1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Alltagsdeutsch – Podcast

Ein älteres Semester

Sich nach dem Ende des Arbeitslebens auf das Altenteil zurückziehen: Für viele "ältere Semester" ist das undenkbar. Manche reisen oder gärtnern, andere nutzen den sogenannten Unruhestand zu einem Universitätsstudium.

Sprecher:

Unangenehme Tatsachen werden gern vertuscht. Eigens deswegen hat die Sprache die sogenannten Hüllwörter erfunden. Diese Hüllwörter nämlich haben die Fähigkeit, selbst noch das Unerfreulichste wohlklingend zu umschreiben und so fast schon annehmbar zu machen. So kann es von einer Frau über 60 heißen, sie stehe hoch in den 29ern. Ein rüstiger Greis schätzt es, wenn man ihm den dritten Lenz bescheinigt. Und jeder Inhaber eines Seniorenpasses fühlt sich geschmeichelt, wenn er ins Studentenalter zurückversetzt und als älteres Semester tituliert wird.

Sprecherin:

Ein älteres Semester – und das im wahrsten Sinne des Wortes – soll heute auch unseren Sprachzeugen spielen. Hier ist er: Anselm Schneider, Pensionär und wieder Student. Bevor wir uns genauer mit diesem merkwürdigen Zwitterdasein beschäftigen, eine Frage an den ehemaligen Verwaltungsjuristen. Herr Schneider, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Pension und Rente?

Anselm Schneider:

"Die Frage Pension oder Rente wird häufig gestellt und ich muss sagen, es ist ein sehr vielschichtiges Problem. Sie müssen von folgendem ausgehen: im öffentlichen Dienst gibt es drei Arten von Beschäftigungsverhältnissen, einmal das Beamtenverhältnis, dann das Angestelltenverhältnis, und das Arbeitsverhältnis. Der Angestellte und der Arbeiter geht in Rente, wie man so schön sagt, der Beamte geht auch wie der andere in den Ruhestand und bekommt ein Ruhestandsgehalt, und das nennt man die Pension. Und der Beamte, der in den Ruhestand geht, wird Pensionär – nach alter traditioneller Bezeichnung."

Sprecherin:

Neben dem Begriff Ruhestand ist seit einigen Jahren eine humoristisch familiäre Variante getreten: der Unruhestand. Was die offizielle Vokabel Ruhestand verschleiert. Dass nämlich viele Pensionäre und Rentner überhaupt nicht bereit sind, sich auf das Altenteil, das süße Nichtstun, zurückzuziehen. Immer mehr Ruheständler suchen sich nach Erreichen der Altersgrenze einen neuen Job. Immer mehr schreiben sich an den Universitäten ein, entweder um ein vor Jahren abgebrochenes Studium abzuschließen oder um ein neues zu beginnen. Die älteren Semester werden genauso behandelt wie die jungen. Sie genießen keinerlei Privilegien oder Vorrechte.

Anselm Schneider:

"Sie müssen pauken. Ich habe viele Gespräche geführt mit den älteren, mit Studenten und die haben mir gesagt, dass sie sehr viel büffeln und sehr viel arbeiten, und ich muss sagen, da kommt 'ne Menge bei raus."

Sprecher:

Über die Verben büffeln und pauken ließe sich leicht eine mehrstündige sprach- und kulturgeschichtliche Vorlesung halten. Wir müssen uns hiermit einigen Stichworten begnügen. Von Büffelarbeit oder büffeln spricht zum ersten Mal wieder Martin Luther. Er versteht darunter jede Art von stumpfsinnigem Kraftaufwand wie man ihn zum Beispiel einem vor den Pflug gespannten Büffel, das heißt Ochsen, abverlangt. Statt büffeln kann es daher auch ochsen oder ackern heißen. Mit gleicher Bedeutung, aber viel komplizierter Herkunft gesellt sich im 18. Jahrhundert das Zeitwort pauken hinzu. Seitdem büffelt, ochst, ackert, paukt der Student keineswegs immer, jedoch sicher, wenn es auf Prüfungen oder Examina zugeht.

