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Alltagsdeutsch – Podcast

Ein alternatives Wohnprojekt

In deutschen Städten entstehen verstärkt Wohnprojekte, in denen mehrere Generationen zusammen unter einem Dach wohnen. Diese Wohnform hat ihre Vorteile sowohl für jüngere, als auch für ältere Menschen.

Audio anhören 07:12

Ein alternatives Wohnprojekt – die Folge als MP3

DAS MANUSKRIPT ZUR FOLGE

Sprecherin:
Die Großfamilie, in der Großeltern mit den erwachsenen Kindern und Enkeln zusammenleben, ist in Deutschland eine Ausnahme. Stattdessen leben meist nur die Eltern mit den noch nicht erwachsenen Kindern zusammen. Um die Kinderbetreuung von den ganz Kleinen, kümmern sich bei berufstätigen Paaren oder alleinerziehenden Eltern oft sogenannte Tagesmütter. Auf der anderen Seite stehen viele ältere Menschen vor der Wahl, nach dem Auszug ihrer Kinder, dem Tod eines Partners oder nach einer Trennung alleine zu leben oder in ein Altenheim zu gehen. Daher suchen manche Deutsche nach neuen Formen des Zusammenlebens. Dazu gehört beispielsweise das Zusammenleben von mehreren Generationen in einer Wohnanlage. Gerade in größeren deutschen Städten entstehen solche Anlagen – wie auch in Bonn. Am Stadtrand liegt die Mehrgenerationenwohnanlage „Amaryllis“. Das Zusammenleben hier erinnert an das einer Großfamilie, nur dass jede Partei ihre eigene Wohnung hat. Verteilt auf drei große Häuser mit insgesamt 33 Wohneinheiten wohnen Menschen im Alter von einem bis achtzig Jahren zusammen. Manche haben keinen Partner, sind alleinstehend oder auch alleinerziehend, manche sind verheiratet und haben Kinder. Gerd Hönscheid-Gross gehört zu den Gründern des Projekts. Er erzählt, wie es zu der Idee kam:

Gerd Hönscheid-Gross:
„Da stecken einige Leute dahinter, die gedacht haben, dass sie etwas anders machen wollen, als in einer eher langweiligen Siedlung alt zu werden. Also, mir persönlich ging das so, dass ich mir nicht vorstellen konnte, in unserem schönen Einfamilienhäuschen alt zu werden. Das fand ich zu langweilig. Und da meiner Frau das ähnlich erging, haben wir beide uns auf die Suche gemacht und andere Leute gefunden, die gemeinschaftlich wohnen wollten.“

Sprecherin:
Für Gerd Hönscheid-Gross und seine Frau stand fest, dass sie nach dem Auszug der erwachsenen Kinder nicht bis zu ihrem Tod in ihrem Einfamilienhaus alleine leben wollten. Ihr Ziel war es, mit anderen in einer Gemeinschaft zusammenzuleben. Sie suchten und fanden Menschen, die so dachten wie sie. Und gemeinsam setzten sie die Idee in die Tat um. Es steckten also, wie es Gerd Hönscheid-Gross formuliert, einige Leute dahinter. Das neue Wohnprojekt sollte aber nicht den bekannten Siedlungen von Einfamilienhäusern ähneln, in denen wieder jeder nur in seinem Haus gelebt hätte. Nach Fertigstellung der Mehrgenerationenanlage sind Gerd Hönscheid-Gross und seine Frau im Jahr 2008 dort eingezogen. Das Besondere war, dass die Anlage komplett in Eigenleistung entstanden ist. Auch die Verwaltung liegt in den Händen der Bewohner. Zu ihnen gehört auch Tina. Die über 70-Jährige wurde 2005 auf das Projekt aufmerksam, als im Internet die ersten Berichte über „Amaryllis“ erschienen. Und was schätzt sie am Wohnen in der Anlage?

Tina:
„Was eben schön ist, grad’ wenn man auch die meiste Zeit zu Hause ist wie ich und das Gefühl hat, jetzt muss ich mal endlich mit einem Menschen wieder reden, dann setze ich mich da oben einfach hin, und man kann sicher sein, dass in Kürze irgendjemand vorbeikommt und ‘n Schwätzchen mit einem macht. Und das ist eben oft auch nicht nur belangloses Zeug, was da geschwabbelt wird, sondern das sind oft sehr interessante Gespräche. Und was auch wirklich ich sehr genieße: Man kriegt viel von den Jungen auch mit, von den Problemen, Fragen. Manchmal wird man selber auch noch mal gefragt nach irgendwas, wie hast du das denn früher gemacht.“

