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Fußball

Ein Akt der Verzweiflung

Schalke 04 hat Trainer Huub Stevens entlassen. Was aussieht wie der übliche Reflex eines Vereins in der Krise ist in diesem Fall aber noch etwas mehr, meint DW-Sportredakteur Dirk Kaufmann.

Dirk Ulrich Kaufmann, Deutsche Welle

DW-Sportredakteur Dirk Kaufmann

Vor einigen Jahren haben die Fans des FC Schalke 04 eine Auswahl der besten und beliebtesten Spieler der über 100-jährigen Vereinsgeschichte gewählt. Deren virtueller Coach ist ihrem Votum nach der Niederländer Huub Stevens, der Schalker "Jahrhundert-Trainer". Unter seiner Leitung hat der Verein zwei deutsche Pokalsiege geholt und mit einer international eigentlich nicht konkurrenzfähigen Mannschaft 1997 sogar den UEFA-Pokal gewonnen.

Nach der 1:3-Heimpleite gegen den SC Freiburg an diesem Wochenende hat der Verein den Trainer entlassen. Nach dem erfolgreichsten Saisonstart seit Jahrzehnten hatte die Mannschaft in den vergangenen zwei Monaten eine Pleite an die andere gereiht und war auf den siebten Tabellenplatz abgerutscht. Obwohl das in jeder Saison mehrfach so geschieht, ist dieser Fall dennoch etwas Besonders: Hier wurde ein Denkmal gleichzeitig gestürzt und geschützt.

Zunehmend erfolglos, aber immer noch beliebt

Auch gegen Freiburg haben die Schalker gekämpft – sie haben nicht "gegen den Trainer" gespielt. Dieser Vorwurf wird ja schnell erhoben, wenn eine Mannschaft so deutlich unter ihren Möglichkeiten bleibt. Die Kicker sind gelaufen und haben gegrätscht, jedoch zu oft ohne Sinn und Verstand. Die Spieler wollten den Trainer offenbar nicht loswerden.

Das wollten die Fans auch nicht. Seit Wochen sind viele von ihnen mit der Arbeit von Huub Stevens unzufrieden, doch "Stevens-Raus"-Rufe hatte es nicht gegeben. Von einer Ausnahme abgesehen auch bei der Niederlage gegen Freiburg nicht.

Auf die Frage, ob die Heimniederlage und vor allem die schlechte Leistung der Mannschaft nicht personelle Konsequenzen haben müssten, hatte Sportvorstand Horst Heldt zunächst ausweichend geantwortet. Weder er noch der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies, sonst schnell für einen mitunter auch unqualifizierten Beitrag gut, wollten Huub Stevens in Frage stellen.

Ratlosigkeit und Verzweiflung

Warum trotzdem diese Entscheidung? Da ist zu einem die offensichtliche Ratlosigkeit des Trainers, der die Gründe für den sportlichen Niedergang zu kennen behauptet, aber kein Rezept dagegen findet. Verzweifeltes Hoffen auf eine Wende reicht als Antwort nicht.

Den anderen Grund haben die Hamburger, Stuttgarter und Freiburger Spieler aufgedeckt, die die eigentlich favorisierten Schalker zuletzt geschlagen haben: Die Mannschaft ist verunsichert und agiert zunehmend verzweifelt.

So musste der Vorstand schließlich doch handeln: Der Trainer muss gehen, um größeres Unheil abzuwenden. Die Entlassung als Akt der Verzweiflung – wirklich gewollt hat das beim FC Schalke offenbar niemand. Dennoch ist es der richtige Schritt zur richtigen Zeit: Dass die Entlassung zum Beginn der Winterpause erfolgt, gibt seinem Nachfolger Zeit, sich mit der Mannschaft vertraut zu machen. Und vor allem: Gelingt der Mannschaft mit dem neuen Trainer ein versöhnlicher Saisonabschluss, dann bekommt das Bild vom Jahrhundert-Trainer Huub Stevens nicht noch mehr Risse.