Sprecherin:

Prüfungen und Examina – damit berühren wir ein heißes Eisen. Denn, dass nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt ältere Semester in ständig zunehmender Zahl auch ein Abschlussexamen anstreben, hat namentlich in einigen Praxis bezogenen Studiengängen wie Medizin, Physik oder Chemie schon zu erheblichen Misshelligkeiten geführt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die älteren Semester machen den jüngeren, das heißt der eigentlichen Studentengeneration, immer öfter die raren Labor- und Praktikantenplätze streitig, an denen man examensnotwendige Zwischenzeugnisse, sogenannte Scheine erwirbt. An einigen Universitäten hat das schon zu Generationskonflikten geführt. Überhaupt: Wie kommen sie miteinander zurecht, die älteren und die jüngeren Semester? Wie ist das Betriebsklima, wie der Umgangston?

Anselm Schneider:

"Ich habe noch nie gehört, dass jemand einen auf die Schulter geklopft hat und 'alter Knabe' gesagt hat. Die älteren Studenten, Studentinnen siezen sich. Es sei denn, dass sie also schon längere Zeit zusammen sind, in Seminaren. Dann kann es vorkommen, dass man sich duzt. Im Grunde genommen aber siezt man sich. Die jungen Studenten duzen sich generell und ich habe noch nicht gehört, dass ein junger Student oder eine junge Studentin den älteren Kommilitonen oder die Kommilitonin geduzt hat."

Sprecher:

Unser Sprachzeuge begann sein erstes Studium in Sommersemester 1948. Damals siezten sich im Allgemeinen noch alle Studenten. Das familiäre Du kam nur selten auf. Wer an der Universität viele Duzfreunde hatte, gehörte mit Sicherheit einer Studentenverbindung beziehungsweise einer politischen, religiösen oder sportlichen Gruppierung an. Man titulierte sich zwar nach alter lateinischer Sitte weiterhin als Fräulein oder Frau Kommilitonin oder Herr Kommilitone – das Wort bedeutet so viel wie Kamerad. Doch von einem studentischen Wir-Gefühl, einer durchgängigen Kameradschaft oder Kollegialität war wenig zu spüren.

Sprecherin:

Das änderte sich erst nach der westeuropäischen Studentenrevolte von 1968, die in Deutschland unter anderem, zu einer überhasteten Bildungsreform und damit zu der viel beklagten Massenuniversität unserer Tage führte. Seit damals duzen sich die Studenten. Zunächst verstand man das noch als ein Zeichen revolutionärer Solidarität, später wurde es zum Ausdruck einer hemdsärmeligen, das heißt alle Förmlichkeit scheuenden Jugendkultur. Deren Spielregeln freilich gelten nur für die jeweils eigene Generation. Deshalb werden die älteren Semester auch weiterhin brav gesiezt und keinesfalls mit saloppen Anreden traktiert – wie etwa altes Mädchen oder alter Knabe. Aber kommen wir noch einmal auf die Examina zurück. Sind sie leichter oder schwerer im Vergleich zu früher?

Anselm Schneider:

"Es gibt sicher noch Studienfächer, wo Studenten mit Pauken und Trompeten durchfallen können. Das ist zum Beispiel in der Juristerei der Fall. In vielen anderen Studienfächern ist die Auslese schon gesichert durch Zwischenprüfungen, die ablegt werden müssen.

Sprecher:

Pauken und Trompeten sind die Hauptinstrumente aller bekannten Triumphmärsche. Wenn nun einer sein Examen nicht besteht, es vergeigt oder durchfällt oder gar durchrasselt – warum sollte man ihm da noch einen Triumphmarsch spielen? Das wäre doch der reinste Hohn. Aber so meint es die Redensart auch nicht. Sie ist auf völlig andere Weise zustande gekommen. Erinnern wir uns noch einmal an das Verbum pauken. Seine Bedeutung haben wir eben erklärt, auch dass Pauken und Büffeln zur üblichen Examensvorbereitung gehören. Wenn nun ein Student trotz allen Paukens mit Pauken demnach dennoch durchfällt, dann ist das doppelt ärgerlich. Unsere Redensart entspricht diesem doppelten Verdruss, indem sie das lernende Pauken in die gleichlautenden Schlaginstrumente verwandelt und diesen zur Verstärkung auch noch Trompeten beistellt.

Sprecherin:

Mag auch die sogenannte Durchfallquote, das heißt die Zahl der Studenten geringer geworden sein, die ihr Examen nicht meistern, so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass es inzwischen immer mehr Studienabbrecher gibt. Was ist mit den Studenten, die nach ein paar Semestern plötzlich aussteigen, die Universität zu verlassen, um sie nie wieder zu betreten. Haben sie lediglich keine Lust mehr oder fehlt es ihnen an Ausdauer und Mut.

