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Amerika

Ein Amerikaner an der Spitze von BP

Mit Bob Dudley wird erstmals ein Amerikaner Chef des britischen Mineralölkonzerns BP. Am 1. Oktober soll der derzeitige Krisenmanager der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko den Chefsessel übernehmen.

Porträt des künftigen BP-Chefs Bob Dudley (Archivfoto: AP)

Der zukünftige BP-Chef Bob Dudley

Im zweiten Versuch klappt es mit dem Chefposten. Bereits 2007 war Bob Dudley für die Position des Vorstandsvorsitzenden von BP im Gespräch. Damals schnappte ihm der heutige BP-Chef Tony Hayward den Posten weg. Doch jetzt hat sich die Lage geändert. Plötzlich scheint Dudley der richtige Mann zu sein.

Haywards Krisenmanagement im Golf von Mexiko wurde heftig kritisiert. In den USA wird er als arrogant empfunden, weil er wenig Einfühlungsvermögen gegenüber den von der Umweltkatastrophe betroffenen Bewohnern der Küstenstaaten zeigte. Stattdessen hatte er sein Leid geklagt, in dem er sagte, er wolle "sein altes Leben wiederhaben", also sein Leben von vor der Katastrophe. Zudem hatte er die Folgen der Katastrophe heruntergespielt und damit sein öffentliches Vertrauen verspielt. Für viele Amerikaner ist er zu einer regelrechten Hassfigur geworden.

BP-Chef Tony Hayward vor dem ölverschmutzten Strand Fouchon Beach im US-Bundesstaat Louisiana (Foto: AP)

Der Noch-BP-Chef: Tony Hayward vor der ölverschmutzten Küste von Fouchon Beach im US-Bundesstaat Louisiana

"Außenminister" übernimmt Krisenmanagement

Aufgrund der heftigen Kritik an Hayward gab der BP-Chef das Krisenmanagement der Ölpest Mitte Juni an Bob Dudley ab. Dudley, seit Februar 2009 bei BP Vorstand für Asien und Amerika, gilt als "Feuerwehrmann" in dem Konzern, der löscht, wenn es brennt. Wurde es im Ausland für den Energieriesen heikel, etwa in China oder Indien, erschien Dudley. "Wo auch immer ein Sturm tobt, er ist das Auge des Sturms, in dem die Leute in Ruhe denken und analysieren dürfen, um zu einer Entscheidung zu kommen", sagte einmal sein ehemaliger Geschäftspartner Peter Necarsulmer der "New York Times".

Seine vermutlich schwerste Zeit aber hatte Dudley in Russland, wo er Chef von TNK-BP war, einem russisch-britischen Gemeinschaftsunternehmen. Zwischen den beiden Partnern kam Streit auf, weil die russischen Anteilseigner BP vorwarfen, das Unternehmen wie eine Filiale zu behandeln. Aus dem Streit mit dem Oligarchen-Konsortium AAR wurde ein politischer Machtkampf. Die Lage wurde so brenzlig, dass Bob Dudley 2008 fluchtartig Moskau verließ, weil ihm das Visum nicht verlängert wurde. Er versuchte noch, das Unternehmen aus dem Ausland zu lenken. Das klappte jedoch nicht. Aber diese Erfahrung hat ihn weiter gebracht. "Man lernt in so einer schnellen, undurchsichtigen Umgebung, ruhig zu bleiben und sich rasch zu organisieren", so Dudley, der als ein geschickter Verhandler gilt - so geschickt, dass Noch-BP-Chef Hayward ihn als "Außenminister" von BP bezeichnete.

Der Weg zu BP

Porträt von Bob Dudley (Archivfoto: AP)

Dudley: Entschlossener Blick

Bob Dudley, der eigentlich Robert Dudley heißt, wurde 1955 in New York im Stadtteil Queens geboren. Er wuchs aber in Mississippi auf - einem der von der aktuellen Ölkatastrophe am schlimmsten betroffenen US-Bundestaaten. In Illinois studierte er dann chemische Verfahrenstechnik und machte anschließend seinen Abschluss in Betriebswirtschaft in Arizona und Texas.

Vor gut 30 Jahren, im Jahr 1979, begann er dann schließlich seine Karriere in der Ölbranche. Zunächst fing er bei dem US-Konzern Amoco, der American Oil Company, an. 1998 fusionierte Amoco mit BP zu BP Amoco. Später wurde das Unternehmen in BP umbenannt. So kam der heute 54-Jährige zu BP.

Die Welt ist das Ziel

Bereits kurz nach seinem Berufseinstieg zog es Bob Dudley ins Ausland. Im Südchinesischen Meer arbeitete er insgesamt sechs Jahre lang an einem Bohrprojekt. Anschließend ging es nach Moskau, ans Kaspische Meer, nach Angola, Algerien und Ägypten. 2003 schließlich wurde er Chef des russisch-britischen Gemeinschaftsunternehmens TNK-BP. Seit Februar 2009 hatte er dann als Vorstand die Regionen Amerika und Asien zu verantworten, bevor er im Juni dieses Jahres zusätzlich Krisenmanager der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wurde. Im Oktober schließlich soll der verheiratete Vater zweier Kinder dann Vorstandsvorsitzender von BP werden.

