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Südkorea

Ein Album für die Sewol-Opfer

Am 16. April 2014 sank vor der südkoreanischen Insel, auf der Jisu Yun lebte, die Fähre Sewol. Mehr als 300 Menschen starben, die meisten davon nur wenig älter als sie selbst. An sie möchte Jisu erinnern. Musikalisch.

"Ich habe es morgens in den Nachrichten gehört", berichtet Jisu Yun. Es ist ein Mittwoch. Hunderte Highschool-Schüler sind seit dem Vorabend unterwegs auf einem Schulausflug in Richtung Jeju. Die Insel vor der südkoreanischen Küste ist ein beliebtes Exkursionsziel. Aber an diesem Tag ist es eine Reise in den Tod. Nach einer abrupten Kursänderung geht die stark überladene Fähre unter, und mit ihr 302 der insgesamt 476 Menschen an Bord. Eine hausgemachte und fahrlässig herbeigeführte Tragödie, wie sich später herausstellt.

Viel zu langsame Evakuierungsmaßnahmen, schlechtes Rettungs- und Krisenmanagement, eine mangelhafte Informationspolitik unter der mittlerweile über eine Korruptionsaffäre gestürzten Präsidentin Park Geun-Hye und die Erkenntnis, dass Korruption und Profitgier offenbar über die Sicherheit der Passagiere gestellt wurden - diese tragische Mischung aus menschlichem Versagen und krimineller Energie führt dazu, dass der Untergang der Sewol Südkora in eine regelrechte Identitätskrise stürzt.

Küstenwache in Schlauchbooten vor der untergegangenen Fähre Sewol, von der nur ein Teil des Rumpfes aus dem Wasser ragt (picture-alliance/AP Photo/A. Young-joon)

Einen Tag nach der Katastrophe im April 2014 sucht die Küstenwache nach vermissten Personen.

Von all dem ahnt Jisu Yun nichts an jenem Morgen. Sie sieht nur die Tragödie. "Es war ein Schock für mich, mir vorzustellen, dass diese Schüler auf dem Weg dahin, wo ich wohnte, ums Leben gekommen sind. Das hat mich verfolgt." Drei Jahre sind seitdem vergangen. Mittlerweile geht sie selbst zur Highschool. Doch der Untergang der Fähre lässt die 18-jährige nach wie vor nicht los. Gemeinsam mit ihrer Mutter nahm sie an Kerzen-Protesten teil, die jedes Wochenende auf öffentlichen Plätzen stattfanden. Sie kannte zwar niemanden auf dem  Schiff persönlich. Trotzdem hatte sie das starke Bedürfnis, den Angehörigen der Opfer ihr Beileid auszudrücken. "Ich wollte ihnen zeigen, dass ich mitfühle. Und ich wollte der Welt sagen, dass sie dieses Desaster nicht vergessen soll und dass sich so etwas nie wiederholen darf."

Mit "Music Maker Jam" zum eigenen Album

Jisu hat ein Hobby. In ihrer Freizeit macht sie Musik, komponiert mit Hilfe von verschiedenen Apps eigene Stücke. So entstand die Idee, die Geschichte des Sewol-Untergangs musikalisch nachzuerzählen. Im Mai 2016 beginnt sie mit ihrem Projekt, im März 2017 ist sie fertig. Auf youtube kann man sich das Ergebnis anhören und anschauen. "April 16th (0416)" – so der schlichte Titel. Insgesamt 14 Tracks gibt es, dazu Videoclips mit englischsprachigen Nachrichtenschnipseln von damals, die den Hergang der Tragödie zusammenfassen.

Die Stücke auf dem Album sind instrumental. Zwei hat Jisu Yun selbst komponiert, die anderen stammen von Freelance-Komponisten, unter anderem aus den USA und den Philippinen. "Ich habe einen Artikel über meine Idee auf einer Seite gepostet, wo auch andere Musiker aktiv sind und ihre Projekte vorstellen. Ich war mir erst nicht sicher, ob sich jemand auf meinen Aufruf melden würde. Doch dann lief es besser als ich erwartet hatte."