Anselm Schneider:

"Ob sie die Flinte ins Korn werfen, da bin ich nicht so ganz sicher."

Sprecher:

"Wer bei der Verteidigung der Demokratie die Flinte ins Korn wirft, ist so gut wie ein Deserteur", sagte in einer oft zitierten Rede einmal Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident nach der Revolution von 1918. Offenbar wusste Ebert wie es irgendwann im 18./19. Jahrhundert zum Ausdruck die Flinte ins Korn werfen gekommen war. Damals nämlich machten sich kriegsmüde Soldaten einen Sport daraus, ihre Flinten, also Gewehre in den sommerlichen Kornfeldern zu verstecken und fröhlich nach Hause zu pilgern. Fiel solch ein Soldat dem Feind in die Finger, so ließ man ihn, weil unbewaffnet, trotz Uniform laufen. Das war damals noch üblich. Erwischten ihn die eigenen Leute, so gab er vor, aus feindlicher Gefangenschaft geflohen zu sein. Das erklärte dann auch die fehlende Flinte. Die Flinte ins Korn werfen bedeutete also eigentlich desertieren. Heute gilt die Redensart nur noch im übertragenen Sinn und besagt, den Mut verlieren, alles hinwerfen und drangeben.

Sprecherin:

Das Gegenteil vom Studienabbrecher ist der verbummelte Student. Gibt es ihn eigentlich noch und was versteht man genau darunter?

Anselm Schneider:

"Also der verbummelte Student nach meiner Erinnerung war der Student, der viel Geld hatte und nichts tat und mit 50 Jahren immer noch an der Universität herumhing. Einen solchen Typen gibt es nicht mehr."

Sprecher:

Unser Sprachzeuge, immerhin Jahrgang 1926, hat seinen jungen Kommilitonen aufs Maul geschaut und sogar schon einige sprachliche Besonderheiten von ihnen übernommen. So verwendet er beim Wort der Typ den falschen Akkusativ der Jugendsprache, nennt den verbummelten Studenten einen Typen und nicht – wie es richtig wäre – einen Typ. Aus der Jugendsprache stammt auch die Vokabel herumhängen. Sie gehört zum Wortfeld faulenzen, von dem wir eingangs länger gesprochen haben. Da wir gerade bei Typen sind: Gibt es noch den zerstreuten Professor? Und wie kann man ihn definieren?

Anselm Schneider:

"Der zerstreute Professor, nach früherer Vorstellung war in der Regel ein Professor, der zuhause zerstreut war. Er küsste die Standuhr, das war ein Zeichen seiner völligen Zerstreutheit. Die jetzige Generation ist nicht zerstreut und die jetzigen Professoren habe ich noch nicht als zerstreute Professoren kennengelernt."

Sprecherin:

Nun haftete den Studenten ja früher der Ruf an, sie würden lieber trinken, lieber pokulieren als studieren. Ist das immer noch so?

Anselm Schneider:

"Es gibt noch Verbindungen wie früher auch. Und es gibt politische Gruppierungen und ökologische Gruppierungen. Es wird an sich häufig getanzt, es werden viele Feste gefeiert, aber so richtig das Fass aufmachen, das hab' ich noch nicht gehört. Bei dieser Generation."

Fragen zum Text

Der Ausdruck Dritter Lenz besagt, dass …

1. jemand noch sehr jung wirkt.

2. jemand drei Vorlesungen über den Frühling besucht hat.

3. jemand ziemlich alt aussieht.

Ein Beamter, der in den Ruhestand geht, bekommt …

1. keine Rente.

2. keine Pension.

3. kein Angestelltengehalt.

Studenten reden sich in der Regel mit … an.

1. "Sie"

2. "Du"

3. "Es"

Arbeitsauftrag

Informieren Sie sich darüber, wie hoch die Zahl der "älteren Semester" an deutschen Universitäten ist. Schreiben Sie einen Beitrag darüber, in dem sie unter anderem folgende Fragen beantworten: Welche Zugangsvoraussetzungen gibt es? Welche Erfahrungen machen ältere Studenten an der Universität? Welche Gründe gibt es für ein Studium?

Autor: Franz-Josef Michels

Redaktion: Beatrice Warken

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads