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Der Brexit und die Folgen

Ein Arbeitsvisum für John Cryan?

Braucht der Chef der Deutschen Bank womöglich bald ein Visum? Als Brite, der in Frankfurt arbeitet, durchaus denkbar. Eine Gruppe junger Briten in Berlin kämpft für den Erhalt von EU-Regelungen auf der Insel.

Briten in Berlin (DW/M. Hütter)

Die Waliserin Heidi Leyton arbeitet als Stadtführerin in Berlin

"Unmöglich" hatten viele gedacht. Und gehofft, alles werde sich schon wieder richten. Mit einem zweiten Referendum. Mit einem Veto des Parlaments. Egal wie. Rund 10.000 britische Staatsbürger leben in Berlin, besonders für junge Briten ist die Stadt mit Kulturszene, Nachtleben und ihrer Internationalität so attraktiv wie London - nur eben erschwinglich.

Erst nach und nach, so sagen viele, werde ihnen klar, was das Brexit-Votum ihrer Landsleute bedeutet: nämlich tatsächlich Brexit. Am 29. März 2019 wird Großbritannien voraussichtlich nicht mehr zur Europäischen Union gehören. "Ich glaube, ich bin wie viele Briten durch einen Prozess gegangen", sagt Lorna Cannon. "Erst wollte ich es nicht wahrhaben, dann war ich traurig. Nun habe ich das Gefühl, etwas tun zu müssen." Lorna Cannon ist eine von rund einem Dutzend junger Briten, die sich in einem Café in Berlin Kreuzberg zusammen gefunden haben. Sie wollen sich zusammen schließen, eine Gruppe gründen, um weitere Mitglieder werben - und sich politisch engagieren. 

Briten in Berlin (DW/M. Hütter)

Gründeratmosphäre: Junge Briten gründen "forwardbritain" in Berlin-Kreuzberg

"What happens if we leave the EU?"

"Was passiert, wenn wir die EU verlassen?"  Diese Frage wurde signifikant häufiger gestellt, meldete Google. Allerdings für den Abend NACH dem Referendum, nicht davor. Zwar lag die Wahlbeteiligung bei über 70 Prozent, von den Briten unter 39 Jahren allerdings gingen nur rund zwei Drittel (65 Prozent) wählen. Sind die jungen Briten zu spät aufgewacht? Ruby Eaton, Englischlehrerin in Berlin, sieht das so: "Wir haben alle in unserer Facebook-Blase gelebt… Ich kannte niemanden, der für den Brexit gestimmt hat." Nun sitzt auch sie in dem Kreuzberger Café und will sich engagieren. Sie macht sich, wie andere auch, Sorgen um ihren Aufenthaltsstatus.

Wie die meisten der mehr als zwei Millionen Briten, die auf dem Kontinent leben: sonnenhungrige Rentner an Spaniens Küste, Studenten, Unternehmer, Angestellte, auch in Spitzenpositionen, wie z.B. John Cryan.  Braucht der Chef der Deutschen Bank künftig ein Visum, um in Frankfurt wohnen zu dürfen? Das Aufenthaltsrecht ist eine der größten Sorgen der Auslandsbriten - zumal die "Freizügigkeit", also das Recht aller EU-Bürger, sich überall in der Union niederzulassen, ein Grund für die Skepsis der EU-Gegner war. Viele von Ihnen wollten weniger Einwanderer aus Osteuropa auf der Insel.

John Cryan Deutsche Bank Pressekonferenz Frankfurt am Main (picture-alliance/dpa/F. von Erichsen)

John Cryan, Chef der Deutschen Bank

Um diese Wähler nicht zu enttäuschen, wird die britische Regierung die Freizügigkeit wohl künftig einschränken wollen - im Gegenzug wird die EU vermutlich mit Einschränkungen für die Auslandsbriten drohen. Ihr Aufenthaltsstatus auf dem Kontinent ist Verhandlungsmasse. 

Dazu kommen weitere Fragen - nach Krankenversicherung, Vermögenssteuern, Arbeitnehmerrechten bei britischen Firmen, Finanzierung von Austauschprogrammen, Wissenschaftsförderung und noch vieles mehr.  Auch jeder privatwirtschaftliche Vertrag, der sich auf die EU bezieht, sollte überprüft werden, bevor Großbritannien ausscheidet. Ein gigantischer Aufwand mit kaum abschätzbaren Kosten.

Briten in Berlin (DW/M. Hütter)

Ruby Eadon unterrichtet Englisch in Berlin. Auch sie sorgt sich um ihren Aufenthaltsstatus.

Winners and loosers

Wenig überraschend, dass die Anwälte und Berater für EU-Recht sich zu den Gewinnern der Scheidung zählen dürfen, ebenso wie Frankfurt und Berlin ebenfalls einige Chancen sehen. Beide Städte buhlen um die Ansiedlung Londoner Firmen. Während der Finanzplatz Frankfurt um die Banken wirbt, die weiterhin Zugang zum Europäischen Binnenmarkt brauchen, verzeichnet die Standort-Marketingagentur "Partner für Berlin" bereits rund 40 Anfragen von Londoner Startups - insgesamt fünf Unternehmen seien noch im Jahr 2016 umgezogen nach Berlin.

Video ansehen 03:32

Brexit Reax - Brits in Berlin

Für die meisten Branchen aber, deren Produktions- und Lieferketten über Ländergrenzen eng verwoben sind, wird der Brexit sehr teuer. Das gilt sowohl für die Wirtschaft in Großbritannien und als auch für die auf dem Kontinent. Der Internationale Währungsfonds hat wegen des Brexit-Votums bereits seine Prognosen für das Wachstum der Weltwirtschaft gesenkt.

Und nun?

Mit dem Einreichen der "Scheidungspapiere" am 29. März beginnt die zweijährige Frist für die Verhandlungen zum EU-Austritt. Es geht um die Frage, wo welche EU-Regeln weiterhin gelten. Die "Freizügigkeit" von Personen ist da nur eine von vielen Baustellen.

Für die jungen Auslandsbriten in Berlin aber ist sie eine der wichtigsten. Das Treffen in dem Kreuzberger Café ist das erste der Gruppe fowardbritain. Ihr Gründer, der Aktivist Mark Whiley, hat eingeladen - er sucht Unterstützer für Lobbyarbeit gegen eine allzu harsche Verhandlungsposition seiner Regierung. Man könnte auch sagen, er will versuchen zu retten, was noch zu retten ist von den EU-Regeln, die momentan noch auf der Insel gelten. Man habe sich "fowardbritain" genannt, weil man positiv in die Zukunft blicke, erklärt er. Auf keinen Fall sollte seine Heimat "zurückfallen in Isolation und Protektionismus", der jetzt nicht nur in Großbritannien für viele so anziehend sei. Für ihn geht es darum, Druck aufzubauen, auf die heimischen Abgeordneten mit Briefen, Petitionen, Demonstrationen - eventuell werde es auch eine Beratung geben für Landsleute, die sich Sorgen um ihr Aufenthaltsrecht machen.

Allein in Deutschland leben rund 100.000 britische Staatsbürger. Die Waliserin Heidi Leyton, die seit fast 10 Jahren in Berlin lebt, bringt die Unsicherheit vieler Auslandsbriten auf den Punkt. "Als ich kam", erzählt sie, "fühlte es sich nicht so an, als würde ich mein Land verlassen - es war einfach ein anderer Teil der Europäischen Union". Vielen ihrer britischen Freunde in Berlin ginge es genauso. "Nun gibt man uns das Gefühl, dass wir uns zwischen den Ländern entscheiden müssen."

 

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