafen könne man etwas machen, man brauche nur Investoren. Glaubt er an die Rückkehr von Farage? "Ohne ihn gehen sie hier unter, er ist charismatisch und bekannt", aber bestimmt würde er es in fünf Jahren noch mal versuchen.

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