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Alltagsdeutsch – Podcast

Ein besonderer Poetry-Slam

Wo findet man das: Juden, Moslems und Christen messen sich mit Worten, werben dabei für Toleranz, für den Abbau von Vorurteilen und erzählen berührende Geschichten? Die Antwort: bei einem „Interreligiösen Poetry-Slam“.

Audio anhören 06:50

Ein besonderer Poetry-Slam – die Folge als MP3

DAS MANUSKRIPT ZUR FOLGE

Sprecherin:
Zwei muslimische Studenten: Der eine ist in Syrien geboren und in Deutschland aufgewachsen, der andere in der früheren DDR. Die beiden, Youssef Adlah und Younes Al-Amayra, kamen 2011 auf die Idee, einen Dichterwettstreit – neudeutsch: Poetry-Slam – auszutragen. Bei diesem setzten sich junge Muslime und Musliminnen in einer Art Sprechgesang oder in Gedichtform mit religiösen, politischen, aber auch alltäglichen Themen auseinander. Im selben Jahr fand der erste „i‚ Slam“ in Berlin statt. Seitdem folgten mehrere „Slams“ in verschiedenen deutschen Städten. Die beiden wollten es aber nicht nur bei einem rein auf Moslems beschränkten Wettstreit belassen. So fanden 2012 und 2013 auch so genannte „Interreligöse Slams“ in Berlin statt. Youssef Adlah nennt den Hauptgrund:

Youssef Adlah:
„Also, unser Hauptziel ist es, dass wir in Dialog treten, wir als Muslime mit der Mehrheitsgesellschaft, mit Andersdenkenden, mit Andersgläubigen. Damit wir sie kennenlernen und sie uns kennenlernen, was auch ein Glaubensgrundsatz bei uns ist, eine Sure aus dem Koran: ‚Gott hat aus uns verschiedene Völker gemacht, damit wir uns kennenlernen.‘ Das ist halt auch unser Antrieb.“

Sprecherin:
Bei dem „Slam“ treten junge Muslime, Juden und Christen mit ihren Texten gegeneinander an. Am Ende entscheidet das Publikum mit seinem Applaus oder in geheimer Abstimmung, wer den Wettbewerb gewinnt. Dabei geht es nicht um die Unterschiede zwischen den Religionen, sondern um deren Gemeinsamkeiten. In den selbstverfassten Gedichten und Geschichten sprechen die jungen Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne Themen an, die sie berühren. Sie wollen so – wie es Youssef formuliert – mit der christlichen deutschen Mehrheitsgesellschaft ins Gespräch kommen, aber auch mit Gläubigen anderer Religionen. Das ist ihre Motivation, ihr Antrieb. Ziel ist es, sich gegenseitig kennenzulernen, Vorurteile abzubauen. Youssef Adlah zitiert hier ein entsprechendes Kapitel, eine Sure, aus dem Koran. Sawsan Chebli, Politikwissenschaftlerin mit palästinensischen Wurzeln, findet das mit Blick auf das Thema „Religiosität in der Gesellschaft“ sehr wichtig:

Sawsan Chebli:
„Die Akzeptanz für Religiosität ist eher gering. Religiöse Menschen haben es schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Man sieht Religion oft als etwas Rückwärtsgewandtes, Amodernes, etwas, was nicht up-to-date ist, an. Und ich glaube, dieses Problem haben nicht nur junge Muslime, zum Beispiel, wenn sie ‚‘n Kopftuch tragen die Mädchen. Auch ‘n orthodoxer Jude, der mit ‘ner Kipa rumläuft, der wird doch auch schräg angeguckt.“