Der richtige Mann zur richtigen Zeit

BP - die Abkürzung entstand aus dem früheren Namen "British Petroleum" - gilt als eines der wichtigsten, vielleicht sogar als das wichtigste Unternehmen Großbritanniens. Es ist mit fast 240 Milliarden Dollar Umsatz pro Jahr der umsatzstärkste Konzern des Landes und einer der größten Steuerzahler. Zudem ist es eines der wenigen bedeutenden Industrieunternehmen eines Landes, das ansonsten vor allem im Banken- und Dienstleistungssektor groß ist. Es ist also verständlich, dass BP in Großbritannien einen besonderen Stellenwert hat.

Noch nie wurde der britische Ölriese von einem nicht-britischen Chef geführt. Die US-amerikanische Herkunft Dudleys, die in normalen Zeiten vielleicht eher hinderlich gewesen wäre, erweist sich jetzt in Krisenzeiten als Vorteil. Schließlich liegt das Hauptproblem des Öl-Multis derzeit im Golf von Mexiko vor der Küste der USA. Aus dem Umfeld von BP verlautete, die Angriffe aus den USA könnten mit Dudley an der Spitze nachlassen. Und in den USA entscheidet sich letztendlich auch die weitere Zukunft des Konzerns. Es kann also nicht hinderlich sein, einen guten Draht zu dem Land zu haben.

Advantage Amerika

Noch-BP-Chef Tony Hayward. Hinter ihm steht der zukünftige BP-Chef Bob Dudley (Foto: AP Photo/Susan Walsh, File)

Nachfolger: Dudley folgt Hayward - nicht nur im Bild

Von der amerikanischen Öffentlichkeit wird der emotionale Amerikaner positiver wahrgenommen als der kühle Brite Hayward. Sympathien verleiht Dudley, dass er im US-Bundesstaat Mississippi aufgewachsen ist, der von der Ölkatastrophe besonders betroffen ist. Er kennt also die Gegend und weiß, wie wichtig die Küstenregion für die Menschen ist. "Ich wurde beim Schwimmen und Fischen an der Küste groß", hatte Bob Dudley nach dem Besuch ölverschmutzter Strände im US-Bundesstaat Louisiana gesagt.

Aussagen wie diese kommen bei den Menschen dort besser an als Klagen von Hayward, er wolle sein altes Leben wieder haben. Dudley hingegen scheint die Öl-Katastrophe nahe zu gehen, wenn man Äußerungen wie diesen Glauben schenkt: "Was ich gesehen habe, war schmerzhaft, emotional und schockierend. Im Fernsehen wirken diese Bilder verstörend, aber wenn Du so etwas aus erster Hand siehst, wird es persönlich." Jemand der so etwas sagt, kann es schaffen, das Image des Konzerns in den Vereinigten Staaten von Amerika aufzupolieren.

Wie wichtig ist ein Akzent für das Überleben von BP?

Wichtig ist, dass der neue BP-Chef einen guten Draht zu den betroffenen Küstenbewohnern, zu den amerikanischen Medien und zu der US-Regierung aufbauen kann. Und deren Sprache scheint er zu sprechen - einerseits inhaltlich durch seine ehrlich-betroffen anmutenden Äußerungen. Andererseits aber auch wortwörtlich durch die Sprache, den Akzent, den er spricht. Zum einen spricht er kein in Amerika oft als snobbistisch angesehenes Britisch-Englisch, sondern amerikanisches Englisch. Zum anderen hat er einen Südstaatenakzent. Das klingt nach einer Kleinigkeit. Aber diese Kleinigkeiten machen den Unterschied aus.

So verschafft ihm sein Südstaatenakzent in der von der Ölpest am meisten betroffenen Region zusätzliche Sympathien. "Dass ein Akzent sympathiestiftend sein kann, das ist empirisch belegt", sagt Professor Wera Aretz, Leiterin des Studiengangs Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Fresenius in Köln. "Durch den Akzent werden soziale Kategorisierungsprozesse ausgelöst. Man versucht quasi, die Persönlichkeit auf Basis der Sprachmerkmale schlusszufolgern", so Aretz.


Zwei Tierärzt behandeln eine Wasserschildkröte im Audubon Nature Institute's turtle rehabilitation center in New Orleans, beobachtet vom zukünftigen BP-Chef Dudley (Foto: AP)

Interessierter Beobachter: Bob Dudley schaut Tierärzten in New Orleans bei der Behandlung einer Wasserschildkröte zu

In Chefetagen großer Unternehmen ist es heute häufig so, dass Akzente abtrainiert werden. Schließlich soll beispielsweise ein Unternehmenschef für das gesamte Unternehmen stehen und nicht für eine einzelne Region. In diesem speziellen Fall scheint es genau umgekehrt zu sein. Hier wirkt sich etwas sonst häufig negativ Angesehenes positiv aus.

"Sprache ist in großem Maße identitätsstiftend. Der Sprecher signalisiert, dass er zu einer Nation, einer Kultur gehört", erklärt Wera Aretz. Und wenn in diesem Fall jemand die Sprache der betroffenen Menschen in der Katastrophen-Region spricht, dann kann das nur gut sein. "Ein Standardakzent, der eine Herkunft deutlich macht, kann positive Wirkungen haben. Er kann zu Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Sympathie führen." Und was kann BP derzeit mehr brauchen als das?

Autor: Marco Müller (dpa, apn, afp, rtr)
Redaktion: Mirjam Gehrke

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