Der Untergang - in Dur und Moll

Das Album besteht aus zwei verschiedenen Teilen, erklärt Jiju Yun. "Die Songs im ersten Teil beschäftigen sich mit der Zeit vor der Katastrophe. Der Hörer soll dann musikalisch nachempfinden können, wie es passiert ist." So klingen die ersten Tracks heiter, sie sollen die Vorfreude der Schüler auf den Ausflug symbolisieren. Dann ändert sich die Klangfarbe, die Musik wird düsterer: Jetzt geht es um den Untergang, um die Angst der Schüler im Angesicht der sich entwickelnden Katastrophe, die Verzweiflung der Eltern, schließlich die Wut auf die Verantwortlichen und die Trauer. Im zweiten Teil finden sich dann musikalische Beileids-Bekundungen. "Ich habe die Künstler gebeten, sich inhaltlich an die Geschichte des Untergangs zu halten. Aber was die Komposition an sich anging, waren sie völlig frei. Deshalb finden sich auf dem Album auch unterschiedliche musikalische Genres."

 Schülerin Jisu Yun in Südkorea. (privat)

Im vergangenen Jahr hatte Jisu Yun die Idee, die Sewol-Katastrophe musikalisch aufzubereiten

Jisu lebt mittlerweile nicht mehr auf der Insel Jeju, sondern in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. In der  Bibliothek ihrer Highschool stieß sie auf das Buch "Recording Sewol Ferry" von Oh Jun-Ho. "Darin waren die Berichte der Überlebenden zusammengefasst und die Debatte um die Katastrophe. Dieses Buch hat mir geholfen, das ganze Geschehen nachzuerzählen und einen Handlungsstrang zu erarbeiten." In den Tracks geht es auch um einzelne Schicksale. Anstelle der koreanischen Namen hat Sisu den Passagieren der Sewol aber englische gegeben - aus Ausprachegründen für ausländische User, sagt sie.

Ein Stück Verarbeitung durch die Musik

Zu überlebenden Opfern oder den Angehörigen der Toten hat Jisu Yun keinen Kontakt. Obwohl ihr Album sich auch und gerade an sie wendet. Für das Mädchen selbst war das Projekt eine Art, mit den eigenen Gefühlen im Zusammenhang mit der Sewol-Tragödie umzugehen. "Die Arbeit an dem Album hat anfangs auch weh getan", sagt sie. "Aber dann hat es mich auch getröstet. Es hat gut getan, das alles mit anderen zu teilen. Es ist wie in dem alten Sprichwort: Geteiltes Glück ist doppeltes Glück, geteiltes Leid ist halbes Leid."

Die ersten Reaktionen auf "April 16th (0416)" waren positiv, berichtet Jisu. "Viele Menschen waren beeindruckt von meinem Projekt und haben mich gefragt, wie ich das allein geschafft habe. Und sie sagten, dass sie die Tragödie niemals vergessen würden."

Bergung der Sewol Ende März 2017

Drei Jahre nach der Katastrophe sind viele der Verantwortlichen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Angehörige der Sewol-Opfer am Wasser, im Hintergrund die geborgene Fähre (picture alliance/AP Photo/Yonhap)

Nach der Bergung der Sewol Ende März 2017 nehmen Angehörige der Opfer an einem Gedenkgottesdienst am Wasser teil - mit Blick auf das gehobene Wrack

So bekam beispielsweise der Kapitän der Sewol 36 Jahre Gefängnis. Zwar wurde er vom Vorwurf des Mordes frei gesprochen, aber sein fehlerhaftes Verhalten habe zum Tod hunderter Menschen geführt, hieß es in der Begründung. Für viele Angehörige der Opfer ein zu mildes Urteil. Zumindest eine Forderung der Hinterbliebenen wurde jetzt erfüllt: Ende März wurde das Wrack der Sewol endlich vom Grund des Meeres gehoben. Ein Versprechen, das Ex-Präsidentin Park am ersten Jahrestag des Unglücks gegeben hatte. Doch zwei weitere Jahre mussten die Eltern der ertrunkenen Schüler auf diesen Tag warten. Das Meer an der Unglücksstelle ist gerade einmal 40 Meter tief.

 

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