Sprecherin:
Nach Ansicht von Sawsan Chebli gelten in Deutschland diejenigen, die religiös sind, als Menschen, die nicht modern sind, sondern in der Vergangenheit leben. Sie verwendet dafür die synonymen Begriffe „rückwärtsgewandt“, „amodern“ und „nicht up-to-date“. Wenn diese Menschen dann auch noch sichtbare Zeichen ihrer religiösen Überzeugung tragen, fallen sie besonders auf und werden komisch, schräg, angeguckt. Zu diesen Zeichen gehören die Kopfbedeckung jüdischer Männer, die Kipa, und das Kopftuch muslimischer Frauen. – Die Art und Weise der vorgetragenen Texte unterscheidet sich: von sehr humorvoll und witzig über gefühlvoll bis hin zu ernsthaft und tiefgründig – wie bei dem jüdischen „Slammer“ Mike Delberg aus Berlin. Er dichtet über die alltägliche Gefahr der Diskriminierung von Minderheiten, ganz gleich, ob sie nun jüdischen Glaubens, Türken oder Homosexuelle sind:

Mike Delberg:
Pädophile und Rassisten, Nazis, Schläger, Terroristen. Frauenschänder, Diktatoren. Unterdrücker, Invasoren. Islamophobe, Extremisten. Alle Art Radikalisten. Mörder, Peiniger, Banditen, schmierige Antisemiten. Ja, auch dies sind alles Menschen. Wohnen mit uns Tür an Tür. Doch nicht wir sollten uns schämen, sondern sie sollen’s. Sorgt dafür. Diese Welt, in der wir leben, sie gehört uns allen hier. Drum erhebt euch gegen Hasser und sagt ihnen: Nicht mit mir.“

Sprecherin:
In seinem Text spricht Mike Delberg über unterschiedliche Menschen mit negativen Eigenschaften, die sogar unsere Nachbarn sein können. Zu ihnen zählt er unter anderen Menschen, die eine sexuelle Vorliebe für Kinder haben, so genannte Pädophile, sowie Männer, die Frauen vergewaltigen, Frauenschänder. Auch solche, die von der Angst vor dem Islam besessen sind, Islamophobe sowie Antisemiten, also Judenfeinde, gehören dazu. Mike Delberg definiert diese Antisemiten näher, indem er sie als „schmierig“ bezeichnet. Das Adjektiv wird als Charakterbezeichnung für unangenehme Menschen verwendet, die oft unehrlich sind, es aber nicht zeigen. Die Wortbeiträge kommen bei Besuchern wie Hans, der bislang noch keinen „Poetry-Slam“ gesehen hatte, an:

Hans:
„Die Tatsache, dass junge Leute von verschiedenen Religionen einfach zusammenkommen und gemeinsam so ‘n Abend bestreiten, gemeinsam Spaß haben, gemeinsam nachdenken, gemeinsam auch berührt sind und sich freuen und sozusagen dadurch auch Vorurteile abbauen. Und die andere Religion auch besser kennenlernen und so. Das ist eigentlich das Allerwichtigste. Darum geht’s.“

Sprecherin:
Hans betont, dass für ihn das Gemeinschaftliche an dem Abend das Wichtigste ist. Junge Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Herkunft führen an dem Abend ein Programm auf, sie bestreiten den Abend. Sie haben ein gemeinsames Anliegen: mit ihren Textbeiträgen die Menschen zum Nachdenken bringen und sie auch emotional bewegen, sie berühren. Oder wie es „Slammer“ Sami el-Ali mit anderen Worten formuliert:

Sami el-Ali:
„Ich hoff‘, ich konnte euch beeinflussen. Ich find euch alle toll. Dankeschön.“






Arbeitsauftrag
Hört euch in eurer Lerngruppe den „Poetry-Slam“-Beitrag von Youssef Adlah an. Das MP3 findet ihr im Anhang. Erstellt eine schriftliche Zusammenfassung. Dabei könnt ihr folgende Fragen beantworten: Wer ist der „Ich“-Erzähler? Wo lebt er? Fühlt er sich dort wohl? Was sind seine Wünsche, seine Träume? Was hat er erlebt?

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