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Politik

Ein Baum, ein Mann, ein Fest

Drei Wochen vor Weihnachten knipst der US-Präsident in Washington traditionell den "nationalen Weihnachtsbaum" an. Ein Ortstermin mit Nikos Späth.

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Die 8000 Kalorien der Truthahn-Schlacht sind gerade verdaut, der Familienfeier-Marathon verkraftet und die Thanksgiving-Grußkarten kaum aus dem Briefkasten geholt, da stürzt sich der Amerikaner in die nächste Festivität. Eine Woche nach dem amerikanischen Erntedankfest, das am vierten Donnerstag im November gefeiert wird, beginnt in den USA die Weihnachtszeit. Und es ist nicht so, dass der gemeine Amerikaner gestresst wäre von all der Feierei – er hat gerade erst Appetit bekommen.

Eine ernste Angelegenheit

Nachdem also ausführlich dem nationalen Federvieh gehuldigt wurde, weiht Amerika am ersten Donnerstag im Dezember seine Weihnachtsbäume ein. Vorneweg der Präsident. Seit 1923, seit Calvin Coolidge diese Tradition ins Leben rief, knipst das Staatsoberhaupt unter dem Jubel einer frierenden Menschenmenge den auf dem Rasen des Weißen Hauses stehenden "nationalen Weihnachtsbaum" an.

Das National Christmas Tree Lighting ist eine ernste Angelegenheit. Es gibt sogar eine Organisation, genannt Christmas Pageant of Peace, die einen eigenen Präsidenten hat und keinen anderen Zweck, als die Licht-an-Zeremonie zu überwachen. Und: Wie so oft in Amerika ist die Veranstaltung auch eine patriotische Angelegenheit. Man beschwört den nationalen Zusammenhalt, dankt Gott – und hofft auf Frieden.

Unpatriotischer Widerstand

Doch etwas stimmt an diesem Abend (4.12.2003) nicht. Zwischen Matrosen mit Kleinkindern auf den Schultern, Armee-Kadetten, Santa-Claus-bemützten Schulkindern und "Stars-and-Stripes"-Flaggen schwenkenden Rentnerpärchen haben sich ein paar unpatriotische Gesellen gemischt.

Zehn Frauen stehen da. Mit pinkfarbenen Mützen auf dem Kopf und einem pinkfarbenen Banner in den Händen. "Codepink women for peace" haben sie darauf geschrieben. Sie singen von einem "gerechten Weihnachten". Einem Weihnachten, "an dem Bush nur noch für die Menschenrechte kämpft und unsere Führer keine Bomben mehr werfen". Sie singen gegen den Geheimdienst CIA und für den Weltfrieden – und lassen sich auch von einem berittenen Polizisten nicht einschüchtern, der um sie herumgaloppiert und grimmig "stop singing" fordert.

Es gibt an diesem Abend weiteren – wenn auch verdeckten – Widerstand. Eine Gruppe albernder Teenager macht sich über das Vorprogramm lustig. "Santa Claus nervt", sagt ein Junge. Ein anderer meint, Sopranistin Twyla Robinson sei fett. Und die anderen Zaungäste rundherum beschäftigen sich vor allem mit Mobiltelefon und Digitalkamera.

George drückt den Knopf

Dann kommt der Präsident. Mit ernster Miene tritt George W. Bush ans Rednerpult. Seine Schäfchen verstummen. Selbst die Teenager sind still. Bush spricht von Frieden und einer "großartigen Nation", von Zusammenhalt und dem "uneigennützigen Einsatz" der Soldaten im Irak. "Yeahhh", raunt die Menge und applaudiert – die patriotische Disziplin ist wieder hergestellt. Dann macht Bush einen Witz über Santa Claus’ Schlitten und sein Dienstflugzeug Airforce One, und stimmt den Countdown an: "Five, four, three...".

13.000 vom Konzern General Electric gesponserte Lampen illuminieren die 15 Meter hohe Colorado-Blautanne und tauchen sie in ein Farbenmeer aus Grün, Blau, Orange und Rot. Die einmonatige Schufterei von fünf Arbeitern an dem 1978 als National Christmas Tree gepflanzten Baum hat sich gelohnt. Kollektiv singt die Menge im Vorgarten des Weißen Hauses "Jingle Bells". Und dann fallen tatsächlich die ersten zarten Schneeflöckchen des Jahres auf den grünen Rasen. Ein wahrhaftig magischer Moment, wie ihn Hollywood nicht besser hätte inszenieren können.

Merry Christmas, Weihnachten kann beginnen!