Sprecherin:
Die alleinstehende Tina erzählt, dass sie sich manchmal einfach nur auf ihren Balkon setzen muss, wenn sie das Bedürfnis hat, mit jemandem zu reden. Oft würde dann jemand stehenbleiben und sich mit ihr unterhalten, ein Schwätzchen halten. Die Formulierung, die aus dem süddeutschen Sprachraum kommt, bedeutet so viel wie in zwangloser Form über alles Mögliche zu sprechen. Wer jedoch schwabbelt,redet über unwichtige oder unnötige Dinge, über belangloses Zeug. Das ist bei den Gesprächen, die Tina führt, nicht der Fall. Stattdessen erzählen ihr etwa auch die jungen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner von ihren Problemen, stellen Fragen. Sie erfährt viel über sie, kriegt viel mit. Allerdings hat das Mehrgenerationenwohnen in Bonn neben all seinen Vorzügen auch seine Nachteile, meint Gerd Hönscheid-Gross:

Gerd Hönscheid-Gross:
„Das ist bestimmt nicht was für jeden. Das ist für die Leute gemacht, die Gemeinschaft suchen und möglichst auch schon ‘n bisschen Erfahrung haben im Zusammenleben mit anderen. Das ist natürlich manchmal auch nicht einfach. In jeder Familie, in jeder Nachbarschaft gibt’s Konflikte. Die gibt es bei uns auch. Und da kommt es eher drauf an, wie man diese löst. Da haben wir sehr viele und auch sehr schöne Erfahrungen gemacht.“

Sprecherin:
Wer sich dazu entscheidet, mit ihm unbekannten Menschen zusammenzuwohnen, muss das mögen, es muss für ihn passend, für ihn gemacht, sein. Was auch wichtig ist, ist die Fähigkeit, mit Konflikten umgehen zu können. Denn da, wo viele Menschen auf vergleichsweise engem Raum zusammenleben, gibt es auch Streit. Im Wohnprojekt „Amaryllis“ haben die Bewohner laut Gerd Hönscheid-Gross ihren Weg gefunden, Konflikte zu lösen. So wird viel diskutiert, und manchmal muss man sich auch einmal auf einen Kompromiss einlassen. Und wer mal genug hat von allem, kann eins tun, wie Tina erklärt:

Tina:
„Ich kann mich zurückziehen, und das passiert mir auch oft, dass ich sage: ‚ Ich hab’ so die Schnauze voll und ich will nicht immer alles diskutieren. Ich mag einfach nicht mehr. Und morgen mach’ ich die Tür zu, stell’s Telefon vielleicht sogar ab und auch die Hausklingel. Und das nimmt mir keiner übel.“

Sprecherin:
Wenn Tina keine Lust mehr hat zu diskutieren, die Schnauze voll hat, meidet sie den Kontakt mit den anderen. Sie zieht sich zurück. Wer etwas nicht mehr machen möchte oder mit jemandem nichts mehr zu tun haben will, verwendet die derbe Redewendung „Ich hab’ die Schnauze voll“. Wahrscheinlich geht sie zurück auf einen Hund, der seine Schnauze in den Dreck steckt. Obwohl Tina sich manchmal so verhält, ist ihr niemand böse, keiner nimmt es ihr übel. Auch wenn es manchmal Konflikte gibt, kann sich Tina nicht mehr vorstellen, ihr Alter in einer anderen Wohnform zu verbringen. Was sind die Gründe?

Tina:
„Langeweile gibt’s nie, man fühlt sich nicht unnütz – und das macht das Leben hier lebenswert.“

Sprecherin:
Tina drückt das aus, was vor allem für ältere Menschen wichtig ist: dass ihr Leben nicht langweilig ist und dass sie das Gefühl haben, von anderen gebraucht zu werden, nicht unnütz zu sein.






Arbeitsauftrag
Lest euch in eurer Lerngruppe folgenden Zeitungsartikel durch: http://bit.ly/1glSsBd. Jeder sucht sich dann eine der erwähnten Personen heraus – beispielsweise Heide Thomsen, Silke Gross, Klemens Roloff, Alexander Röhler, Bodo Frömgen-Siebenmorgen, Ute Vos. Bevor ihr eine dieser Personen vorstellt, schreibt eine Einleitung, worum es in dem Zeitungsartikel geht. Bei der Vorstellung der ausgewählten Person könnt ihr unter anderem folgende Fragen beantworten: Wer ist sie? Warum hat sie sich für eine alternative Wohnform entschieden? Zum Schluss könnt ihr ein persönliches Fazit ziehen, was ihr von alternativen Wohnformen haltet.

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